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Spielzeit 2018/2019 – Editorial

Lebenslinien

In den vergangenen 45 Jahren konnte ich in, mit und für die Stadt Hamburg so viel bewegen, dass ich mich immer wieder neu für diese traditionsreiche Hansestadt als Zentrum meiner künstlerischen Arbeit entschieden habe – in der festen Überzeugung, dass Ballett eine Gegenwartskunst ist. In der kommenden Saison feiere ich meinen 80. Geburtstag und nehme dies zum Anlass, in dem Programm meiner Compagnie einige "Lebenslinien" zusammenzuführen.

Die erste Premiere "Brahms/Balanchine" ist dem Choreografen George Balanchine gewidmet. Er war in gewisser Weise ein Vorbild für mich – nicht nur, weil er dem New York City Ballet vergleichbar verbunden blieb wie ich Hamburg. Er beeindruckte mich als Erneuerer des Tanzes, der seine eigenen "Wurzeln" tief in die Tradition hineinversenkte und mit der Kraft, die ihm daraus erwuchs, klassisches Ballett in zeitgemäße Ausdrucksformen überführte. Mit der zweiten Premiere "Die Glasmenagerie" spüre ich selbst den Wurzeln meiner literarischen Bildung nach und erwecke das bewegende Schauspiel des amerikanischen Dramatikers Tennessee Williams zu choreografischem Leben.

Im Repertoire führe ich den Schwerpunkt der vergangenen Saison fort und zeige anlässlich von Marius Petipas 200. Geburtstag mit "Der Nussknacker", "Illusionen – wie Schwanensee" und "Don Quixote" klassisch geprägte Ballette. Interessanterweise feiern wir zu Beginn der Saison zwei weitere Jubilare, deren Geburtstag sich 2018 zum einhundertsten Mal jährt: Leonard Bernstein ("Bernstein Dances") und Jerome Robbins ("Chopin Dances") – wobei sich beide schon als junge Männer kennenlernten und zusammen das Ballett "Fancy Free" schufen, das sie zu dem brillanten Musical "On the Town" weiterentwickelten. Später kreierten sie gemeinsam das großartige amerikanische Musical "West Side Story".

Darüber hinaus bietet das Saisonprogramm ein Panorama der verschiedenen Genres, die mich als Künstler in all den Jahren inspiriert haben: Konzertmusik ("Beethoven-Projekt", "All Our Yesterdays": "Des Knaben Wunderhorn" und "Fünfte Sinfonie von Gustav Mahler"), Literatur ("Anna Karenina", "Die Kameliendame"), Oratorium ("Weihnachtsoratorium I-VI") und auch eine Oper ("Orphée et Eurydice"). In zahlreichen Vorstellungen begegnen sich Gesang und Tanz auf vielfältige Weise, beispielsweise zu den Klängen von Brahms' "Liebeslieder-Walzern", Mahlers "Wunderhorn-Liedern", Bachs "Weihnachts-Oratorium" und den mitreißenden Songs in "Bernstein Dances".

Mein Ballett "Nijinsky" steht als "Biografie der Seele" jenseits gängiger Klassifizierungen. Vaslaw Nijinsky war schon immer der Fluchtpunkt meines Wirkens als Choreograf wie als Sammler. Für die Zukunft sehe ich ihn als Zentrum eines neuen Ballettinstituts in und für Hamburg. Um auch diese Vision zu verwirklichen, lade ich an meinem 80. Geburtstag zur Benefizgala in die Staatsoper ein. Ich freue mich, wenn wir alle uns an diesem besonderen Abend wiedersehen!

John Neumeier

Infomaterial für die Spielzeit 2018/2019
Vorverkaufsstart für die neue Saison!
Ab Montag, 11. Juni 2018

 

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