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Ein Totentanz von John Neumeier nach der Novelle von Thomas Mann

Tod in Venedig

Thomas Manns Novelle als Kult-Ballett: Aschenbach, wohl situierter und etablierter Meisterchoreograf, reist nach Venedig. Angesichts der Schönheit und Jugend des Knaben Tadzio gibt er dort sein Lebenskonzept des gestandenen Mannes auf. Ein alternder Künstler, dessen scheinbar gefestigter Charakter nie gekannte Wandlungen erfährt und schließlich in vollkommener Hingabe mündet: seinem ›Tod in Venedig‹ – choreografiert von John Neumeier.


Musik: Johann Sebastian Bach, Richard Wagner
Choreografie und Inszenierung: John Neumeier
Bühnenbild: Peter Schmidt
Kostüme: John Neumeier und Peter Schmidt
Lichtkonzept: John Neumeier

Uraufführung:
Hamburg Ballett, Hamburg, 7. Dezember 2003

Gastspiele:
2003 Baden-Baden 2004 Baden-Baden 2007 New York, Orange County, CA 2008 Barcelona, Paris 2009 Venedig, Wien 2014 Kopenhagen 2015 Madrid

[MEHR]
Die Handlung
auch in den Worten von Thomas Mann

I Kreation und Nobilitierung
Der würdig gewordene Künstler

Der Meisterchoreograf Gustav von Aschenbach arbeitet an einem Ballett über den Preußenkönig Friedrich den Großen – die Künstlerfurcht nicht fertig zu werden.
Von Aschenbachs Ruhm ist amtlich, sein Name seit dem 50. Geburtstag geadelt, seine Ballette stehen im Lehrplan. Das Friedrich-Projekt soll sein Meisterwerk werden, aber die Skizzen werden immer undeutlicher. Gedanken an seine musische, impulsive Mutter durchkreuzen die Arbeit.
Immer wieder kommen seine Hofballerina »La Barbarina« und vor allem sein Friedrich der Große und suchen einen Choreografen, um sie zu verewigen.

II Am Rande der Erschöpfung

Verzweifelt flieht Gustav von Aschenbach vor seiner Kreation und begegnet einem merkwürdigen, fremdländischen Wanderer.

III Ein Gefühl des Schwimmens – Die Reise nach Venedig

Reiselust überkommt ihn, ins Leidenschaftliche, bis zur Sinnestäuschung gesteigert.
Ein Gondoliere setzt ihn über zum Lido. Ein Dämmern ins Unermessliche.

IV Die stumme Begegnung – Hôtel des Bains

In der Halle wandelt die weltläufige Gesellschaft bleiern. Gustav von Aschenbach ist sich seiner Reputation bewusst. In jammervollem Übermut tanzen kläglich betrunkene falsche Jünglinge.
Der barfüßige Tadzio sucht nach seinem ungestümen Spielgefährten. Mit Erstaunen bemerkt von Aschenbach, dass der Knabe vollkommen schön ist. Tadzios Mutter tritt auf. Die drei Schwestern sind wohlerzogen.
Öffnen und Ausbreiten der Arme –
eine bereitwillig willkommen heißende, gelassen aufnehmende Gebärde.

3.Teil

V Ins elysische Land – Am Lidostrand

Das Strandbild, sorglos sinnlich genießende Kultur am Rande des Elementes: Meer.
Die Sonne wendet die Aufmerksamkeit von den intellektuellen auf die sinnlichen Dinge.
Tadzios Lächeln überwältigt von Aschenbach.
In Tadzios Gegenwart arbeiten: Von Aschenbach vermag Liebe zu choreografieren.

VI Der Traum vom fremden Gott

Aschenbach schläft am Strande.
Sie brachen von außen herein, seinen Widerstand – einen tiefen und geistigen Widerstand.
Angst und Lust und eine entsetzte Neugier nach dem, was kommen wollte.

VII Metamorphose

Im Frisiermantel, unter den pflegenden Händen des Schwätzers im Stuhle zurückgelehnt: Schließlich sind wir so alt, wie unser Geist, unser Herz sich fühlen – man hat ein Recht auf seine natürliche Haarfarbe.

VIII Totentanz – Der Gitarrist spielt auf

Der Spieler ist brutal und verwegen, gefährlich und unterhaltend.
Leuchtende Liebe – Lachender Tod (aus Siegfried, Richard Wagner)

IX Am Klavier – Entscheidung und Abschied

Gustav von Aschenbach lässt seine Kreation los. Sein Friedrich der Große bleibt unvollendet.

X Liebestod


WEGE NACH VENEDIG
John Neumeier choreografiert frei nach Thomas Mann

"Tod in Venedig", an diesen Titel hat jeder bestimmte Erwartungen, er löst eine ganze, mehr oder weniger lange, Kette von Assoziationen aus: Da ist die Stadt Venedig – selbst schon ein Mythos, der Strand mit dem ewig wogenden Meer, aber vor allem natürlich der wohl situierte und etablierte alternde Künstler, der angesichts der Schönheit und Jugend des Knaben Tadzio sein gesamtes Lebenskonzept aufgibt..." John Neumeier ist sich bewusst, welche Herausforderung die choreografische Arbeit zu Thomas Manns Novelle bedeutet.

Vielen mag die Visconti-Verfilmung von "Tod in Venedig" – in der von Aschenbach Komponist ist – präsenter sein als der Text von Thomas Mann. So verleitet die Novelle in Verbindung mit einer Choreografie von John Neumeier leicht zur scheinbar kausalen Vermutung: 'Es wird bestimmt ein Ballett zu Musik von Gustav Mahler'. John Neumeier hat jedoch eine ganz andere Musikauswahl getroffen. "Um die Dualität im Wesen und Benehmen von Aschenbachs zu verdeutlichen habe ich zwei gegensätzliche Komponisten gewählt. Mein Ballett beginnt mit dem "Musikalischen Opfer" von Johann Sebastian Bach. Dieser so regelhaft strengen Komposition habe ich Stücke von Richard Wagner gegenüber gestellt, die größten Teils vom Klavier gespielt werden. Ausgangspunkt ist hier die im Wesentlichen in Venedig entstandene Komposition "Tristan und Isolde". Ihr verwandte Stücke und Skizzen Wagners unterstreichen die eher 'rauschhafte' Gegenseite."

Thomas Mann schrieb die Novelle "Tod in Venedig" 1911/12 nach seinem Sommeraufenthalt mit seiner Frau Katia und dem Bruder Heinrich in der Lagunenstadt. Die Publikation im Herbst 1912 sorgte für großes Aufsehen. Der Autor des Erfolgsromans "Die Buddenbrooks" schrieb plötzlich über ein absolutes Tabuthema: Die Liebe eines Mannes zu einem Jüngling. Bemerkenswert ist, dass die Beziehung zwischen dem Schriftsteller von Aschenbach und dem Jungen Tadzio den Protagonisten bis ins Mark erschüttert, obwohl sie nur platonischen oder allenfalls voyeuristischen Charakter hat. Kein einziges Wort wechselt von Aschenbach mit Tadzio und teilt sich auch sonst niemandem mit. Er öffnet sich der Faszination und seinen Gefühlen so ausschließlich, dass er sich wehrlos der nahenden und tödlichen Cholera aussetzt.

Thomas Mann beschreibt die Wandlung eines scheinbar gefestigten Charakters. Von Aschenbach befindet sich im Spannungsfeld vom streng geordneten, pflichtbewussten apollinischen und rauschhaft-verwirrenden, launenhaften dionysischen Prinzip.

"Mich fasziniert an Thomas Manns Text das, was ich als Beschreibung der absoluten Liebe interpretiere", sagt John Neumeier. "Tadzio ist der Auslöser dafür, dass der Mensch von Aschenbach mit seiner anderen Seite konfrontiert wird. Seine Würde war ihm alles, seine Arbeit brachte ihm sogar den Adelstitel. Bei mir im Ballett ist von Aschenbach ein Meisterchoreograf. Zunächst kämpft er gegen seine Emotionen an und findet für seine Faszination eine rein künstlerische Berechtigung, doch er muss sich hingeben. Und diese vollkommene Hingabe bedeutet seinen "Tod in Venedig".

Telse Hahmann

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