Ballett von John Neumeier

Zweiter Teil des Ballettabends: "Fließende Welten"
 Erster Teil
: Seven Haiku of the Moon

 

Musik
  Claude Debussy,
bearbeitet von Isao Tomita
Felix Mendelssohn Bartholdy
Minoru Miki
Franz Schubert,
bearbeitet von Hans Zender
Giuseppe Verdi
Antonio Vivaldi
Joji Yuasa
Choreografie
Kostüme
  John Neumeier

1 Stunde 5 Min.

 

Uraufführung
Tokio Ballett, Tokio, 4. Februar 2000

 

Originalbesetzung
   
Ein Mann   Naoki Takagishi
Die Zeit   Kazuo Kimura
The Memory   Yukari Saito
 
    und
Yuko Arai
Haruo Goto
Yukie Iwaki
Masayuki Morita
Masaki Oshima
Mika Yoshioka

 

Europäische Erstaufführung
der
vollständigen Fassung
Hamburg Ballett, Hamburg, 13. Juni 2010

 

Premierenbesetzung
   
Ein Mann   Lloyd Riggins
Die Zeit   Carsten Jung
Die Erinnerung   Anna Polikarpova
 
   

und
Catherine Dumont
Dario Franconi
Yuka Oishi
Lucia Solari
Thomas Stuhrmann
Alexandr Trusch

 

Gastspiele
2011 Baden-Baden

Im Repertoire
The Tokyo Ballet

 

Mein Ballett heißt "Seasons – The Colors of Time" – eine Tanzstudie über Jahreszeiten, Jahreszeiten der Seele, nicht der Natur. Das Erforschen der vielfältigen jahreszeitlichen Vorstellungen in Poesie, Malerei und Musik zusammen mit meinen eigenen intuitiven Gefühlen über Winter, Frühling, Sommer und Herbst hat mich viel gelehrt.

John Neumeier

 

John Neumeier über "Seasons – The Colors of Time"

Während meiner zahlreichen Aufenthalte und Tourneen in Japan mit meiner Compagnie war ich mehrfach von der Bedeutung und der Beachtung ergriffen, die dort dem Wechsel der Jahreszeiten entgegengebracht wird. Ich lernte, dass es nicht nur spezielles saisonales Essen gibt, sondern dass auch die Schalen und Teller, in denen die Gerichte serviert werden, mit dem Wechsel der Jahreszeiten ausgetauscht werden. Es war während eines solchen "frühen Herbst"-Essens mit Freunden der NBS Gesellschaft, als ich die Jahreszeiten als Sujet wählte – als Thema für eine neue Arbeit, zu der mich Mr. Tadatsugu Sasaki eingeladen hatte, um für das 35. Jubiläum des Tokyo Ballet ein Ballett zu kreieren. Die Einladung, nach "Seven Haiku of the Moon" ein zweites Ballett für Tokyo Ballet zu kreieren, war für mich eine große Ehre und künstlerische Freude.

Natürlich war das Ballett zunächst nicht darauf ausgerichtet, die typischen Wechsel in der Natur während des Winters, Frühlings, Sommers und Herbstes wiederzugeben oder ihre geläufigen Klischeebilder. Was mich interessierte und was ich hoffte, die Japaner würde es ebenfalls interessieren, war das jahreszeitliche Gefühl im Menschen. Die Jahreszeiten der Seele. Der Aufbau des Ballettes sollte episodisch sein. Es ist ein Ballett ohne klar definierte Erzählung. Und so konnte ich choreografieren, wie ich es jetzt mag: einfach beginnen und nicht zu wissen, wohin mich die Reise führen und wie sie enden wird!

Eine Zeit intensiver Recherche folgte meiner spontanen Entscheidung. Was die Musik betraf, war es für mich von Anfang an klar, dass ein musikalischer Zyklus, der die Jahreszeiten aus der Sicht eines Komponisten schildert – so wie in Vivaldis bekannter Komposition für Streicher –, nicht geeignet wäre für das, was mir vorschwebte. Ähnlich wie in meinem Ballett "Seven Haiku of the Moon" wollte ich mich auch hier der japanischen Kultur in einem direkten, aufrichtigen und schöpferischen Weg nähern. Ich meine nicht, den japanischen "Stil" in einem oberflächlichen Sinn zu kopieren, sondern ihn vielmehr zu studieren und zu versuchen, in einen direkten Kontakt mit Musik und Poesie zu treten. Natürlich bleibt ein solches Verstehen subjektiv, weil mein Verstehen von Yuasas Musik oder von einem Haiku von Basho, das die Choreografie in Teilen inspiriert hat, amerikanisch-europäisch geprägt ist. Ich entschied mich, das Ballett "Seasons – The Colors of Time" zu nennen. Die "Colors" im Titel zielen auf die Farben, die in vielen jahreszeitlich inspirierten chinesischen Gedichten angedeutet werden: Schwarz = Winter (Norden), Blau = Frühling (Osten), Rot = Sommer (Süden) und Weiß = Herbst (Westen).

Aufgrund meiner Liebe zur japanischen Dichtung und der Beschäftigung im Umfeld meines eigenen Ballettes "Seven Haiku of the Moon" war ich mir durchaus bewusst, dass die Jahreszeiten eine herausragende Rolle in der japanischen Literatur spielen. Schon früh existierte in der japanischen Dichtung ein grundlegendes Bewusstsein für die Jahreszeiten.

Die Kunst, Worte über Jahreszeiten ausfindig zu machen, die deren Bedeutungsschichten und Assoziationen vertiefen, ist ein wichtiger Aspekt im Verfassen von Haikus. Als Choreograf fühle ich, wie meine ganz spezifische Kunst dieser Art von Dichtung nahe ist. Es ist nicht möglich, ein Ballett wie "Seasons – The Colors of Time" als eine einfache Geschichte oder Roman zu beschreiben oder gar zu erklären. In meiner Arbeit suche ich nach einer traumähnlichen Logik und hoffe, dass das Publikum mein Ballett nicht so sehr "versteht", sondern seine Charaktere und Situationen emotional durchlebt. "Seasons – The Colors of Time" ist für mich ein Tanzgedicht. Ein Mann erlebt so etwas wie eine Reise durch die Jahreszeiten. Die Frage ist, ob es hier um die äußeren Jahreszeiten in der Natur geht, um Jahreszeiten der Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft oder ob es sich um die inneren Jahreszeiten der Existenz und Bestimmung dieses Mannes handelt. Die Jahreszeiten, die er durchlebt, spiegeln sich zuweilen in seiner Stimmung und in seinem Handeln wider, manchmal kontrastieren sie diese. Zeitweise versammeln sich vereinzelte Kameraden um ihn auf seiner Reise. Er nimmt sich in anderen Jahreszeiten seines Lebens wahr. Aber wie in jedem anderen Leben auch, wird er begleitet von einer Zeit, die ihn vorantreibt. Doch sanft trägt ihn der Segen der Erinnerung zurück.

John Neumeier, 2000

 

Reihenfolge der Musik

Prolog – Winter – Aufbruch
Claude Debussy, "Preludes", daraus: "Des Pas sur la neige"

1. Winter
Claude Debussy, "Children's Corner", daraus:
"The Snow is dancing", Bearbeitung: Isao Tomita

Franz Schubert, "Winterreise", daraus: "Mut!",
Bearbeitung: Hans Zender

Antonio Vivaldi, "Die vier Jahreszeiten",
daraus: "Der Winter", 1. Satz

2. Vorfrühling
Franz Schubert, "Winterreise",
daraus: "Frühlingstraum", Bearbeitung: Hans Zender

Felix Mendelssohn Bartholdy, "Lieder ohne Worte",
daraus: "Frühlingslied"

Frühling
Minoru Miki, "Spring is dancing"

Interlude I
Claude Debussy, "Preludes", daraus: "Des Pas sur la neige"

3. Sommer
Giuseppe Verdi, "L'estate", Allegro giusto
Ballettmusik III. Akt aus "I vespri siciliani"

Minuro Miki, "Whirling water"

Spätsommer
Antonio Vivaldi, "Die vier Jahreszeiten",
daraus: "Der Sommer", 1. Satz

Interlude II
Claude Debussy, "Preludes", daraus: "Des Pas sur la neige"

4. Herbst
Joji Yuasa, "Relentless Sun – But the Wind is of Autumn", "Full Moon of Autumn"

Spätherbst – Heimkehr
Franz Schubert, "Winterreise", daraus: "Der Leiermann",
Bearbeitung: Hans Zender

 

 

Pressestimmen

Er bezieht sich klugerweise im Bewegungsvokabular der beiden Ballette hauptsächlich auf sein eigenes und nicht auf fernöstliche Stilistik, was ohnehin nur kunsthandwerklich gewirkt hätte. Auffallend sind jedoch Langsamkeit, Reduktion und die klare, zeichenhafte Einfachheit in der Linienführung, die der Choreograf an manchen Stellen mit komplizierten Figuren, Drehungen oder Hebungen bricht.
DPA/Süddeutsche Zeitung

Es sind Bilder von berührender, fast hoheitsvoller Schönheit, die dem Betrachter viel Zeit des Sich-versinken lassen, ohne dass er in einen spirituell schwiemeligen Sog geriete und ohne dass ihm in überdeutlichen Metaphern oder lautem Lachen und Kreischen mitgeteilt würde, welche Stimmungen gerade angesagt sind.
Hamburger Abendblatt

Ein asiatischer Abend eines Amerikaners in Mitteleuropa – absolut sehenswert.
Hamburger Morgenpost

"Seven Haiku of the Moon" bringt die Stimmungen und Gefühle in Bewegung. […] Obwohl das Stück schon 20 Jahre alt ist, so erscheint es doch höchst aktuell – vielleicht, weil es so reduziert und zurückgenommen, gleichzeitig aber auch expressiv wie meditativ ist, in den Soli, Pas de Deux oder Pas de Trois ebenso wie in den Ensembles.
Tanznetz.de

Wie im japanischen Theater gleiten die Tänzer manchmal mit gebeugten Knien über den Boden. Neumeier belässt es jedoch klugerweise bei dieser stilistischen Anleihe, bleibt sich seinem Bewegungsvokabular treu, reduziert es jedoch zeichenhaft auf einfache klare Linien und Figuren. Bewegt sich der Mond-Solist Bordin in abgezirkelten Posen, erstarrt die Gruppe und vice versa.
kultiversum

 

 Seven Haiku
of the Moon

Fotos
Trailer

 
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