Bilder aus dem heidnischen Russland in zwei Teilen
von Igor Srawinsky und Nicholas Roerich

 

Musik
  Igor Strawinsky
Choreografie
  Millicent Hodson
inspiriert von Vaslaw Nijinsky
Bühnenbild
Kostüme
  nach Nicholas Roerich
rekonstruiert von Kenneth Archer

35 Min.

 

Uraufführung
Ballets Russes, Théâtre des Champs-Élysées
Paris, 29. Mai 1913

Originalbesetzung    
Eine 300jährige Frau
  Ludmilla Guliuk
Ein weiser Alter
  Alexander Vorontzov
Die Auserwählte
  Maria Pilz

 

Premiere der rekonstruierten Fassung
The Joffrey Ballet, Los Angeles, 30. September 1987

Originalbesetzung    
Eine 300jährige Frau
  Carole Valleskey
Ein weiser Alter
  Paul Shoemaker
Die Auserwählte
  Beatriz Rodriguez

 

Premiere mit dem HAMBURG BALLETT
Hamburg, 28. Juni 2009

Originalbesetzung    
Eine 300jährige Frau
  Silvia Azzoni
Ein weiser Alter
  Lloyd Riggins
Die Auserwählte
  Silvia Azzoni

 

Ich weiß, dass "Le Sacre du Printemps" einmal sein wird, wenn alles so ist, wie wir es beide wollen. Für einige wird es neue Horizonte öffnen, riesige Horizonte, durchflutet von verschiedenen Strahlen der Sonne. Die Menschen werden neue und andersartige Farben und Linien sehen, alles ist fremd, unerwartet und schön.
Vaslaw Nijinsky an Igor Strawinsky

 

Eine einzigartige Feuerprobe in der Ballettgeschichte

In einem Augenblick visionärer Kraft schreibt Vaslaw Nijinsky an Igor Strawinsky: "Ich weiß, dass 'Le Sacre du Printemps' einmal sein wird, wenn alles so ist, wie wir es beide wollen. Für einige wird es neue Horizonte öffnen, riesige Horizonte, durchflutet von verschiedenen Strahlen der Sonne. Die Menschen werden neue und andersartige Farben und Linien sehen, alles ist fremd, unerwartet und schön." "Le Sacre du Printemps" ist ein Mysterium rituellen Zuschnitts. Das Werk rührt aus einem Traum, der Igor Strawinsky umwehte, gründend in einem vorzeitlichen slawischen Ritus. Der Komponist sah ein junges Mädchen – später die auserwählte Jungfrau – umkreist von weisen Männern, den Ahnen. In zunehmenden ekstatischen Bewegungen tanzt sich das Mädchen in den Tod und opfert sich dem Frühling. Mit Nijinskys "Sacre"-Choreografie wird oft eine Rückkehr zum Körper verbunden. In einer ausführlichen Besprechung einige Monate nach der Pariser Uraufführung 1913 heißt es bei Jacques Rivière: "Die Ecken und Brüche in der Choreografie sind dazu da, um der Emotion, die von der Musik eingefangen und festgehalten wird, die Flucht aus dem Körper zu verstellen".

Nach Jahren intensiver Bemühungen und Forschungen feierte Vaslaw Nijinskys "Le Sacre du Printemps" am 30. September 1987 seine Wiederaufführung durch das Joffrey Ballet in Los Angeles. Dass Nijinskys verloren geglaubte Choreografie vierundsiebzig Jahre nach seiner Uraufführung wieder auf die Bühne kam, ist vorrangig dem Enthusiasmus und Engagement der amerikanischen Tanzhistorikerin und Choreografin Millicent Hodson und dem britischen Kunsthistoriker Kenneth Archer zu verdanken. 1979 begann Millicent Hodson, die gerade an ihrer Doktorarbeit schrieb, mit ihrer umfangreichen Recherche, zu der auch das Befragen von Augenzeugen gehörte. Sie interviewte Léonide Massine, Mitglieder der Nijinsky-Familie und Zuschauer, die 1913 die skandalträchtige Produktion in Paris erlebt hatten. Kenneth Archer befragte den Sohn des damaligen Ausstatters Nicholas Roerich und zahlreiche weitere Mitarbeiter im Umkreis der Ballets Russes, darunter auch Boris Kochno, Diaghilews rechte Hand.

An vielen Orten der Welt wurden die Forschungen weiter betrieben, so auch in London, wo die ersten Proben von Nijinskys Ballett stattgefunden hatten. "Meine Reise an die Themse war eine Rückkehr zum Ursprung," erinnert sich Millicent Hodson. "Die einzig erhaltenen Interviews mit Nijinsky über 'Le Sacre' findet man in der englischen Presse während der Zeit der Entstehung und im Umfeld der Londoner Premiere. 1979 lebte noch Marie Rambert, die seinerzeit von Diaghilew vermittelt wurde. Sie hatte Nijinsky während seiner Arbeiten an 'Sacre' assistiert." Für Millicent Hodson war sie es, die ihm half, die komplizierten Counts festzulegen und diese in der Arbeit mit den Tänzern zu verankern: "Schließlich überstand sie die bisher einzigartige Feuerprobe in der Ballettgeschichte. Für mich ist sie die Geburtshelferin dieser Produktion, seine Vertraute und seine erste Verteidigungslinie gegenüber den aufgebrachten Tänzern, die natürlich eine völlig andere Technik gewohnt waren."

Hodson berichtet, wie sie im Interview mit der Ballettlegende im April 1979 einen Film abspielte, der die Massine-Version zeigte, um ihre Erinnerungen zu reaktivieren und ihre Gedanken aus der Differenz zur gezeigten Version aufzufrischen: "Als wir den Film sahen, schüttelte sie ihre Hände und stand auf. Mit der unglaublichen Grandezza ihrer neunzig Jahre begann sie, Nijinskys Körperhaltung zu demonstrieren, während sie gleichzeitig einige Takte von Strawinskys Musik sang." Gestenreich erklärte Marie Rambert, so Hodson, die Basis der Choreografie sei die Haltung mit eingedrehten Füßen: "Gebeugt. Fragend, zweifelnd. Und die Fäuste – nicht mit Kraft, nicht Kraft zeugend, einfach noch nicht geöffnet. Er nannte das 'kuluchi'. Das ist eine Verkleinerungsform und meint Fäustchen. Das war eine der Posen, und in denen sollte man tanzen! Wenn sie mit diesen Füßen einwärts springen sollten", so erklärte es die alte Dame, während sie die Haltung zeigte. "Es war sehr schwer, die Position zu halten, noch dazu, weil sie sich fürchterlich schwere Rhythmen merken mussten. Es war eine Tortur."

 

Die Handlung und Szenen

Das Ballett stellt ein fiktives atavistisches Frühlings-Ritual dar

Erste Teil
L'Adoration de la Terre – Die Anbetung der Erde

Introduction
Einleitung
Les Augures Printaniers, Danse des Adolescentes
Die Vorboten des Frühlings, Tanz der jungen Mädchen
Jeu du Rapt
Spiel der Entführung
Rondes Printanières
Frühlingsreigen
Jeux des Cités Rivales
Spiele der feindlichen Stämme
Cortège du Sage
Prozession des weisen Alten
Le Sage, Adoration de la terre
Der weise Alte, Anbetung der Erde
Danse de la terre – Tanz der Erde

Zweite Teil
Le Sacrifice – Das Opfer

Introduction
Einleitung
Cercles Mystérieux des Adolescentes
Geheimnisvolle Kreise der jungen Mädchen

Glorification de L'Élue
Verherrlichung der Auserwählten

Évocation des Ancêtres
Anrufung der Ahnen
Action Rituelle des Ancêtres
Weihevolle Handlung der Ahnen
Danse Sacrale (L'élue)
Opfertanz (Die Auserwählte)

 

Millicent Hodson und Kenneth Archer

Die in Amerika geborene Choreografin Millicent Hodson und der Kunsthistoriker Kenneth Archer rekonstruieren moderne Meisterwerke der Ballettgeschichte und kreieren zudem eigene Werke. Sie arbeiten mit zahlreichen Compagnien zusammen, u.a. mit dem Royal Ballet Covent Garden, dem Mariinsky Ballett in St. Petersburg, dem Ballett der Opéra Paris, dem Zürcher Ballett und dem Ballett der Mailänder Scala. Namentlich rekonstruierten Hodson und Archer Werke von Vaslaw Nijinsky und George Balanchine. Nijinskys Ballette umfassen "Le Sacre du Printemps", "Jeux" und "Till Eulenspiegel". Zu den Balanchine-Balletten zählen "Valse triste", "Le Chant du Rossignol", "La Chatte", "Le Bal" und "Cotillon". Mit "Homage to Isadora Duncan", "Medea and Her Children" und "Ariadne and the Minotaur" schufen sie neue Ballette. Hodson und Archer veröffentlichten zahlreiche Artikel über Tanz in verschiedenen Zeitschriften und Ausstellungskatalogen. Das Ehepaar lebt in London und lehrt weltweit an Universitäten, Museen und auf Konferenzen.

 

Pressestimmen

Dieses Werk ... ändert alles, ... es verändert die Quelle unseres ästhetischen Urteilsvermögens ... und ist ein Meilenstein nicht nur in der Tanz- und Musikgeschichte, sondern in der Geschichte aller Künste. Seine Schönheit ergießt sich über alles.
Jacques Rivière, Nouvelle Revue Française, 1913
(zur Uraufführung, Paris 1913)

Atemlose Aufmerksamkeit beim Staatsopern-Publikum. Während der dreistündigen Eröffnung der 35. Hamburger Ballett-Tage vergaßen sogar die sonst so verlässlichen Leise-Stellen-Störer zu husten. Mit einer Hommage aux Ballets Russes huldigte Ballett-Intendant John Neumeier der legendären Kompanie, deren 100-jähriges Jubiläum 2009 weltweit gefeiert wird.

Begeisternd: "Le Pavillon d'Armide"
Frech und originell: "Der verlorene Sohn"
Berauschend: "Le Sacre du Printemps"
Hamburger Morgenpost

Silvia Azzoni als "Auserwählte" in "Le Sacre". Das muss man gesehen haben!
Deutschlandradio Online

Nijinsky verstand sich perfekt darauf, mit allem, was klassisch und romantisch war, gründlich aufzuräumen, davon ist in diesem Stück nichts, aber auch gar nichts mehr zu erkennen. Und gerade das macht dieses Stück so modern und so faszinierend – Nijinsky war hier seiner Zeit weit, weit voraus, und offenbar bis ins 21. Jahrhundert hinein.
Tanznetz.de

 

Link

"Keeping Score" vom San Francisco Symphony Orchestra ist eine sehr gut gemachte Website mit interaktiven Inhalt über "Le Sacre du printemps" und die Arbeit von Strawinsky, Roerich, Nijinsky and Diaghilew.

Kommentar von
Michael Tilson Thomas, Millicent Hodson und Kenneth Archer

Keeping Score

 

Fotos
Trailer

 
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