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Ballett von John Neumeier nach Chrétien de Troyes und Wolfram von Eschenbach

Parzival - Episoden und Echo

Der Gral bleibt dabei ganz unkonkret;
es ist letztlich etwas, das man in sich selbst finden muss.
Das Wertvollste, das man finden kann, liegt nicht außerhalb,
sondern nur in uns selbst.

John Neumeier


In "Parzival – Episoden und Echo" geht es um den Mythos des naiven, jungen Ritters, des 'reinen Toren', der lernt, dass er durch sein Verhalten, sein Eingreifen oder sein Nichteingreifen, gesellschaftliche Zustände verändern kann. Erst durch seine Frage, sein Infragestellen – durch sein Mit-Leiden kann er heilen.
Inspiriert von den Originalquellen des Chrétien de Troyes und des Wolfram von Eschenbach beleuchtet die Ballettkreation die mythischen Elemente der Parzival-Geschichte und ihre Bezüge zur Gegenwart.


Musik: John Adams, Richard Wagner, Arvo Pärt
Choreografie, Inszenierung, Kostüme und Lichtkonzept: John Neumeier
Bühnenbild: Peter Schmidt

2 Stunden 45 Minuten | 1 Pause

Uraufführung:
Hamburg Ballett, Baden-Baden, 24. November 2006
Premiere in Hamburg:
Hamburg Ballett, 10. Dezember 2006

Gastspiele:
2006 Baden-Baden 2010 Paris

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Die Handlung

EPISODEN

das Kind Parzival
Im Wald wächst Parzival auf, allein mit seiner Mutter. Herzeloyde hat ihr Kind fernab von der Welt aufgezogen. Er soll nicht sterben wie sein Vater, nicht Ritter sein, nicht kämpfen, nicht töten, nicht getötet werden. Parzival das Naturkind, Vögel sind seine Gefährten.

die Engel-Ritter
Eines Tages tauchen Fremde im Wald auf, wunderbare Wesen, wie Parzival sie noch nie gesehen hat. Sind es Menschen, sind es Engel oder Gott? Er will so sein wie sie.

die Mutter – Abschied... kein Abschied... Abschied
Parzival will weg. Die Mutter kann es nicht verhindern, ihre ungeheure Angst war berechtigt, der Sohn wird wie der Vater. Parzival will Ritter werden, wie die wunderbaren Menschen, die er im Wald getroffen hat. Sie kann ihn nicht halten.

Tod und Erinnerung
Ihr Weg in den Tod, Herzeloyde stirbt. Am Ende taucht die Erinnerung auf an den Anfang, die Liebe zu Gahmuret, Parzivals Vater, der noch vor dessen Geburt im Kampf gefallen war. Das Feld der Ehre ist ein Totenacker.

unterwegs: der erste Kampf
Parzival macht sich auf, zieht in die Welt und träumt von Heldentum. Einer stellt sich ihm entgegen, wundervoll anzusehen, in glänzend roter Rüstung. Die muss er haben. Die nimmt er sich. Parzival tötet Ither und reißt ihm die Rüstung vom Leib. Nun ist er der Rote Ritter.

Artus-Hof: Schule der Ritter
Ist er nun ein Ritter? Er muss an den Hof, zu König Artus, das haben die Ritter im Wald ihm erzählt. Da ist er nun. Die feine Gesellschaft zelebriert sich selbst. Gornemans de Gorhaut übernimmt Parzivals 'Éducation courtoise' und gibt ihm den Rat mit auf den Weg, lieber zu schweigen, um sich nicht zu blamieren: "Viel reden birgt Gefahr!"

Liebe und Weissagung
Es freut sich über Parzivals Naivität und frisches Ungestüm, das feine, traurige Fräulein, das nie lacht. Und lacht! Sie weiß, wer er ist, besser als er selbst es weiß. Sie spürt sein Wesen, ahnt seinen Weg. Ein Moment von Nähe, Sehnen, Liebe... für einen flüchtigen Augenblick. Ihn aber zieht es fort, er muss weiter.

das Boot des Fischerkönigs – das Gralritual
Ein Boot, ein Mann – ist er Fischer, Priester oder ein Ausgestoßener, Ausgesetzter? Er ist von Schmerzen gezeichnet. Parzival, auf der Suche nach Abenteuer und männlicher Bewährung, trifft auf den Fremden. Er sieht die Qual, den geschundenen Körper und sieht die geheime Wandlung: aus Leid wird Stellvertreterschaft, aus Einsamkeit Gemeinschaft, Menschen kommen, sammeln sich um den 'Schmerzensmann'. Parzival ist Zeuge des rituellen Geschehens, staunend, verwirrt. Warum leidet der Mann? An was krankt er? Sollte er fragen? "Viel reden birgt Gefahr!" Er bleibt stumm. Und flieht, als der Gezeichnete ihn anschaut.

verführt: Kampf und Umsichschlagen
Lieber drauflosgehen und sich schlagen. Aus Rittertraum wird Kämpfen, Morden. Ein Held? Ein Raufbold ist er, stark und hilflos. Parzival kämpft gegen alles und jeden, am meisten gegen sich selbst. Nicht denken, Männer streiten, Männer sterben. Es ist ein Totenacker, das Feld der Ehre.

ein Duft von Frauen: verwundet
Wäre da nicht die Hingabe: Frauen trauern, Frauen warten, Frauen trösten. Orgeluse lehrt Parzival die Liebe. Er entdeckt die Leidenschaft und die Lust, die weh tut. Im Kuss erkennt er, woran der Mann im Boot krankt.

ECHO

in die Welt, ziellos, gottfern
Ruhm, Anerkennung, Glanz, Parzival hat alles, doch alles ist ohne Sinn. Er hat Ziel und Orientierung verloren. Er hat etwas erlebt, was er nicht verstand. Er hat Ungewöhnliches gesehen und nicht nachgefragt. Er hat etwas erfahren und nicht gehandelt, ist weggelaufen. Er macht weiter, sucht, kämpft. Tun wir das nicht alle?

drei Tropfen Blut im Schnee
Unwichtig wie sie entstanden, sie fesseln Parzivals Blick: drei winzige Tropfen roten Bluts, lassen ihn innehalten, in jedem das Antlitz einer Frau. Drei Erinnerungen verschmelzen zu einem Gesicht, wen sieht er? Wen liebt er?

der Einsiedler
Vögel ziehen vorbei, wie damals, als er Kind war, Parzival legt sich in den Schnee. Ein Mann in grober Kutte kommt, kniend, betend. Er lebt hier, eins mit der Natur, in völliger Bedürfnislosigkeit, und betet, betet bis zur religiösen Ekstase. Parzival fühlt sich zu ihm hingezogen, die Einfachheit und Demut erschüttern ihn und wecken ihn ihm, was lange verborgen war: die andere Seite seines Selbst.

aus der Welt
Warum hatte er nicht Mitleid, damals, als er den Mann im Boot traf, als er den Roten Ritter niederschlug, als er die Mutter verließ, die daran starb, als er loszog, die Welt sich zu erobern? Kämpfen war Morden, Siegen ist Verlieren... Parzivals Umkehr – der innere Auftrag zu heilen – Wirklichkeit oder Utopie?

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