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Sa 16.10.2021, 19.30 - 21.30 Uhr | Großes Haus

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Ballett von John Neumeier nach Saxo Grammaticus und William Shakespeare

Hamlet 21

VOR DER AUFFÜHRUNG ZU LESEN
von John Neumeier

Die Schauspiele William Shakespeares waren während meiner gesamten Karriere eine bleibende Inspirationsquelle. Aber wenn man 45 Jahre von einem Stoff fasziniert ist und so lange daran arbeitet, muss es dafür einen guten Grund geben. Shakespeares Drama "Hamlet" ist sicher ein Wahrzeichen der Weltliteratur. Es ist ein Werk, von dem wir voraussetzen, dass es wesentlich ist, von dem wir annehmen, dass wir es kennen sollten. Viele von uns haben "Hamlet" in der Schule gelesen. Möglicherweise sollte auch mein Ballett in einem Klassenzimmer beginnen?

Dieser Gedanke regte mich dazu an, einen neuen Rahmen für mein Ballett "Hamlet 21" zu kreieren – ein weiterer Schritt in meiner 45-jährigen "HamletReise" als Choreograf. Sie begann in New York mit den fragmentarischen "Hamlet Connotations", führte mich nach Dänemark mit einem abendfüllenden "Amleth" in Wikinger-Kostümen und später nach Hamburg, wo ich die Handlung in eine moderne Epoche zwischen den 1930er und 1960er Jahren verlegte.

Schon immer habe ich nach dem Kern, der Essenz dieses Dramas gesucht. In William Shakespeares "Hamlet" erscheint der Geist seinem Sohn und verlangt Rache für den an ihm begangenen Mord. In diesem Moment, wo das Verlangen nach Rache vom Vater auf den Sohn übertragen wird, offenbart sich der zentrale Konflikt des Stückes: das Dilemma eines jungen Mannes im Umgang mit seiner Verantwortung für die Vergangenheit.

Um diesen Zwiespalt zu verstehen, ist es unbedingt notwendig zu wissen, was geschah, bevor Shakespeares Schauspiel beginnt. Selbstverständlich vermittelt der Text diesen wichtigen Hintergrund. Das Ballett dagegen hat keine visuelle Form, um Vergangenes auszudrücken. (Es gibt keinen Schritt, der ausdrückt: Sein Vater wurde ermordet.) Um Hamlets Konflikt zu choreografieren, muss ich die Vergangenheit für den Zuschauer sichtbar werden lassen. Situationen und Charaktere aus früheren Quellen halfen mir, ein visuell einleuchtendes, passendes Konzept zu entwickeln, um Textinformationen "in Tanz zu übersetzen". Ich habe bestimmte dramatische Konstellationen aus den "Gesta Danorum" des Saxo Grammaticus verwendet, jener mythisch-historischen Geschichte über den dänischen König Amleth, und auch Ideen aus späteren Versionen des Stoffes übernommen. Ich glaube, dass man viele verschiedene Quellen benutzen darf, wenn daraus ein persönlicher, neuer "Hamlet" geboren wird. Anders ausgedrückt, ein Kunstwerk, ob es vom Mythos, der Geschichte oder dem Meisterwerk eines anderen inspiriert ist, gewinnt seine eigentliche Substanz, sein individuelles Leben durch den spezifischen Blickwinkel des kreierenden Künstlers.

Giuseppe Verdis "Otello", zum Beispiel, ist ein Meisterwerk. Aber sein "Otello" ist nicht Shakespeares "Othello". Die Oper mag ihre Existenz der Lektüre des Komponisten verdanken, der das elisabethanische Stück gelesen hat, aber wir können sie genießen und schätzen, ohne von Shakespeares "Mohr" die leiseste Ahnung zu haben. Als Schöpfer eines HamletBalletts für heute – und morgen – musste ich einen Teil von mir selbst in dem Quellenmaterial wiederfinden: dem von Shakespeare, Saxo Grammaticus und Adam Oehlenschläger.

Angeregt durch Mythos, Geschichte und Shakespeare suchte ich nach "Hamlet-Klängen" – einer Musik, die den gleichen archaischen und doch menschlichen Charakter besitzt, nach einer musikalischen Welt, welche die Atmosphäre einer mythischen, vorchristlichen Zeit hervorrufen kann, über die tiefen, emotionalen Qualitäten eines Shakespeare-Dramas verfügt und auf zeitgenössische Figuren hindeutet, die emotionale Situationen von heute erleben. Ich fand Tippett!

Bei der Entstehung der Fassung von 1997 hat mich Michael Tippetts Musik sehr inspiriert. Schon lange wollte ich Tippetts Tripelkonzert choreografieren – ohne dass ich an ein bestimmtes Thema gedacht hätte. Später wurde das Konzert ganz selbstverständlich ein Teil von "Amleth".


Musik: Michael Tippett
Choreografie, Inszenierung und Lichtkonzept: John Neumeier
Bühnenbild und Kostüme: Klaus Hellenstein

Musik vom Tonträger

2 Stunden | 1 Pause
1. Teil: 50 Minuten, 2. Teil: 40 Minuten

URAUFFÜHRUNG:
Königlich Dänisches Ballett, Kopenhagen, 2. November 1985 unter dem Titel "Amleth"

ORIGINALBESETZUNG:
Hamlet: Peter Bo Bendixen
Ophelia: Mette Bødtcher
Geruth: Linda Hindberg
Horvendel: Mogens Boesen
Fenge: Lars Damsgaard
Koll: Johnny Eliasen
Polonius: Tommy Frishøi

NEUFASSUNG 1997:
Hamburg Ballett, Hamburg, 4. Mai 1997

ORIGINALBESETZUNG:
Hamlet: Lloyd Riggins
Ophelia: Anna Polikarpova
Geruth: Laura Cazzaniga
Horvendel: Jirí Bubenícek
Fenge: Lars Damsgaard
Koll/Fortinbras: Ivan Urban
Polonius: Jean-Jacques Defago

NEUFASSUNG 2021:
Hamburg Ballett, Hamburg, 13. Juni 2021

ORIGINALBESETZUNG:
Hamlet: Edvin Revazov
Ophelia: Anna Laudere
Geruth: Hélène Bouchet
Horvendel: Marc Jubete
Fenge: Félix Paquet
Koll/Fortinbras: Christopher Evans
Polonius: Ivan Urban
Horatio: Nicolas Gläsmann

Das Programmheft ist in unserem Onlineshop erhältlich.

[MEHR]
ZUM INHALT
Von John Neumeier

Prolog

Das Klassenzimmer

Polonius unterrichtet Hamlet und Horatio in Latein und Dänischer Geschichte. In ihrer Phantasie lässt der Unterricht die Vergangenheit derart lebendig werden, dass sie real erscheint. Hamlet wird zum dänischen Prinzen – Horatio zu seinem treuen Freund.

1. Akt
// Michael Tippett: Sinfonie Nr. 2 (1958) //

1. Szene. Zwei Brüder: Der Krieg mit Norwegen
Zwei Brüder, Horvendel und Fenge, Statthalter von Jütland, ziehen gegen Norwegen in den Krieg. Geruth und Fenge fühlen sich insgeheim zueinander hingezogen. Sie aber gibt jedem der Brüder ein Band als Zeichen ihrer Unterstützung. Wer den Krieg gewinnt, wird sie als Ehefrau gewinnen. Horvendel tötet den norwegischen König Koller im Zweikampf und steht als Sieger fest.

2. Szene. Geruths und Horvendels Hochzeit
Geruth heiratet Horvendel, der zum König von Jütland gekrönt wird.

3. Szene. Das Kind Hamlet
Hamlet wird geboren. Als Junge langweilt er sich bei Kriegsspielen, dagegen ist er fasziniert von drei eigenartigen Gauklern. Sein Herz gehört Ophelia, der Tochter von Polonius – einem Mädchen, das Blumen liebt.

4. Szene. Fortinbras
Das Kind Fortinbras, der Sohn von König Koller, trauert um seinen Vater. Als er erwachsen wird, zieht er Truppen zusammen, um den Tod seines Vaters zu rächen.

Geruth und Fenge ergeben sich ihrer Leidenschaft.

Zwischenspiel
// Michael Tippett: Divertimento für Kammerorchester ›Sellinger's Round‹ (1953-54), 1. und 2. Satz //

Hamlets Abschied
Als sie sich Lebewohl sagen, gestehen sich Hamlet und Ophelia ihre Liebe. Trotzdem will Hamlet unbedingt im Ausland zu studieren; er verlässt Dänemark.

2. Akt
// Michael Tippett: Tripelkonzert für Violine, Viola, Violoncello und Orchester (1978-79) //

Hamlets Rückkehr nach Dänemark: Das Drama
Ophelia wartet auf Hamlet. Der Prinz kehrt zur Beerdigung seines Vaters nach Dänemark zurück und erfährt, dass am gleichen Tag die Hochzeit seiner Mutter mit Fenge stattfindet. Die Krone geht auf Fenge über – dem neuen König von Jütland.

In Trauer um ihren toten Mann begrüßt Geruth Hamlet. Abrupt beendet Fenge die kurze Trauerzeit, um seine Hochzeit mit Geruth vorzubereiten.
Hamlet geht zu Horvendels Grab. Der Geist des toten Königs offenbart ihm, dass sein Bruder Fenge sein Mörder ist. Der Geist verlangt, dass sein Sohn seinen Mord rächt.

Besessen von dem Geist seines toten Vaters, fordert Hamlet von seiner Mutter eine Erklärung. Geruth zieht sich für die Hochzeit um. Wütend und frustriert misshandelt Hamlet Ophelia und weist sie von sich.
Verwirrt verliert Ophelia ihren Verstand – sie ertrinkt.

Wieder trifft Hamlet die drei Komödianten. Er flüchtet sich in ihre Fantasiewelt und kreiert ein Theaterstück, das auf den Mord an Horvendel anspielt.

Hamlet ermordet Fenge in einem wilden, wahnsinnigen Tanz.

Fortinbras marschiert mit der norwegischen Armee in Dänemark ein. Hamlet übergibt ihm die Krone. Er ist nun König von Jütland.

Hamlet ist frei ...

Epilog

Das Klassenzimmer
"Gute Nacht, liebster Prinz"

Übersetzung: Jörn Rieckhoff


Information:

Ort: Großes Haus, Dammtorstraße 28, 20354 Hamburg
Preise: 7,00 EUR bis 119,00 EUR

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