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Die Essenz unseres Ensembles

Gedanken in der Corona-Krise (2. Februar 2021)

von John Neumeier
Es ist schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das Hamburg Ballett vergangenes Jahr am 31. Januar mit "Die Glasmenagerie" die letzte Vorstellung in der Hamburgischen Staatsoper vor voll besetzten Rängen tanzte, dass unser letztes reguläres Gastspiel mit normalem Publikum in Venedig fast ein Jahr zurückliegt. Wenn man das alles bedenkt, dann ist das Hamburg Ballett wie ein Wunder!

Im Moment konzentrieren wir uns auf die Qualität von dem, was wir so bald wie möglich wieder zeigen wollen. Wir arbeiten hauptsächlich an drei Balletten: an "Beethoven-Projekt II", an dem ich immer noch feile und für das ich eine gut einstudierte B-Besetzung vorbereiten möchte, am Ballett "Ein Sommernachtstraum", das wir als Film aufzeichnen wollen, und an "Tod in Venedig", wiederum in zwei sehr guten Besetzungen.

Wenn ich in einen Durchlauf von einem dieser Ballette gehe und bedenke, dass den Tänzern ein ganz wesentlicher Aspekt ihres Berufs – die Kommunikation mit unserem Publikum – seit sehr Langem fehlt, bin ich voll Bewunderung: dafür, wie professionell sie trainieren, wie sie die Ernsthaftigkeit der Pandemie annehmen, wie sie sich im Ballettzentrum Hamburg abseits der Proben immer mit Maske und einer gewissen Distanz bewegen. Das ist sehr stark!

Eine Direktion geben

Für mich persönlich ist es eine intensive Zeit mit dem Hamburg Ballett – auch dadurch, dass ich keine auswärtigen Verpflichtungen habe. Meine Projekte in Amerika, an der Mailänder Scala, einfach überall – sind abgesagt. Ich konzentriere mich wirklich voll – und das heißt: jeden Tag – auf mein Ensemble. Diese Verbindung halte ich gerade in Krisenzeiten für absolut wesentlich: dass ein Direktor tatsächlich eine "Direktion" vorgibt. Dass man vermittelt, dass in diesem Beruf immer noch die Möglichkeit besteht, besser zu werden. Es ist zugleich ein Beweis für die Bescheidenheit von Künstlern, die nicht beleidigt sind, weil sie sich nicht zeigen können, sondern immer weiter ernsthaft an dem arbeiten, was sie irgendwann wieder zeigen werden.

In dieser Hinsicht ist der Zustand des Hamburg Ballett exzellent. Wir arbeiten sehr präzise an unserem Repertoire: ob es sich um eine Hauptrolle handelt – wie man einer Figur noch weitere Nuancen und Schattierungen geben kann – oder ob ein Gruppentänzer eine Szene probt und man überlegt – auch ich als Choreograf –, wie sie noch raffinierter, noch vielseitiger gestaltet werden könnte.

Wir als Hamburg Ballett sind damit über Jahrzehnte sehr erfolgreich gewesen: mit zahllosen Vorstellungen, auch auf internationalen Bühnen. Wie oft haben wir Sehnsucht danach gehabt, mehr Zeit für die sorgfältige Ausarbeitung zu haben!

Sehnsucht verspüren wir auch in der Pandemie – nur unter umgekehrten Vorzeichen. Ein Künstler folgt nicht nur der Kunst, er sucht die Bühne. Derzeit fehlt die Kommunikation nach außen und damit eine ganz wesentliche Dimension unseres Berufs.

Das Denkbare ermöglichen

Es hat keinen Sinn über eine Welt zu klagen, die man nicht ändern kann. Es hat nur einen Sinn, sich für das einzusetzen, was denkbar ist. Wie es gelingt, dass doch noch große Kunst mit größtmöglicher Sicherheit stattfinden kann, haben die letztjährigen Salzburger Festspiele unter Helga Rabl-Stadler beispielhaft gezeigt: mit zigtausend Tests und unendlichen Vorsichtsmaßnahmen. Das wäre eher meine Richtung. Ich wäre "Aktivist": nicht ein blinder oder protestierender Aktivist, sondern jemand, der einen Dialog sucht, der sich mit größter Konsequenz für die sachgerechte Rückkehr zur großen Live-Aufführung einsetzt.

Natürlich sind wir alle noch nie mit solch einer Situation konfrontiert gewesen. Ich weiß aber, was es für Tänzer bedeutet, nicht zu tanzen, nicht Teil einer Kreation zu sein. Indem sie ihrer Berufung folgen, entscheiden sie sich für einen Beruf, der nicht besonders gut bezahlt ist und der auch nicht sehr lange ausgeübt werden kann. Das haben sie in Kauf genommen – und jetzt wird ihnen selbst das verwehrt. Es ist eine einschneidende Erfahrung für diese meist jungen Menschen. Was kann ich für sie tun? Wie vorsichtig muss ich sein, um ihren Arbeitsalltag so weit wie möglich zu erhalten? Das, so empfinde ich es, ist nun mein Job. Ein Job, den ich mir weder ausgesucht noch jemals für möglich gehalten hätte. Ich müsste mich eigentlich an der Harvard Law School anmelden, um alle Zusammenhänge richtig zu verstehen und angemessen argumentieren zu lernen.

Mir ist sehr wichtig, so bald wie möglich wieder eine Live-Vorstellung mit unserem Publikum zu haben – und dass wir uns dann als Ensemble von unserer besten Seite zeigen. Zurzeit ist eine Premierenserie von "Beethoven-Projekt II" mit Kent Nagano im April vorgesehen. Selbst für die letzten Monate dieser Saison sind wir in ernsthaften Gesprächen für drei Gastspiele: um Pfingsten herum in Baden-Baden und Wien sowie im Sommer als Open Air in Granada.

Projekte im Lockdown

Bis es soweit ist, möchten wir mein Ballett "Ein Sommernachtstraum" in den nächsten Wochen aufzeichnen. Es ist ein Klassiker des Hamburg Ballett, den wir mehr als 300-mal aufgeführt haben – überall auf der Welt. Obwohl sieben weitere Compagnien, u. a. an der Pariser Oper und am Bolschoi-Theater, das Ballett ins Repertoire übernommen haben, ist es noch nie verfilmt worden.

Insofern ist jetzt ein aufregender Zeitpunkt! Für mich ist es eine schwierige Entscheidung, welche Besetzung in diesem Film tanzen soll. Trotzdem freue ich mich sehr, dass so ein Dokument in dieser Zeit der Beschränkungen entsteht. Endlich einmal eine positive Nachricht!

Der Film soll an drei aufeinanderfolgenden Tagen in der Hamburgischen Staatsoper aufgezeichnet werden. Wahrscheinlich eher wie eine Studioproduktion, weil wir auf den Arbeitsschutz in unseren technischen Abteilungen Rücksicht nehmen müssen. Ein Glück ist das Bühnenbild von "Ein Sommernachtstraum" äußerst einfach: Die wichtigsten Änderungen von Szene zu Szene geschehen durch Tänzer.

Ich halte viel davon, bei einer Verfilmung den Wechsel des Mediums konsequent mitzudenken – mehr, als einfach zu sagen: Wir streamen eine Vorstellung als Live-Event. Selbst ein Streaming in der üblichen Form als Video-on-Demand bildet schon am nächsten Tag die Vergangenheit ab. Dann ist es nur noch der Film einer Live-Vorstellung, und das ist etwas ganz Anderes. Eine Live-Vorstellung ist unersetzbar, weil alles "hier" in meiner Gegenwart, in genau diesem Moment passiert.

Wenn man filmt, spielen ganz andere Kriterien eine Rolle, vor allem beim Ballett als zutiefst optischer Kunst. Wie kann man ersetzen, dass ich nicht präsent bei dieser Vorstellung bin, dass ich nicht die Aufregung dieses Moments habe? Was muss ich für drastische Bilder erleben, die für mich die Aufregung ersetzt, dass ich Alexandr Trusch in seinem Puck-Solo nicht live erlebe? – Ich freue mich wirklich sehr auf diesen Film!

Ein weiteres Projekt, für das ich mich zuletzt sehr eingesetzt habe, betrifft die Jungen Choreografen unserer Compagnie. Mir ist wichtig, dass die Idee eines Ensembles lebendig bleibt. Deswegen bin ich sehr dankbar für das Angebot von Isabella Vértes-Schütter, eine Woche lang die Bühne des Ernst Deutsch Theaters zu nutzen. Dort können wir die Ballette platzieren, beleuchten – und mit einfachen Mitteln aufzeichnen, sodass diese Werke wenigstens dokumentiert sind. Die Nachfrage unter den Ensemblemitgliedern ist sehr groß: Zurzeit arbeiten zwölf Junge Choreografen an ihren neuen Werken. Ich begrüße das und möchte ihre Kreativität keinesfalls limitieren, gerade in der Zeit monatelanger Theaterschließungen. Es ist eine hervorragende Möglichkeit, einen wesentlichen Aspekt unseres Künstler-Daseins lebendig zu halten.

Die Essenz

Wir haben im zurückliegenden Jahr lernen müssen, wie man mit einer Pandemie umgeht. Ich hoffe, dass wir eines Tages sagen können: Trotz drastischer Einschränkungen sind wir in dieser Zeit viel, viel besser geworden – als Künstler. Für mich ist das Wesentliche die Präsenz, meine Präsenz mit und in der Compagnie, sodass wir alle das Gefühl in uns erhalten: Wir sind noch ein Ensemble. Gott sei Dank habe ich im Sommer ein Hygienekonzept für unseren "Kontaktberuf" erarbeitet, das es uns erlaubt, einander nach den Vorgaben der Choreografie anzufassen – natürlich nur in Proben und Vorstellungen, nicht außerhalb!
Um es kurz zu machen: Solange wir arbeiten können, sind wir in unserer Essenz nicht gefährdet.

Aufgezeichnet von Jörn Rieckhoff
 

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