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Ballett nach einer japanischen Gedichtform
von Yuka Oishi und Orkan Dann

 

Musik
  Franz Schubert/Gustav Mahler
Alfred Schnitttke
Philip Glass
 
Choreografie
und Bühnenbild
 

Yuka Oishi, Orkan Dann

Bühenbild in Zusammenarbeit mit
Heinrich Tröger von Allwörden

 

Kostüme
  Michael Court

 

Premiere
Hamburg Ballett, Hamburg, 17. Juni 2012

 

Originalbesetzung
   
   

Sivia Azzoni
Hélène Bouchet
Hannah Coates
Leslie Heylmann
Lucia Solari
Patricia Friza

Carsten Jung
Edvin Revazov
Lloyd Riggins
Alexandr Trusch
Constant Vigier
Lizhong Wang

 

Der Titel des Abends ist aus dem Japanischen entnommen und bedeutet "verkettete Verse". Renku meint eine Gedichtform, deren Kunst darin liegt, Anschluss an den vorangegangenen Vers zu finden und gleichzeitig einen Sprung in andere Stimmungen und Erfahrungen zu wagen. Das Spiel mehrerer Autoren lebt von Neuem. Der Wechsel von Anknüpfung und Weiterführung will den Blick weiten, um die Vielfalt des Seins so facettenreich wie möglich abzubilden.

John Neumeier vergleicht die traditionelle japanische Kettendichtung mit einem Gruppenspiel: "Einer notiert einen Vers und wenig später findet er zu seinem Erstaunen und vielleicht zu seiner Erheiterung, dass sein Mitspieler ihn in einer Weise fortgesetzt hat, an die er nicht gedacht hatte. Wäre dieses Prinzip nicht auch für ein Ballett denkbar?".

Der Ballettintendant hat die Japanerin Yuka Oishi und den Deutschen Orkan Dann gebeten, die Choreografie für diese Bewegungsverflechtung zu übernehmen. Beide gehören dem Ensemble des HAMBURG BALLETT an und haben schon früher eigene Werke erarbeitet.

Zwei verschiedene Choreografen mit dem Ziel einer dialektischen Annäherung: "Wir haben zuvor noch nicht gemeinsam choreografiert, aber grundsätzlich eine ähnliche Auffassung von Tanz. Und doch setzen wir unterschiedliche Schwerpunkte. So ergänzen wir uns gut", meint Orkan Dann. Yuka Oishi ergänzt: "Wir haben gemeinsam einen Weg gefunden." Doch wie könnte dieser Weg aussehen? "Wir hatten zu Beginn vor allem bestimmte Farben im Kopf, um Stimmungen zu transportieren", erzählt Orkan Dann. "Es ist ein Zusammenspiel aus Schwarz, Weiß, Rot und Silber. Szenen mit helleren Tönen wechseln sich mit farblich intensiveren ab", fügt Yuka Oishi hinzu.

Die Kostüme verantwortet Michael Court, der u.a. mit dem European Fashion Award FASH 2010 ausgezeichnet wurde.

 

"Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!"

Yuka Oishi und Orkan Dann sprechen über den offenen Werkcharakter ihres Balletts "Renku"

Was verstehen Sie unter dem Begriff Renku?

ORKAN DANN: Grundsätzlich bedeutet Renku die Form eines bestimmten japanischen Gedichtes. Es wird von verschiedenen Beteiligten gestaltet und ist ein Spiel, das auf unterschiedlichen Ebenen mit Weiterführungen arbeitet. Einer schreibt an einem Text und ein anderer setzt die Sätze fort. Das Hinzugefügte führt in eine andere, unvermutete Richtung und verändert das zuvor suggerierte Sinngefüge. Die Verkettung einzelner Sätze oder Verse ergibt so eine neue Einheit. John Neumeier stellte einmal die Frage, ob dieses Prinzip nicht auch auf ein Ballett übertragbar wäre.
Wir arbeiten mit Verschränkungen. In gewisser Weise vermittelt sich meine Choreografie auch über Yukas Choreografie. Wenn meine Bewegungssprache mit ihrer gegenübergestellt wird, erhält sie durch die Kontrastierung eine unerwartete Färbung. Nach einer gewissen Zeit wechselt die choreografische Handschrift: Ein Choreograf beginnt und der nächste übernimmt – der Eine greift also in die Konzeption des Anderen ein. Metaphorisch gesprochen reichen wir uns die Hände, wir vertrauen uns und spielen uns gegenseitig zu. Andererseits haben wir unterschiedliche Ansichten, sowohl in der Musik als auch in der tänzerischen Auffassung. Beispielsweise empfindet und hört jeder die Musik auf seine Weise. Dadurch entstehen Gegensätze, die eine neue Verbindung eingehen.

YUKA OISHI: Gewöhnlich wird ein Ballett von einem einzigen Choreografen erarbeitet. Er folgt seinem Verständnis von Musik und weiß, welche Richtung er seinem Werk vorgibt. Vielleicht kreiert er auch sein eigenes Bühnenbild. In unserem Fall sind wir zwei Choreografen. Wir arbeiten zwar zusammen, aber mit unterschiedlichen Vorstellungen. Unsere Ideen sind von unserer eigenen Sicht auf die Dinge geleitet. Wie das im Zusammenwirken aussehen wird, werden wir sehen.
Wenn ich das Wesen von einem Renku erklären soll, so denke ich an ein Bild in einem gebundenen Buch. Ich wähle eine Farbe der Stifte aus, für "Renku" meine ich damit die Tänzer, und nehme zunächst die Platzaufteilung und Linienführung vor. Dann leite ich das Blatt an Orkan weiter. Hat er seine Arbeiten vorgenommen, gibt er es wieder ab. So lautet das Prinzip. Was wir allerdings zuvor gemeinsam festgelegt haben, ist die Beschaffenheit des Papiers und Umschlags.

ORKAN DANN: Es ist ein offener Prozess. Wir können nicht vom Anfang bis zum Ende alle möglichen Ideen umsetzen und einbinden. Mit dem Bühnenbild, das von Yuka und mir gestaltet wurde, oder in der Wahl der Kostüme folgen wir von Beginn an einer übergeordneten Form, die uns eine größtmögliche Flexibilität lässt. Es kann keinen permanenten Wechsel der Kostüme, die Michael Court entworfen hat, geben. Das gleiche gilt für die Farben der Kostüme. Wir haben uns auf drei Farbgebungen begrenzt, um dem Publikum ein klares Bild zu vermitteln. Der Abend ist in zwei zusammenhängende Teile gegliedert. Eine weiße Bühne gibt den Rahmen für den ersten Teil.

YUKA OISHI: Weiß gilt als pur, rein, unverfälscht. Schwarz führt ins Dunkle, Finstere, während Rot die Leidenschaft, also sehr direkte Emotionen wie Aggressionen oder Liebe, weckt. Wir setzen diese vorgegebenen, geläufigen Assoziationen allerdings auch spiegelverkehrt ein. Wir wollen die Empfindungen und Erwartungen der Zuschauer möglichst weit offen lassen.

Wie wirkt sich die Struktur des Renku in Ihrem Ballett aus?

YUKA OISHI: Vielleicht ist das Vorhaben für sich genommen für das Publikum nicht sofort verständlich. Der Zuschauer nimmt unterschiedliche Stile war und plötzlich wechselt die Choreografie im Fluss der Musik. So entsteht eine leicht abstrakte Atmosphäre. Jeder kann aus seiner eigenen Erfahrung heraus Fragen stellen. Das könnte dazu führen, dass es für den Zuschauer im ersten Moment keinen Sinn ergibt – um sogar soweit zu gehen, dass das Publikum mit seiner eigenen Auffassung das zuvor Gesehene im gleichen Zug als Renku weiterspielt und weiterführt.

ORKAN DANN: Die Flexibilität des Bühnenbildes ist uns sehr wichtig, um mehr auf die Bewegung eingehen zu können und die Tänzer hervorzuheben. Mit dem plötzlichen Wechsel der Choreografie bekommt der Vorgang ohnehin ein anderes Licht. Mitten in einer Bewegung von Yuka übernehmen die Tänzer eine Bewegung von mir. Die Pointe liegt darin, dass der Wechsel der Choreografie nicht mit dem Ende der einzelnen Musikstücke übereinstimmen muss, sondern aktiv in eine musikalische Wendung hineingetragen werden kann. Dadurch erhält das Bühnengeschehen ein neues Gesicht und nimmt einen anderen Ausgang. Das Hineingehen in die musikalischen Phrasen soll letztlich dazu beitragen, ein einheitliches Werk zu schaffen.

YUKA OISHI: Genau hier liegt die Herausforderung. Normalerweise choreografiere ich, was ich fühle und bringe das, worüber ich nachdenke, auf die Bühne. Bei "Renku" sind nicht nur meine, sondern auch die Gedanken und Gefühle von Orkan mit eingebunden. Wir möchten vermeiden, dass in diesem Ballett eine Handlung unterbrochen wird, um sie dann wieder aufzunehmen und weiter zu erzählen. Es gibt keine vorgegebene Geschichte, die sich durch das Werk hindurchzieht, mit einer anderen verflochten wird und immer wieder zu ihrer eigenen Erzählstruktur zurückkehrt.

Empfängt Ihre Choreografie Anregungen von der japanischen Kultur?

YUKA OISHI: Ich bin Japanerin und trage die japanische Kultur in mir. Manchmal entdecke ich in den Bewegungslinien der Tänzer einzelne japanische Züge. Aber ich nehme sie nicht direkt in meine Choreografie auf. Das überlasse ich meinem "stream of consciousness" mit seiner ungeordneten Folge von nicht immer aktiv wahrgenommenen Bewusstseinsinhalten – in meinen Augen ein zeitgemäßer Zuschnitt auf die Dinge, mit denen wir es täglich zu tun haben.

ORKAN DANN: Ich bin durchaus beeinflusst von der japanischen Kultur. Während meines ersten Besuches in Japan erhielten wir Unterricht im Nô-Theater. Uns wurde die außergewöhnliche Ehre zuteil, auf der Bühne eines Nô-Theaters zu stehen, wo wir in die Geheimnisse dieser alten traditionellen Bühnenkunst eingewiesen wurden. Es war außerordentlich aufregend, in ihre faszinierende Welt einzutauchen, und ich trage diesen Moment weiterhin als eine der wichtigen Erfahrungen in mir.

Sie verwenden Musik von Franz Schubert, Alfred Schnittke und Philip Glass. Warum?

ORKAN DANN: Wir beginnen mit Schubert. In gewisser Weise bildet er den Fluchtpunkt zu Schnittke und Glass, nicht nur weil er früher als diese gelebt hat, sondern weil sich von ihm Verbindungslinien zu den Nachgeborenen ergeben. Seine Musik besitzt eine verborgene ähnlichkeit mit den Werken von Schnittke und Glass. Schubert verfolgt in seiner Musik eine Richtung, die auch von ihnen eingeschlagen wurde. In Schuberts wohl bekanntestem Lied geht es um den Tod und das Mädchen. Schnittke wiederum hat sein Klavierquintett in der Mitte der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts unter dem Eindruck des Todes seiner Mutter geschrieben.
Die Musik von Philip Glass, die ganz anders geartet ist, bildet für uns einen Bogen zu Schubert und Schnittke. Das Ungewisse, das gewöhnlich mit dem Tod verbunden wird, ist schwer zu fassen, jeder von uns setzt sich mit diesem Thema auf seine eigene Weise auseinander. Es stellt sich die Frage, wie viele Arten von Tod es geben mag. Was bedeutet es für einen Tänzer, in seiner Bewegung gelähmt zu sein? Ist der Tod weich oder eher brutal? Dieser Frage geht Matthias Claudius in seinem Gedicht "Der Tod und das Mädchen" nach, dem Schuberts Komposition zugrunde liegt. Bei Claudius bedeutet der Tod dem Mädchen, nicht besorgt zu sein. Da heißt es: "Sei guten Muts! Ich bin nicht wild." Wie könnte diese Verbindung aussehen, von der keiner weiß, wie sie tatsächlich aussieht? Bildet sie eine Befreiung und vollkommene Loslösung von allem oder vielmehr das Tor zu einer immerwährenden Angst und Agonie? Ein schwieriges Thema, gewiss, das gleichermaßen offen ist wie die Anlage unseres Balletts.

YUKA OISHI: Ich interpretiere den Tod und das Mädchen freier. Natürlich denke ich über den Tod nach. Doch geht es mir weniger um die Person, die stirbt, als um die, die zurückbleibt. Das lese ich auch aus dem Gedicht von Claudius heraus. Schuberts Musik ist so überaus anrührend, dass sie dem bereits verlorenen Mädchen noch einen Augenblick an Gegenwart gewährt. Schubert erzählt eine Geschichte, die für mich eine bestimmte Richtung vorgibt und meine Arbeit beeinflusst und dennoch folge ich meiner Intuition. Bei Claudius schlüpft der Tod ebenfalls in eine humane Gestalt und offenbart Züge des Begehrens, wenn er sagt: "Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!" Dagegen wirkt diese Phrase bei Schubert äußerst getragen. Das Schöne weicht dem Morbiden und bekommt dadurch einen ganz eigenen Schimmer. Mich interessiert das Flüchtige des Augenblicks, das Vergängliche, das sich im Schönen spiegelt.

Das Gespräch führte André Podschun
Auszug aus dem Interview, das im Jahrbuch des HAMBURG BALLETT 2011/2012 vollständig abgedruckt ist.

 

 

Pressestimmen

Zur Musik von Schubert, Mahler und Schnittke ist etwas Fantastisches entstanden, dem man sich nicht entziehen kann. Eine Geschichte um Liebe, Leid und Tod.
Bild Hamburg

[Das] visuell und tänzerisch spektakuläre "Renku"-Experiment erntete nach der Uraufführung in der Staatsoper begeisterte Ovationen. Yuka Oishi und Orkan Dann haben mit "Renku" die in sie gesetzten Erwartungen noch übertroffen und eine Reifeprüfung bestanden, die auf weitere, auch eigenständige Arbeiten der beiden neugierig macht.
Hamburger Abendblatt

Dieser Tanz ist ein Gedicht. Es ist ein Stück über die Zeit, über Werden und Vergehen.
Die Welt

Am Ende, nach zweieinhalb Stunden, gab es kaum ein Halten mehr. Das Publikum, das am Sonntag zur Eröffnung der "38. Hamburger Ballett-Tage" kam, hielt nichts von hanseatischer Zurückhaltung: Die Uraufführung von "Renku" riss das Publikum von den Stühlen.
Hamburger Morgenpost

"Renku" – ein furioses Debut bei den Hamburger Ballett-Tagen
Tanznetz.de

An diesem ungewöhnlichen Ballettabend stimmt so ziemlich alles.
Focus Online

 
 

 
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