Ballett von John Neumeier
Burleske in 4 Bilder und Prolog

 

Musik
  Igor Strawinsky
Scènes Burlesques en quatre tableaux
Choreografie
Kostüme
  John Neumeier
Bühnenprospekte nach
zwei Zeichnungen von
  Vaslaw Nijinsky

 

Uraufführung
Hamburg Ballett, Nijinsky-Gala VIII, 26. Juni 1982
Premiere der revidierten Fassung am 7. Mai 1995

 

Originalbesetzung    
Petruschka
  Kevin Haigen
Ballerina
  Lynne Charles
Mohr
  Ronald Darden

 

Das Wesentliche ist das, was man nicht weiß.
Das Wesentliche ist das, was man erst im nachhinein versteht...

John Neumeier

 

Mehrere Komponisten in einer Person
Ein Bekenntnis zu Igor Strawinsky

von John Neumeier

In Igor Strawinskys Musik - und hiermit meine ich durchaus nicht nur seine genuinen Ballettkompositionen - scheint die Bewegung als visuelles Moment stets mit einkomponiert. Dies ist, glaube ich, ein Grund dafür, dass Strawinsky als bedeutendster Ballettkomponist des 20. Jahrhunderts bis heute jeden Choreografen fasziniert. Sein hundertstes Geburtsjubiläum in diesem Jahr muss keine "Renaissance" einleiten: Sein Werk ist immer lebendig geblieben. Auch für mich war es stets ein fesselnder Gegenstand choreografischer Arbeit.
Ein weiterer Grund für die Faszination, die Strawinsky ausübt, ist seine unglaubliche Vielseitigkeit und Verwandlungsfähigkeit . Man kann ihn im Grunde nur in Gegensätzen beschreiben: Strawinsky ist akademisch und modern, apollinisch und dionysisch, konstruktivistisch und illustrativ: er ist im Grunde mehrere Komponisten in einer Person. Jedes seiner Werke stellt dem Choreografen ganz neue Aufgaben. Dies habe ich bei meinen bisherigen Choreografien deutlich erfahren. Während in Gustav Mahlers Symphonien stets ähnliche Themen in unterschiedlichen Facetten erscheinen und ich daher meine Mahler-Choreografien im Sinne einer einheitlich gerichteten Entwicklung kontinuierlich anlegen konnte, stellte mir jedes Strawinsky-Stück ein ganz anderes Problem.
Der "Feuervogel", den ich in Frankfurt als Science-Fiction-Märchen inszenierte, ist ein Handlungsballett, seine Musik hat deskriptiven Charakter. Beim "Kuss der Fee", liegt ebenfalls eine Handlung zugrunde, die einem sehr poetischen Libretto folgt. In beiden Werken tragen die Figuren individuelle Namen.
Ganz anders "Le Sacre du printemps". Niemals hätte ich hier am Originallibretto festhalten noch ein anderes Libretto erfinden können. Das Stück erscheint mir vielmehr wie ein großer Felsblock, aus dem man eine choreografische "Skulptur" herausmeißeln muss. (Strawinsky hat das Werk übrigens als "eher architektonisch als anekdotisch" bezeichnet und in einem selten zitierten Londoner Interview bemerkt, die "Geschichte" des Balletts stamme weniger von ihm selbst als von Nijinsky.)
Wiederum anders die Lage bei "Petruschka". Ich habe immer sehr die Originalchoreografie von Fokine geschätzt. Diese Originalfassung ist jedoch meines Erachtens sehr eng mit der russischen Tradition verbunden (sowohl was das Libretto als was auch den Tanz betrifft). Ich komme aus einer anderen Tradition und wurde von der Musik zudem anders inspiriert. Dieses spezifisch russische Kolorit der Fassung von Fokine erscheint mir von Strawinsky her auch nicht unverzichtbar notwendig. Die Musik ist keine Volksmusik, sondern benutzt diese in einer ganz eigenen und höchst modernen Weise: Metren, Rhythmen und Melodien der Volksmusik und des Volkstanzes entfalten sich nicht gemäß ihrer traditionellen Struktur, sondern werden gleichsam in Fragmente zerstückelt und kaleidoskopartig immer neu zusammengesetzt, wobei in den Übergängen harte Schnitte entstehen. Interessant ist, dass gerade diese Struktur Fokine noch gestört hat, obwohl er gerade als Erneuerer des klassischen Tanzes bekannt ist; gerade sie hat mich jedoch fasziniert. Meine Choreografie sollte daher ganz von der Musik ausgehen. Vor der Erarbeitung des ganzen Werkes habe ich zunächst die "Petruschka-Variationen" zu Strawinskys Klavierbearbeitung von drei Fragmenten choreografiert - ganz im Sinne einer rein musikbezogenen Umsetzung. Auf
diesem Wege gehe ich nun in der Choreografie des ganzen Werkes weiter. Diese bezieht sich nicht auf das Originallibretto, sondern geht aus von Strawinskys ursprünglichem Konzept eines Konzertstückes, in dem das Klavier als Soloinstrument gegen das Orchester gleichsam revoltiert.
Ein rein musikalischer Ansatz bestimmt auch meine Choreografie der "Symphonie in drei Sätzen". Hier löste die Musik mit ihrem scheinbar unaufhörlichen Bewegungsimpetus ganz abstrakte tänzerische Vorstellungen aus - Bewegungen, losgelöst von Licht, Dekor, Kostümen. Erst viel später stellten sich auch inhaltliche Assoziationen ein.
Das bewusste Zitieren historischer Stile und Elemente, ihre ironisierende Verfremdung bildet einen weiteren Aspekt von Strawinskys Musik, der in meinem Ballett "Gala-Suite" Eingang findet. Für die Nijinsky-Gala der Hamburger Ballett-Tage 1982 konzipiert, hat das Ballett die Idee einer Gala zum Thema - einer Gala, in der Solisten zusammentreffen, die sonst nicht miteinander arbeiten. Ein solches Ereignis hat durchaus auch seine humoristischen Seiten. Hierfür wählte ich Musikstücke aus, die schon an sich eine humoristische Note haben: das "Greeting Prelude" und die Suiten für kleine Orchester.
Der stilistischen Vielfalt von Strawinskys Werken entspricht die Vielfalt tänzerischer Umsetzungsmöglichkeiten. Dennoch hat sich für bestimmte Stücke ein Tanzstil herauskristallisiert, der mittlerweile als modellhaft gilt: der Stil George Balanchines. Bestimmte tänzerische Bewegungen wären nicht möglich, hätte es nicht die Zusammenarbeit von Strawinsky und Balanchine gegeben. Wie einige Klänge Tschaikowskys sofort den Stil Petipas vor Augen erscheinen fassen, verbindet man bestimmte Klänge Strawinskys ("Agon") unwillkürlich mit Balanchines Stil. Auf diesen Errungenschaften baue ich bewusst auf, wie ich auch andere historische Tanzstile ganz bewusst in meinen Balletten verwende.
Als Balanchine Strawinskys "Kuss der Fee" choreografierte, konzipierte er die Feenszenen als bewusste Huldigung an die weißen Ballette von Marius Petipa. Meine Choreografie dieser Szene ist als Huldigung an die weißen Ballette von Balanchine gedacht; in sie habe ich teilweise Bewegungen aus "Apollon musagete" eingearbeitet. Auch bei diesem Verfahren glaube ich mich auf Strawinskys Musik berufen zu dürfen, der sich ganz bewusst historischer Stile bediente, indem er sie in neuer Beleuchtung in seine Werke einbrachte, ohne dadurch das geringste an schöpferischer Originalität einzubüßen.

Haigen
 

 
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