Seit 1973 ist John Neumeier Ballettdirektor und Chefchoreograf des Hamburg Ballett, seit 1996 hat er zusätzlich den Status eines Ballettintendanten. Geboren wurde er 1942 in Milwaukee/Wisconsin, USA. Den ersten Ballettunterricht erhielt er in seiner Heimatstadt, später in Kopenhagen und an der Royal Ballet School in London. Er studierte an der Marquette University in Milwaukee und machte seinen Bachelor of Arts in Englischer Literatur und Theaterwissenschaften. 1963 engagierte ihn John Cranko an das Stuttgarter Ballett, wo er später zum Solisten avancierte und seine ersten Choreografien schuf.

1969 berief ihn Ulrich Erfurt als Ballettdirektor nach Frankfurt am Main. John Neumeier erregte sehr schnell Aufsehen, vor allem durch seine Neudeutung bekannter Handlungsballette wie "Der Nussknacker", "Romeo und Julia" und "Daphnis und Chloë". August Everding holte ihn 1973 nach Hamburg. Unter Neumeiers Direktion wurde das Hamburg Ballett zu einer der führenden deutschen Ballettcompagnien und erhielt sehr bald internationale Anerkennung.

Sein Werk
Als Choreograf gilt sein Hauptinteresse der großen Form. Ein wesentliches künstlerisches Ziel ist es, neue, zeitgenössische Formen für das abendfüllende Ballett – sei es dramatisch oder sinfonisch – zu finden und sie in den Kontext der klassischen Ballett-Tradition zu stellen. Ihr fühlt er sich bei seinen Neufassungen der historischen Handlungs- und Märchenballette besonders verpflichtet: etwa in seinen Versionen von "Der Nussknacker", "Illusionen – wie Schwanensee", "Dornröschen", "Giselle" und der für die Pariser Oper geschaffenen "Sylvia".

In seinen Neuschöpfungen sucht Neumeier eigene Erzählstrukturen: etwa in der "Artus-Sage", den zahlreichen Shakespeare-Balletten, den für Marcia Haydée geschaffenen Literaturballetten "Die Kameliendame", "Endstation Sehnsucht" und in seinen Adaptionen von Ibsens "Peer Gynt", Homers "Odyssee" oder Tschechows "Die Möwe".

Bereits früh ist John Neumeier von Wesen und Werk Vaslaw Nijinskys fasziniert. Dieser berühmte Tänzer und Choreograf inspirierte ihn zu drei Balletten: "Vaslaw" (1979), "Nijinsky" (2000) und zuletzt "Le Pavillon d'Armide" (2009). 2003 schuf er "Tod in Venedig" nach Thomas Manns Meisternovelle und 2006 "Parzival – Episoden und Echo" nach Chrétien de Troyes und Wolfram von Eschenbach. 2001 entstand sein Ballett zu Schuberts "Winterreise" in der orchestrierten Interpretation von Hans Zender. Im Sommer 2003 fand die Uraufführung von "Préludes CV" in Zusammenarbeit mit der Komponistin Lera Auerbach statt. 2009 kreierte John Neumeier mit "Le Pavillon d’Armide" ein weiteres Werk, das sich mitdem Leben Vaslaw Nijinskys auseinandersetzt.

Weltweite Anerkennung finden auch seine Choreografien der Sinfonien von Gustav Mahler, allen voran "Dritte Sinfonie von Gustav Mahler", und die choreografische Gestaltung von Bachs "Matthäus-Passion" und "Weihnachtsoratorium", Mozarts "Requiem" und Händels "Messias".

Ein anderer wichtiger künstlerischer Strang in John Neumeiers Schaffen ist die Auseinandersetzung mit dem Musical – er inszenierte Leonard Bernsteins "West Side Story" und "On the Town" – und die Entwicklung einer rhapsodischen Form, der Ballettrevue: etwa in "Shall we dance?" und "Bernstein Dances". Außerdem führte er bei zwei Opern Regie, bei Verdis "Otello" an der Bayerischen Staatsoper und Glucks "Orpheus und Eurydike" an der Hamburgischen Staatsoper.

Bereits 1975, in seiner zweiten Hamburger Spielzeit, rief John Neumeier als Abschluss und Höhepunkt der Saison die "Hamburger Ballett-Tage" ins Leben; sie münden alljährlich in die Nijinsky-Gala, die jeweils einem tanzspezifischen oder balletthistorischen Thema gewidmet ist.

Schon in der ersten Spielzeit begründete er die Reihe der Ballett-Werkstatt. Sie vermittelt dem Publikum Einblick in die Tanzgeschichte und die kreative Arbeit der Hamburger Compagnie.

Verfilmungen
1978 erhielt John Neumeier für eine vom NDR aufgezeichnete vierteilige Ballett-Werkstatt die Goldene Kamera. Vier weitere Werkstätten wurden 1982 fürs Fernsehen produziert. Darüber hinaus zeichneten der NDR und das ZDF vier seiner Ballette auf, "Dritte Sinfonie von Gustav Mahler", "Wendung" – Streichquintett C-Dur von Franz Schubert, "Kinderszenen" und "Othello". Seine 1986 von der Polyphon GmbH produzierte Verfilmung des Balletts "Die Kameliendame" wurde beim internationalen TV-Festival in New York mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. 2002 wurde eine Live-Verfilmung des Balletts "Illusionen – wie Schwanensee" auf DVD herausgebracht und 2004 wurde "Tod in Venedig" im Festspielhaus Baden-Baden vom SWR aufgezeichnet und 2005 von Arte ausgestrahlt sowie 2005 die "Matthäus-Passion". 2005 wurde ebenfalls sein Ballett "Sylvia" an der Pariser Opéra Bastille mit den Tänzern des Balletts der Pariser Oper verfilmt sowie 2008 "Die Kameliendame".

Der Gastchoreograf
Als Gastchoreograf hat John Neumeier u.a. wiederholt beim American Ballet Theatre, New York, gearbeitet, für das er 1999 "Getting Closer" choreografierte, beim Royal Ballet in London, für das er zur Wiedereröffnung des Royal Opera House, Covent Garden "Lento" kreierte, und beim Tokyo Ballet, zu dessen 35jährigem Bestehen im Jahr 2000 er "Seasons – The Colors of Time" schuf. Im Frühjahr 2001 kreierte er als erster westlicher Choreograf seit rund 100 Jahren ein Ballett für das Mariinsky-Theater in St. Petersburg: "Sounds of Empty Pages", dem 1998 verstorbenen Komponisten Alfred Schnittke gewidmet. Im April 2005 eröffnete er mit der Uraufführung von "Die kleine Meerjungfrau", eine Hommage an den dänischen Dichter Hans Christian Andersen zu dessen 200. Geburtstag, das neue Opernhaus in Kopenhagen. Er choreografierte Werke für das Ballet de l’Opéra National de Paris, die Ballettcompagnien der Staatsopern in Wien, München und Dresden, für das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker, das Ballett der Deutschen Oper in Berlin, das Stuttgarter Ballett, das Königlich Dänische Ballett, das Königlich Schwedische, das Finnische Nationalballett, das Ballet du XXe Siècle in Brüssel, das Royal Winnipeg Ballet, das National Ballet of Canada, das Ballet du Grand Théâtre de Genève und das San Francisco Ballet.

Der Tänzer
1984 choreografierte Maurice Béjart für ihn und Marcia Haydée "Les Chaises" – "Die Stühle" nach Ionesco, ein Stück, das auf zahlreichen Tourneen gezeigt wurde, u. a. in New York, Zürich, Buenos Aires, São Paulo, Rio de Janeiro, Tel Aviv, Tokio, Berlin, Essen, Dresden, Paris und Kopenhagen.

Die Ballettschule
1978 gründete John Neumeier die Ballettschule des Hamburg Ballett, die seit Herbst 1989 mit dem ihr angeschlossenen Internat und zusammen mit der Compagnie in ein von der Stadt Hamburg eingerichtetes Ballettzentrum zog. Mittlerweile besteht die Compagnie zu über 80% aus Absolventen der Ballettschule.

Preise und Auszeichnungen
John Neumeier ist Träger des großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.
Weitere Auszeichnungen: 1983 Dance Magazine Award, 1987 Ehrendoktor der Schönen Künste der Marquette University in Milwaukee (USA), Professor der Hansestadt Hamburg. 1988 Deutscher Tanzpreis (Essen), Prix Diaghilev (Paris). 1989 Dannebrog-Orden (Kopenhagen). 1991 Chevalier des Arts et des Lettres (Frankreich). 1992 "Benois de la Danse" (Moskau). 1994 Pas de deux "Carmen" beste zeitgenössische Choreografie beim Ballettwettbewerb Maja ‘94 (St. Petersburg), Ehrenmedaille der Stadt Tokio, Carina-Ari-Goldmedaille (Schwedens höchste Tanzauszeichnung), Hamburger Bürgerpreis. 1995 Preis der Stiftung Bibel und Kultur. 1996 Nijinsky-Medaille (Warschau). 1997 Min-On International Award for Arts (Tokio). 1999 Plakette der Freien Akademie der Künste in Hamburg, Prince Henrik of Denmark Award (Europäische Kulturstiftung Pro Europa), Ritterkreuz des Dannebrog-Ordens in Gold (Königin Margrethe II.). 2001 "Danza & Danza Magazine Award" (höchste Tanzauszeichnung Italiens) für das Ballett "Messias" als beste Produktion der Spielzeit, Bayerischer Theaterpreis 2001 für "Nijinsky". 2002 "Goldene Maske" (Russlands höchster Theaterpreis) und Wilhelm-Hansen-Preis (Kopenhagen). Erster Preis für Zeitgenössische Choreografie (Internationaler Ballettwettbewerb in Varna), Ehrenmitglied der Sächsischen Staatsoper Dresden. 2003 Medaille für Kunst und Wissenschaft des Senats (Hamburgs höchste kulturelle Auszeichnung), und Ritter der Ehrenlegion (auf Vorschlag des französischen Präsidenten Jacques Chirac). 2004 "Premio Porselli 2003 – Ein Leben für den Tanz" (Reggio Emilia), Hans-Christian-Andersen-Botschafter 2005 für Deutschland. 2005 "SAECULUM"-Preis (Dresden) und Steffen-Kempe-Preis (Hamburg). 2006 "Goldene Maske – beste zeitgenössische Tanzproduktion des Jahres 2005" (Moskau, "Ein Sommernachtstraum" am Bolschoi-Theater), "Portugaleser" in Silber (Hamburg), "Prix Nijinsky" für sein Lebenswerk (Monte-Carlo) und "Hamburger des Jahres 2006". 2007 "Deutscher Kritikerpreis 2007" für sein Lebenswerk, Ehrenbürger der Freien und Hansestadt Hamburg und "Herbert von Karajan Musikpreis 2007". 2008 Deutscher Jubiläums-Tanzpreis. 2009 "Hans Christian Andersen Ehrenpreis 2009". 2012 "Gustaf-Gründgens-Preis", "Transatlantic Media & Communication Award" der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland und der "Russische Freundschaftsorden".

Im Februar 2006 errichtete John Neumeier die "Stiftung John Neumeier" mit dem Ziel, seine Sammlung zu den Themen Tanz und Ballett sowie sein Lebenswerk zusammenzufassen, zu erhalten und zu sichern.

John Neumeier engagiert sich seit Gründungsbeginn für "Hamburg Leuchtfeuer" und dessen Hospiz und ist zudem Mitglied im Kuratorium des Universitären Herzzentrums Hamburg.

Im Jahr 2011 gründete John Neumeier das BUNDESJUGENDBALLETT Deutschlands. Die Compagnie mit acht Tänzerinnen und Tänzern ist am Ballettzentrum Hamburg beheimatet.

 

Texte über John Neumeier

Sybil Shearer
Horst Koegler (1993)
Horst Koegler (1998)

 

John Neumeier
 

 

 
 
Kontakt · Sitemap · Suchen · Impressum
top of pagego back