Drei Choreografische Gedichte
über ein Mythisches Thema

 

Ich widme diese Choreografie Frankreich und seinem Tanz,
dem Land, das dem Ballett die erste gültige Formulierung schenkte, der in ihm begründeten klassischen Schule – und
jener Tänzerin, die eine große Sylvia war, Lycette Darsonval.

John Neumeier
Paris, im Mai 1997

 

Musik
  Léo Delibes
Choreografie
Inszenierung
  John Neumeier
Bühnenbild
Kostüme
  Yannis Kokkos

1 Pause – 2 Stunden 15 Min.

 

Premiere
Ballet de L'Opéra National de Paris
Paris, 30. Juni 1997

 

Originalbesetzung    
Sylvia
  Monique Loudières
Diana
  Elisabeth Platel
Aminta
  Manuel Legris
Eros/Thyrsis/Orion
  Nicolas Le Riche
Endymion
  José Martinez

 

Premiere in Hamburg
Hamburg Ballett, 7. Dezember 1997

 

Premierenbesetzung    
Sylvia
  Heather Jurgensen
Diana
  Anna Polikarpova
Aminta
  Ivan Urban
Eros/Thyrsis/Orion
  Otto Bubenícek
Endymion
  Jirí Bubenícek

 

Eigentlich kommt dem Ballett "Sylvia", das im französischen Original den Zusatz "ou La Nymphe de Diane" trägt, eine wichtige Rolle in der Ballettgeschichte zu, auch wenn es heute weit seltener gespielt oder neu inszeniert wird als etwa "Coppelia", Léo Delibes' andere große Ballettmusik. Die Uraufführung von "Sylvia" in der Choreografie von Louis Merante 1876 an der Pariser Oper war die erste Kreation im neu gebauten Haus, dem Palais Garnier. Sie markierte gleichzeitig die Abkehr vom romantischen Ballett und dem von ihm geprägten ätherischen Frauenbild: aus der Fee und Sylphide wurde die Kämpferin, eine ferne Schwester Penthesileas.

Den entscheidendsten Schnitt und Bruch mit der Vergangenheit aber löste eine "Sylvia" Produktion in St. Petersburg zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus. Diaghilew wurde 1900/01 mit der Oberaufsicht über eine Neuinszenierung am Marien-Theater betraut. Er wählte "Sylvia". Da ihm die Direktion jedoch nicht völlige Freiheit bei der künstlerischen Realisation ließ – zu seinem "Dreamteam" gehörten da schon die Maler Bakst und Benois –, kam es zu Spannungen, er wurde entlassen und suchte von da an nach anderen Möglichkeiten und Orten, um seinen Traum von Theater zu verwirklichen. Wäre er ohne diesen Bruch ins Ausland gegangen? Hätte er ohne diese Enttäuschung 1909 in Paris die Ballets Russes gegründet? Im Grunde ist "Sylvia" indirekt zum Schlüsselwerk für unsere heutige Moderne geworden.

Trotzdem interessiert uns an "Sylvia" weniger seine Geschichte, seine kulturhistorische Handlung oder seine ursprüngliche Choreografie, es ist die Musik, die anspricht. Sie ist unüberhörbar von Richard Wagner beeinflusst, scheut manchmal nicht die schlimmsten Ballettklischees des 19. Jahrhunderts und hat doch Poesie und vor allem Sinnlichkeit.

Muss man eine Geschichte dazu erzählen? Und welche? Die von Torquato Tasso, auf dessen Schäferdrama "Aminta" das Ballett basiert? Eins ist klar, das "kitschige" Libretto von Jules Barbier und Baron de Reinach ist heute ganz unsinnig. Kann es denn nicht etwas ganz Einfaches sein? Tanzbilder von einer starken, sportlich-kämpferischen Frau, die, hin- und hergerissen zwischen Kraft und Verletzlichkeit, nur schwer eine Balance findet zwischen Angriff und Zartheit, Panzerung und Hingabe, die erst Sinnlichkeit erfahren und Leidenschaft durchleben muss, um die einfache, schlichte Liebe zu entdecken.

Als ich bei Tasso nachlas, empfand ich das mythische Moment spannender als das erzählerische Element, den Mythos gültiger als die späteren Metamorphosen. Und es erschien mir nur natürlich, auch zur Musik in eine gewisse Distanz zu gehen und dem Werk jenen Touch von Operette zu nehmen, der so viele Choreografen verleitet hat... Stattdessen die Suche nach Tanzbildern, Bewegungen und emotionalen Situationen, die einen fast schockierenden Dialog mit der Musik wagen.

Auch wenn ich nicht die antike Welt heraufbeschwören wollte, nicht Hellas, nicht Rom, so war ich doch glücklich, einen großen griechischen Bühnenbildner zur Seite zu haben, Yannis Kokkos, für den die Antike (wie für alle Griechen) lebendige Geschichte ist – ihre ureigenste – und dessen blauer Baum vor grüner Wand Paul Éluards "La terre est bleue comme une orange" evoziert. Umkehr und Verkehrung der Farbe, das ist Kokkos' große Poesie – und die von "Sylvia".

John Neumeier

Abfolge der Szenen in der Formulierung
von John Neumeier

I

Die Kunst des Bogenschießens

Eine Frühlingsnacht im magisch hellen Mondschein.

Die Göttin Diana und ihre Gefährtinnen auf der Jagd.

Gott Eros steigt herab in Dianas heiligen Hain und nimmt die Gestalt des Schäfers Thyrsis an.

Die Atmosphäre des Waldes. Wesen und Stimmung.

Der Schäfer Aminta dringt in den geweihten Wald ein – in der heimlichen Hoffnung, wieder auf Sylvia zu treffen, eine Nymphe aus Dianas Gefolge.

Diana – die Keusche – und ihre jagenden Gefährtinnen erscheinen, um im See zu baden und sich von der Jagd auszuruhen.

Sylvia ist Dianas liebste Nymphe und die beste Bogenschützin.

Diana und ihre Jagdgefährtinnen brechen auf zum Bad.

Sylvia trifft Aminta.

Diana und ihre Gefährtinnen überraschen die beiden. Völlig überrumpelt verrät Sylvia den Schäfer.

Allein zurückgeblieben, überfällt Diana die Erinnerung an den schönen Endymion und ihre Liebe zu ihm.

Endymion, von ewigem Schlaf umfangen.

Voller Neugier betreten die Schäfer bei Tagesanbruch den heiligen Hain und finden den schlafenden Endymion. Unter ihnen ist auch Eros, noch trägt er die Züge von Thyrsis, dem Hirten.

Amintas Herz ist gebrochen. Sylvias Bild verfolgt ihn. Eros hat Mitleid mit ihm.

Um Sylvia zu verführen und ihre Fähigkeit zur Liebe zu erwecken, schlüpft Eros nun in die Gestalt des schönen Orion. Mit ihm verlässt die Nymphe den heiligen Wald.
 

II

Im Reich der Sinne

Eine laue Nacht. Sommer. Spätsommer.

Orions Welt, das Fest des Eros. Sylvia wird sich ihrer Weiblichkeit bewusst, ihre Sinne erwachen.
Ihre Sinnlichkeit erblüht. Der Gedanke an Aminta, den Schäfer, lässt sie nicht los.

Dennoch taucht plötzlich auch die Erinnerung an Diana auf – ein leises Echo früheren Lebens.

Orions Weite. Der Reigen.
 

III

Wintersonne

Nach vielen Jahren kommt Aminta wieder in den heiligen Wald.

Die Atmosphäre des Waldes. Wesen und Stimmung.

Auch Sylvia zieht es in den geweihten Hain. Sylvia und Aminta sehen sich wieder.

Diana beobachtet sie zornig. Eros entwaffnet die Göttin.

Diana bleibt allein zurück, die ewige Jägerin.

 

Pressestimmen

Immer auch raffiniert, voller Geist und Intelligenz, aber in noch größerem Maße reich, originell und bewegend. [...] Voller Erfindungsreichtum und Frische erscheint uns das Ballett von John Neumeier als einer der großen Erfolge des amerikanischen Choreografen. Die Charaktere sind wahr und ewig, bedienen sich einer hellen und reichen Sprache. Das klare Bühnenbild von Yannis Kokkos ist von raffiniertem Geschmack und die Ballszene von außerordentlich plastischer Schönheit, ganz in Schwarz und Weiß mit Ausnahme des purpurnen Kleides Sylvias. Sie verbleibt als choreografisches Konzept mit dem fast surrealistischen Auftritt von Playboys und Top-Models aus den Hochglanz-Magazinen. Ein Sehen und Gesehenwerden.
Le Figaro

Stürmischer Applaus für John Neumeiers Verschlankung und psychologisch aktuelle Auffrischung dieses mythologisch verschnörkelten Götter & Nymphen-Schinkens aus der Libretto-Feder von Jules Barbier und Baron de Reinach. Ein zartes, hinreißend schönes Liebes-Tanzgedicht in den puren "Gemälde"-Räumen von Ausstatter Yannis Kokkos.
Münchner Merkur

Was für ein Anfang! Kaum hat die Musik eingesetzt, sind sie schon am Werk: die langbeinigen Amazonen, die aus dem Logen-Hinterhalt mit ihren imaginären Pfeilen auf die Bühne zielen. Sie treffen, ein wahres (Theater-)Wunder, mitten ins Schwarze, auch wenn im Grunde die einzige Waffe ihre kaum kaschierte Weiblichkeit ist. Obwohl nicht angegriffen, wissen sich Diana & Co. zu wehren, und sie tun es gleichsam aus olympischem Geist. Dabeisein ist alles beim Wettkampf der Geschlechter; auch eine schießfreudige Sylvia macht da keine Ausnahme. Schließlich ist jeder Mann eine Gefahr, selbst wenn er anfangs harmlos erscheint.
Die Welt

Polikarpova
 

Fotos
Trailer

 
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