Ballett in zwei Akten von Pierre Lacotte
nach Filippo Taglioni (1832)

 

Musik
  Jean-Madeleine Schneitzhoeffer
Pas de trois, 1. Akt:
Ludwig Wilhelm Maurer
(aus Taglionis Ballett "L'Ombre")
Libretto
  Adolphe Nourrit
Bearbeitung und
Choreografie
  Pierre Lacotte
nach Filippo Taglioni
Bühnenbild
  Marie-Claire Musson
nach Pierre Ciceri
Kostüme
  Michel Fresnay
nach Eugène Lami
Einstudierung
  Pierre Lacotte
Elisabeth Platel
Manuel Legris

1 Pause - 2 Stunden 30 Min.

 

Uraufführung
Théâtre de l'Académie Royale de Musique
Paris, 12. März 1832

Originalbesetzung    
Die Sylphide
  Marie Taglioni
James Reuben,
ein schottischer Bauer
  Joseph Mazilier
Effie Reuben,
die Braut des James
  Lise Noblet
Die alte Madge,
eine Hexe
  Mme Élie
Gurn,
ein schottischer Bauer
  M. Élie
Anne Reuben,
Effies Mutter
  Mlle Brocard
"Schotten"-Pas de deux
  Mlle Julia
Antoine-Louis Coulon

 

Premiere der rekonstruierten Originalchoreografie
(Zuerst als Fernsehproduktion, Frankreich, 1971)
Ballet de l'Opéra National de Paris
Palais Garnier, 9. Juni 1972

Premiere in Hamburg
Hamburg Ballett, 7. Dezember 2008

 

Originalbesetzung    
Die Sylphide
  Hélène Bouchet
James
  Thiago Bordin
Effie
  Carolina Agüero
Die Hexe
  Sébastien Thill
Gurn
  Dario Franconi
Effies Mutter
  Laura Cazzaniga
"Schotten"-Pas de deux
  Leslie Heylmann
Yohan Stegli

 

1832 hatte Marie Taglioni in "La Sylphide" diese wunderbare Eingebung, eine Elfe zu spielen, die verführerisch, empfindlich, kokett, egoistisch, sehr weiblich und zugleich vollkommen unschuldig an der Tragödie ist, die sie in Gang setzt. Sie verkörpert das ewig Weibliche und bleibt als Objekt der Begierde unerreichbar. Das alles ist sehr inspirierend, weckt die Phantasie der Männer, ohne dass die Frauen erröten. In ihr steckt eine köstliche, unschuldige Verderbtheit, sie ist wie ein Kind, das sich seiner Taten nicht bewusst ist.
Ghislaine Thesmar

 

Vor der Aufführung zu lesen

"Fasziniert von diesem Werk, das seit über einem Jahrhundert verschwunden war, träumte ich davon, es eines Tages wieder auf die Bühne zu bringen und diesem Meisterwerk erneut zum Leben zu verhelfen. Von 'La Sylphide' sollte abermals eine magische Anziehungskraft ausgehen und ganz Europa verzaubern." So beschwört der französische Choreograf Pierre Lacotte die Magie des ersten romantischen Balletts in der Tanzgeschichte, das er mit Hilfe einer Vielzahl von historischen Dokumenten über Jahre hinweg wiedererstehen ließ und 1972 nach einer ersten filmischen Realisierung auf die Bühne der Pariser Oper bringt. Die Kostüme, die Ausstattung und selbst die Choreografie des Werkes atmen den Geist jener Pariser Jahre, die den Esprit der Romantik in sich tragen. Ein Hort immerwährender Schöpfungsfantasien gebiert Geschichten, deren übersinnliches Potenzial die Zuschauer in ihren Bann zieht. So auch am 12. Mai 1832, als die zierliche Erscheinung einer Elfe in der Rue Le Peletier das Publikum begeistert: es ist die Tochter des Choreografen Filippo Taglioni – eine, wenn nicht die Sylphide, die durch ihren schwebenden, fast körperlosen Tanz stilbildend wird. Selbst zeitgenössische Feuilletonisten sehen in ihr eine neue Ära des Tanzes: "Mlle Taglioni, das ist nicht nur der leichteste und keuscheste Tanz, das ist eine regelrechte Revolution. Sie hat uns als erste gelehrt, wie man tanzen konnte, ohne zu lächeln, wie man leichtfüßig und melancholisch sein konnte; unter ihrem Fuß hat sie den alten Tanz gebrochen."

Marie Taglioni öffnet die Grenzen des Theaters. Zeitungen werden "La Sylphide" genannt, die französische Sprache bereichert sich um das Verb "taglionisieren" und um das Adjektiv "sylphidisch", so genannte Sylphiden-Turbane kommen in Mode. Die große Ballerina gilt fortan als Mythos, der bis in unsere Tage hineinwirkt. Sie perfektioniert ihre Technik im Spitzentanz, der einen Eindruck von Schwerelosigkeit vermittelt und bei ihren zahlreichen Anhängern wahre Begeisterungsstürme auslöst. Als Sylphide verkörpert Marie Taglioni ein Wesen, das der menschlichen Begehrlichkeit entsprungen ist und am Ende auf tragische Weise durch seinen Schöpfer zerstört wird. Im Ballett scheitert der träumerische James an seiner Zuneigung zur Sylphide. Wunschbilder zerbrechen, wenn man sich ihnen nähert. Ghislaine Thesmar, die "wiedergeborene" Sylphide in Pierre Lacottes Revitalisierung von 1972, beschreibt die Rolle der Elfe aus ihrer natürlichen Arglosigkeit heraus: "1832 hatte Marie Taglioni diese wunderbare Eingebung, eine Elfe zu spielen, die verführerisch, empfindlich, kokett, egoistisch, sehr weiblich und zugleich vollkommen unschuldig an der Tragödie ist, die sie in Gang setzt. Sie verkörpert das ewig Weibliche und bleibt als Objekt der Begierde unerreichbar. Das alles ist sehr inspirierend, weckt die Phantasie der Männer, ohne dass die Frauen erröten. In ihr steckt eine köstliche, unschuldige Verderbtheit, sie ist wie ein Kind, das sich seiner Taten nicht bewusst ist."

Die Wirkung einer fragilen Körperlichkeit wird 1832 durch einen weißen, luftigen Musselin und nicht zuletzt durch das neu eingeführte Tutu unterstrichen. Und schließlich kommt es im Zweiten Aufzug zu einem ballet blanc, zu einem weißen Akt, der auf einer mondbeschienenen Waldlichtung spielt – eine schaurig-romantische Kulisse, die den Hintergrund bildet für einen zarten Reigen der Elfen.

 

Die Handlung

Erster Akt

In einem Landhaus in Schottland wird James durch den Kuss einer geflügelten Sylphide aus dem Schlaf geweckt. Es ist der Morgen seiner Hochzeit mit Effie, was den verwirrten James jedoch nicht davon abhält, nach der davonschwebenden Sylphide zu greifen. Im Haus treffen Effie, ihre Mutter und die Nachbarn Hochzeitsvorbereitungen. Eine alte Frau will James im Beisein seiner Anvertrauten die Zukunft vorhersagen. James wehrt ab, aber Effie reicht ihr die Hand. Entsetzt muss sie erfahren, dass ihr Verlobter von einer unerreichbaren Schönen träumt und sie selbst ihren ungeliebten Verehrer Gurn heiraten wird. Als James die Hexe wütend davonjagt, schwört diese Rache. In einem stillen Moment erscheint ihm abermals die Sylphide, die ihn bezaubert. Er gesteht ihr seine Liebe. Gurn, der beide aus einem Versteck beobachtet hat, eilt zu Effie, um ihr James' Verrat mitzuteilen. Doch bleibt die Sylphide den Gästen auf der Hochzeitsfeier unsichtbar, nur James kann sie sehen, der zwischen Effie und dem ungreifbaren ätherischen Wesen hin- und hergerissen ist. Der Sylphide gelingt es, ihm den Trauring zu entwenden. Sie entflieht in den Wald. James folgt ihr nach und lässt Effie zurück.

 
Zweiter Akt

In einer mondbeschienenen Waldlichtung tanzt die Hexe, die vorher James und Effie die Zukunft vorhergesagt hatte, mit ihren Schwestern. Aus einem kochenden Kessel zieht sie einen dampfenden Schal. Irrsinnig sucht James nach seiner Sylphide. Von der Alten bekommt er vieldeutig den Schleier überreicht, der in Wahrheit ein Zauberschal ist. Mit ihm könne er die Sylphide einfangen. Nachdem er das Wesen seines Begehrens entdeckt hat, fordert ihn die Elfe auf, am Tanz ihrer geflügelten Schwestern teilzunehmen. Dabei vermag er den Schleier um ihre Schultern zu legen und sie an sich zu ziehen. Doch als der Schal sie berührt, verkümmern ihre Flügel. Sie fallen von ihr ab, und das Leben entweicht aus ihrem übernatürlichen Körper. Die Magie der heimtückischen Alten beginnt zu wirken. In den Armen des Verzweifelten verliert die Sylphide ihr Bewusstsein. Sie stirbt, während in der Ferne der Hochzeitszug von Effie und Gurn erscheint. James bleibt nichts anderes übrig, als den Elfen zuzusehen, wie sie den Körper ihrer verstorbenen Gefährtin aufheben und mit ihm entschweben.

 

Pierre Lacotte

Pierre Lacotte, der 1932 geboren wird, erhält seine Ausbildung an der Ballettschule der Pariser Oper. 1946 tritt er dem Corps de ballet bei und wird bald darauf von Serge Lifar für eine Solo-Rolle in "Septuor" auserwählt. 1951 avanciert er zum Premier Danseur. Zu seinen Partnerinnen zählen u.a. Yvette Chauviré, Lysette Darsonval und Christiane Vaussard. Eine seiner ersten Choreografien, "La Nuit est une sorcière" (Musik von Sydney Béchet), erhält vom belgischen Fernsehen 1954 eine Auszeichnung, woraufhin er sich entschließt, die Pariser Oper zu verlassen, um weiter zu choreografieren. 1955 gründet er seine eigene Compagnie "Les Ballets de la Tour Eiffel", die vor allem im Théâtre des Champs Élysées auftritt ("Solstices", Musik von Daniel Wayenberg; "Gosse de Paris", Musik von Charles Aznavour; "Concertino", Musik von Antonio Vivaldi). Gleichzeitig verpflichtet man ihn als Gasttänzer, der weltweit zu sehen ist: in New York mit Melissa Hayden, in London mit Violette Verdy, in den Benelux-Staaten, Deutschland und der Schweiz. Mehrere Festivals zeigen seine Ballette: die Berliner Festwochen präsentieren "Such Sweet Thunder" von Duke Ellington, das Festival du Marais "Hippolyte et Aricie" von Jean-Philippe Rameau und Aix-en-Provence "Le Combat de Tancrède" von Claudio Monteverdi. 1963 wird er zum Direktor der Ballets des J.M.F. (Jeunesses Musicales de France) ernannt. Hier kreiert er in einem Zeitraum von sieben Jahren 35 Ballette, u.a. "Bifurcations", "Hamlet" und – in Zusammenarbeit mit Edith Piaf – "La Voix". 1968 entdeckt er Dokumente zu "La Sylphide" von Taglioni (1832), die es ihm ermöglichen, das Werk zu rekonstruieren – zuerst als Fernsehproduktion, dann für die Pariser Oper am 9. Juni 1972. Seither gilt Pierre Lacotte als ›Spezialist‹, wenn es darum geht, Werke des romantischen Repertoires neu zu beleben: "Coppélia" und den Pas de six aus "La Vivandière" (Arthur Saint-Léon), sowie der Pas de deux aus "Papillon" (Marie Taglioni) für die Pariser Oper (1976 tanzt Pierre Lacotte diesen Pas de deux mit Dominique Khalfouni), "La Fille du Danube" von Filippo Taglioni für das Teatro Colón in Buenos Aires, "Giselle" von Jean Coralli und Jules Perrot (Bühnenbild und Kostüme nach der Originalfassung von 1841) für das Ballet du Rhin, Les Ballets de Monte-Carlo und das Ballet de Nancy, "Nathalie ou la laitière suisse" für Ekaterina Maximova in Moskau (1980), "Marco Spada" nach Joseph Mazilier 1981 für die Oper in Rom und 1985 für die Pariser Oper, "La Gitana" für das National Ballett von Warschau (1993), "L’Ombre" für das Ballet de Nancy (1993), "Le Lac des fées" für die Staatsoper Berlin (1995) und "Schwanensee" für Nancy (1998). Später unterrichtet Pierre Lacotte am Pariser Konservatorium und an der Pariser Oper. 1985 teilt er sich mit Ghislaine Thesmar die Direktion der neu gegründeten Ballets de Monte-Carlo. Hier choreografiert er "Te Deum" von Georges Bizet und "Vierundzwanzig Stunden aus dem Leben einer Frau" nach Stefan Zweig in der Musik von Hervé Niquet. 1988 übernimmt er die Direktion des Balletts der Oper in Verona und wechselt 1991 als Künstlerischer Leiter zum Ballett von Nancy und Lorraine, wo er bis 1999 wirkt. Pierre Lacotte ist Träger des Titels "Commandeur des Arts et Lettres". Der Orden gilt als höchste Auszeichnung des französischen Kulturministeriums. Pierre Lacotte ist gemeinsam mit Jean-Pierre Pastori Autor des Buches "Tradition".

 

Pressestimmen

Eine überirdische Elfe
Verzückung, Verzauberung, Begeisterung - das ist es, was gestern am Ende alle Zuschauer in der Staatsoper bei der Premiere des Balletts "La Sylphide" fühlten. Der Abend wurde zum denkwürdigen Ereignis. Der Jubel war groß. ... Nicht zuletzt, weil sich John Neumeiers Compagnie dem raffinierten, schwierig zu bewältigenden Tanzstil so hingebungsvoll widmete, als sei er ihr selbstverständlich. Das gesamte Ballett entpuppt sich im wahrsten Sinne als magisches, unwiderstehliches Zaubertheater mit einer Liebe in der Schwebe.
Hamburger Abendblatt

Romantische Klassik vom Feinsten
Wenn sie so getanzt werden wie gestern abend in Hamburg, können selbst angestaubte romantische Klassiker einen unwiderstehlichen Charme entwickeln. "La Sylphide" in der Fassung von Pierre Lacotte hatte Premiere, und was die Hamburger Kompanie hier gezeigt hat, war vom Feinsten. Die Tänzerinnen und Tänzer, sonst eher in der klassischen Moderne geübt und mit allem gesegnet, was dazugehört (hohe Beine, weite Extensions, Tempo, Dynamik), entwickeln hier eine wunderbar gedehnte Langsamkeit, eine fein ziselierte Fuß- und Armarbeit – genau wie sie dieses Stück braucht, um seine Wirkung zu entfalten. Hier wird die Kunst im wahrsten Sinne auf die Spitze getrieben – "La Sylphide" war das erste Ballett in Spitzenschuhen, die damals Marie Taglioni trug, die Primaballerina assoluta der Romantik.
Tanznetz.de

Hamburg Ballett feiert Triumph mit "La Sylphide"
Tanzende Elfen gleiten durch die Luft. Hexen zaubern bei Vollmond im Wald. Die einen mögen das fantastische Märchenballett "La Sylphide" altmodisch und verstaubt finden. Andere wieder sind vom raffinierten Stil und der geforderten Virtuosität hingerissen.
DPA

"La Sylphide" atmet den Geist des 19. Jahrhunderts
Auf das heutige Publikum wirkt das Ballett wie von Zauberhand aus einem Tanzgeschichtsbuch entsprungen: ein romantisches Märchen, das eine ganze Epoche prägte.
Hamburger Morgenpost

Mit "La Sylphide" zum Riesenerfolg
Zwei uniformierte Pagen des 19. Jahrhunderts lüpften in der Staatsoper jetzt zur finalen Verbeugung gar den Vorhang von Hand. Doch gerade die Werktreue bis in die Fuß- und Fingerspitzen macht heute den Reiz dieses Balletts aus und hält es lebendig.
Fliegende Elfen ernten zwar Lacher beim Publikum, das hier in Hamburg solcherlei Tricks nicht gewohnt ist. Doch ist hier eine andere Illusion am Werk, die mit purer Körperbeherrschung zu fesseln vermag. Die Reinheit der Technik ist vorderstes Ziel.
Die Welt

Zu den interessantesten neuen Aufführungen dieser Woche gehören das Ballett "La Sylphide"
Mit frenetischem Applaus feiert das Hamburger Publikum die Premiere des Balletts "La Sylphide". Hélène Bouchet als vermeintlich naive Sylphide begeistert durch beeindruckenden Spitzentanz. Thiago Bordin als realitätsfremder James, der sowohl Elfe als auch Effie verliert, ist dank virtuoser Sprünge und Pirouetten ein gleichwertiger Partner.
Financial Times

Lloyd Riggins - Edwin Revazov
 

Fotos
Trailer

 
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