Ballett in zehn Themen von John Neumeier
nach William Shakespeare

 

Musik
  Wolfgang Amadeus Mozart
Choreografie
Inszenierung
  John Neumeier
Ausstattung
  Klaus Hellenstein

 

Uraufführung
Hamburg Ballett, Hamburg, 13. Juli 1985

 

Originalbesetzung    
Rosalind
  Lynne Charles
Celia
  Colleen Scott
Orlando
  Ivan Liska
Oliver
  François Klaus
Touchstone
  Gabrielle Manferdini
für Max Midinet
Phebe
  Chantal Lefèvre
Silvius
  Jeffrey Kirk
Jaques   Roy Wierzbicki
Herzog Senior   Anders Hellström
Herzog Frederick
  Eduardo Bertini
Le Beau
  Maurice Courchay
Charles
  Stephen Pier
Audrey
  Gigi Hyatt
Eva
  Bettina Beckmann
Adam   Eric Miot
William   William Parton

 

Für mich scheint "Wie es Euch gefällt" kein Stück zu sein, dass eine bestimmte Geschichte erzählt. Es ist nicht so aufgebaut, dass man mit Spannung darauf wartet, was als nächstes geschieht - so wie in "Othello". Fast im gesamten Verlauf des Dramas sind die Konflikte des Anfangs vergessen. Im Ardenner Wald sehen wir gerne den Paaren zu, die über die Natur, die Zeit und vor allem die Liebe plaudern. Auf mich wirkt das wie eine geordnete Auswahl von Themen, ähnlich dem Aufbau einer Sinfonie. Nur: Das Ende bei Shakespeare erscheint mir nicht unbedingt logisch, aber richtig!

John Neumeier
Erste Notizen zu "Wie es Euch gefällt"

 

Aus der Fülle von Ideen und Gedanken, die die Beschäftigung mit William Shakespeares "Wie es Euch gefällt" in mir hervorrief, versuche ich, Themen zu zeigen, die meine persönlichen Assoziationen zu dem ausdrücken, was Shakespeare in diesem Stück in so vielfältigen Variationen vorführt. Für die Zusammenstellung der Musik danke ich recht herzlich Gerhard Markson.

John Neumeier

 

Von komödiantisch-romantischer Lebendigkeit
Zur Neueinstudierung von "Wie es Euch gefällt"
ein Gespräch mit John Neumeier

TH 1985 haben Sie zu den 11. Hamburger Ballett-Tagen ein Ballett nach William Shakespeares Komödie "Wie es Euch gefällt" kreiert. Die Premiere fand unter dem langen Titel "Mozart und Themen aus !Wie es Euch gefällt'" statt. Was hat Sie nun zur Namensänderung bewogen?

JN Der lange Premierentitel war Ausdruck meiner Auseinandersetzung mit Shakespeares Stück. Ich erarbeitete mit den Tänzern Szenen zu den zehn Themen, die mich am stärksten in Shakespeares Text ansprachen und neugierig machten. Bei jeder Wiederaufnahme prüfe ich kritisch, ob die Form des Balletts immer noch eine Berechtigung hat. Es interessiert mich, ob ein Bezug zu unserer heutigen Lebens- und Erfahrungswelt vorhanden ist. Ich nehme bei jeder Neueinstudierung Änderungen vor, als Spiegel meiner künstlerischen und persönlichen Entwicklung. Diesmal verändere ich auch den Titel! Seit 1985 hat das HAMBURG BALLETT das Stück 53 Mal getanzt. Außerdem haben das Finnische Nationalballett – sogar in zwei Opernhäusern – und das Ballett Dresden die Choreografie übernommen. Ich finde heute, dass der überlange Titel durch das Stück selbst eingelöst wird. Jetzt bin ich mir sicher: Diese Themen sind mein "Wie es Euch gefällt".

TH Bemerkenswert erschien mir bei der Lektüre von Shakespeares Text, welch ein Gesellschaftsbild darin aufgezeigt wird: Eigentlich geht es allen Personen, die verbannt und in den Wald gezogen sind, viel besser als denen, die am Hofe mit seinem Regelwerk und seinen Konventionen leben. Hat Sie diese Thematik bei der Kreation des Balletts auch beschäftigt?

JN Ja, in meinen ersten Notizen stand das Thema "Kontrast zwischen Hof und Land", sogar mit einer dafür eingeteilten Besetzung. Irgendwann ist es dann verschwunden. Aber ich sehe diesen Hauptaspekt in mehreren meiner Themen, z.B. in "Eine Schäferidylle" oder in "Alle Bösen werden gut". Das Ballett beginnt auch mit "Die Natur", weil ich glaube, dass dieses Gefühl "zurück zur Natur", weg von den Intrigen am Hofe und dem immer beengteren Leben in den Städten viel mit Shakespeares Zeit zu tun hat, es sich aber gleichzeitig ebenso gut in einer ganz anderen Epoche ansiedeln ließe.
Viele von Shakespeare behandelte Themen faszinieren in ihrer Zeitlosigkeit. Ich zeige das in meinem Ballett auch mit den Kostümen, die sich aus vielerlei Zeit-Stilen zusammensetzen. Mir ist es wichtig, das Lebendige, das Komödiantisch-Romantische von Shakespeares Stück zu vermitteln. Auch wenn jemand das Stück gar nicht kennt, kann er durch Bewegung die einzelnen Situationen erleben und spontan für sich begreifen. Für mich ist die Beschäftigung mit Shakespeare etwas sehr dauerhaftes. Auch wenn ich in den letzten Jahren kein neues Shakespeare-Ballett choreografiert habe, hört meine Auseinandersetzung mit diesem Ausnahme-Dramatiker nie auf. Sie lebt weiter in den Neufassungen und neugierig macht es mich auch, ganz andere Tänzer in den schon existierenden Balletten zu sehen. Die Compagnie hat sich seit der Premiere von "Wie es euch gefällt" vollständig erneuert.

TH Gibt es ein Thema, das Sie jetzt bei der Neueinstudierung besonders interessiert?

JN Mir scheint, dass die Androgynität, die in "Wie es Euch gefällt" in verschiedenen Formen eine Rolle spielt, in unserer modernen Gesellschaft immer ausgeprägter ist. Schon während der Kreation hat mich das Androgyne-Prinzip fasziniert und Jürgen Rose meinte, dass Rosalind eigentlich von Jean-Christophe Maillot getanzt werden müsse, der damals halblanges Haar trug. Zu Shakespeares Zeit waren ja alle Darsteller Männer. Wenn ich mich jetzt umschaue und z.B. am Flughafen sitze, kommt es vor, dass ich jemanden lange Zeit anschaue und nicht sagen kann, ob diese Person männlich oder weiblich ist. Es ist dabei auch interessant die eigenen Klischeevorstellungen zu überprüfen, etwa die Idee, dass Rosalind ihr Haar kurz tragen sollte. Eigentlich hat Androgynität damit gar nicht soviel zu tun. Und dieser Aspekt ist nur ein Beispiel für die fortwährende Aktualität von "Wie es Euch gefällt".

Gespräch: Telse Hahmann

 

Die Handlung

Thema 1: Die Natur
Andante aus der Quartett in G-Dur
für Flöte, Violine, Viola und Violoncello, KV 285a

Dieser Baum. Ich warf einen Stein nach ihm. Er kam nicht zurück. Ich bestieg ihn langsam und verirrte mich in einem fernen Land.
Karl Krolow

Thema 2: Die Ungerechtigkeit
Sinfonie in G-Dur Nr. 10, KV 74
Sinfonie in D-Dur Nr. 23, KV 181

Oliver schlägt seinen Bruder Orlando. Herzog Frederick, Le Beau und der Ringer Charles rauben dem Herzog Senior die Krone und schicken ihn ins Exil. Rosalind, die Tochter des Verbannten, und Celia, die Tochter von Herzog Frederick, bleiben zurück. Ein Hofstaat baut sich auf. Orlando wird von Oliver gezwungen, gegen den Ringer Charles anzutreten. Obwohl er den Kampf gewinnt, wird auch er verbannt. Orlando und Rosalind verlieben sich auf den ersten Blick ineinander. Auch Rosalind wird von Herzog Frederick vom Hof gejagt. Celia und der Clown Touchstone schließen sich ihr an.

Thema 3: Flucht und Verkleidung
Divertimento Nr. 10 "Lodronsche Nachtmusik",
KV 247 (1. Satz)
Alle verkleiden sich und fliehen in den Ardenner Wald

Thema 4: Eine Schäferidylle
Divertimento Nr. 10 "Lodronsche Nachtmusik",
KV 247 (2. und 3. Satz)
"Ein musikalischer Spaß", KV 522 (1.,2. und 3. Satz)

Die stolze Schäferin Phebe weist den vor Liebe ganz vernarrten Schäfer Silvius zurück. Sie verliebt sich in die als Ganymed verkleidete Rosalind. Das Landmädchen Audrey verliebt sich in Touchstone, der aber für den als Frau verkleideten Adam, den Diener Orlandos, schwärmt.

Thema 5: Der Traum vom Goldenen Zeitalter
Flötenimprovisation zum 2. Satz der Sinfonie in D-Dur Nr. 23, KV 181
Herzog Senior und seine Begleiter träumen
vom goldenen Zeitalter.

Das Goldene Zeitalter
Die goldene Zeit stand an der Welten Anfang. Sie kannte keinen König, kein Gesetz; denn Treu und Recht galt ohne jeden Zwang, und keine Strafe übte ihren Schrecken. Noch war am Bergeshang die Fichte nicht gefällt und die Flut hinabgestiegen, damit das Schiff nach fremden Landen fahre, ein jeder kannte nur die eigne Küste. Der Krieg war unbekannt und störte nicht die Ruhe der Menschen, die in Süßer Muße lebten. Ströme von Milch und Ströme Nektars flossen, und goldnen Honig träufelten die Eichen.
Ovid, Utopia

Thema 6: Verwirrung der Liebe
Divertimento Nr. 10 "Lodronsche Nachtmusik", KV 247
(4., 5. und 6. Satz)

Rosalind/Ganymed will Orlando von seiner Liebeskrankheit heilen, indem sie vorgibt, für ihn Rosalind spielen zu wollen. Alle Verliebten, in ihren Gefühlen verwirrt, treffen aufeinander.

Thema 7: Alle Bösen werden gut
Serenade Nr. 7 "Haffner-Serenade", KV 250 (1. Satz)
Oliver, der versucht hat, Herzog Frederick die Krone zu stehlen, flüchtet in den Ardenner Wald. Als er von Herzog Frederick, Le Beau und Charles überfallen wird, rettet ihm Orlando das Leben. Oliver ist wie umgewandelt und gibt Orlando alles, was er hat.

Thema 8: Verliebt in die Liebe
Serenade Nr. 7 "Haffner-Serenade", KV 250 (3. und 2. Satz)
"Ein musikalischer Spaß", KV 522 (1. und 4. Satz)

Rosalind/Ganymed trifft sich häufig mit Orlando. Adam hat den Geschlechtertausch satt und wirft seine Frauenkleider weg. Audrey findet sie, zieht sie sich über, und sofort interessiert sich Touchstone für sie.

Thema 9: Die Zeit
Flötenimprovisation zum 2. Satz der Sinfonie Nr. 7
Haffner-Serenade", KV 250

Jacques und Herzog Senior sinnen über die Zeit nach.

Thema 10: Happy End
Serenade Nr. 7 "Haffner-Serenade", KV 250 (6. und 8. Satz)
Adagio für Violine und Orchester in E-Dur, KV 261 (3. Satz)
Sinfonie in G-Dur Nr. 10, KV 74 (3. Satz)

Oliver will Celia heiraten. Touchstone will Audrey heiraten. Herzog Frederick, Le Beau und Charles werden Mönche und geben dem Herzog Senior die Krone zurück. Rosalind gibt ihre Verkleidung preis und wirft sich in die Arme von Orlando. Nun ist auch Phebe bereit, Silvius zu nehmen. Alle verlassen den Ardenner Wald. Nur Jacques bleibt allein zurück.

 

Pressestimmen

Die Mozart-Shakespeare-Collage wurde zu einem Abend bestechender Tanzkunst, voll darstellerischer Ausgelassenheit, Frohsinn und gezügeltem Übermut, der den Rang der Solisten und des Ensembles erneut bestätigte.
Antje Henneking, Die Presse, Wien

John Neumeiers choreographischer Shakespeare-Zyklus in der Hamburgischen Staatsoper hat mit "Wie es Euch gefällt" eine Komödie im Repertoire, wie sie dem Weltballett seit langem nicht mehr in vergleichbar guter Laune geriet. Die Choreographie strotzt vor Erfindungslust. Ihr gelingt der bunte Verkleidungswirbel im Ardenner Wald aufs lieblichste und lustigste.
Klaus Geitel, Die Welt

Neumeier hat sich zu den Szenen einiges einfallen lassen. Er besitzt Humor. Er kann in sehr klaren, sehr reinen Bildern denken. Immer wieder tanzen seine Solisten Figuren, die Zuschauer berühren.
Josef Singldinger, Hamburger Rundschau

Azzoni - Riabko
 

Fotos

 
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