Ballett von John Neumeier
frei nach Henrik Ibsen

 

Musik
  Alfred Schnittke
Auftragswerk
der Hamburgische Staatsoper
Choreografie
Inszenierung
  John Neumeier
Bühnenbild
Kostüme
  Jürgen Rose

 

Uraufführung
Hamburg Ballett, Hamburg, 22. Januar 1989

 

Originalbesetzung    
Peer Gynt
  Ivan Liska
Solveig
  Gigi Hyatt
Aase, Peer Gynts Mutter
  Anna Grabka
Die Andere - Ingrid,
die Grüne, Anitra
  Chantal Lefèvre
 
Peers Aspekte
   
Anima
  Gigi Hyatt
Kindheit
  Patrick Becker
Fliegen   Jeffrey Kirk
Erotik   Jean Laban
Draufgänger   Eric Miot
Aggression   Gamal Gouda
Zweifel   Stephen Pier

 

Produktion 2015

Premiere
Hamburg Ballett, Hamburg, 28. Juni 2015

 

Originalbesetzung    
Peer Gynt
  Carsten Jung
Solveig
  Alina Cojocaru
Aase, Peer Gynts Mutter
  Anna Laudere
Die Andere - Ingrid,
die Grüne, Anitra
  Carolina Agüero
 
Peers Aspekte
   
Unschuld   Marc Jubete
Visionär   Sasha Riva
Ehrgeiz   Karen Azatyan
Zweifel   Alexandre Riabko

 

 

Die Handlung
 

PROLOG - Eintritt in die Welt

Peer hat viele Aspekte

 

ERSTER AKT - Norwegen

Der junge Peer und seine Mutter Aase

AASE Würd’ dir doch nur eins bewusst:
Dass du mal den Riss in deiner
Eignen Hose stopfen musst.
PEER GYNT hitzig: König, Kaiser will ich werden!
AASE Jetzt kutschiert ihm mit vier Pferden
Noch sein letzter Witzrest fort!
PEER GYNT Lass mir Zeit nur – und ich bin’s!
AASE Lass mir Zeit, so werd’ ich Prinz,
Geht im Volk ein altes Wort!
PEER GYNT Wirst schon sehen!

Peers Phantasie - der Ritt durch die Luft

Tanz auf dem Haegstadhof - Ingrid heiratet
Peer sieht Solveig

PEER GYNT Solveig! Ach, das ist schön, dass sie da ist!
Fasst sie am Handgelenk: Jetzt will ich drehn dich, was Mutter auch schilt.
SOLVEIG Lass mich!
PEER GYNT Warum denn?
SOLVEIG Du bist so wild.
PEER GYNT Auch der Renbock ist wild, wenn der Sommer nah ist. Komm, und sei nicht so halsstarrig, Kind!
SOLVEIG zieht den Arm an sich: Darf nicht.
PEER GYNT Warum nicht?
SOLVEIG Du hast getrunken.

er kann sie nicht haben und entführt die Braut

DER BRÄUTIGAM Peer Gynt! Seht dorthin, auf den Berg!
DIE MENGE Mit der Braut!
AASE lässt den Stock sinken: Das Luder!
DER SCHMIED wie aus den Wolken gefallen: Im schroffsten Gestein
Klettert der Kerl wie ein Geißbock hinauf.
DER BRÄUTIGAM weinend: Er trägt sie, Mutter, wie ein Bär das Schwein!
AASE droht hinauf zu ihm: O, dass du herabfielst!
Schreit in Angst auf: Tritt vorsichtig auf!

Flucht in die Berge
Peer hat Ingrid und will Solveig
Solveig sucht Peer Aase ruft nach ihm

SOLVEIG zu Aase: Erzähl mir noch etwas!
AASE trocknet die Augen: Von meinem Sohn?
SOLVEIG Alles!
AASE lächelt und trägt den Kopf mit einem Mal wieder hoch: Alles? – Müd würdst du da!
SOLVEIG Eher wohl würdet ihr müd, zu plauschen,
Als ich, zu lauschen.

Spuk oder Wirklichkeit- die Trollwelt

DER DOVRE-ALTE Am Schnitt und am Schritt erkennt man den Troll.

Peer trifft die Grüne
er lässt sich verführen und passt sich doch nicht an

DIE GRÜNE Ist’s wahr?
PEER GYNT schneidet sich mit dem Finger über die Gurgel:
Ich heiße nicht wahrer Peer,
Und du bist nicht wahrer eine bildsaubre Dirn!
Willst du mich haben? Du bekommst es nicht schwer,
Sollst nichts zu tun haben mit Nadel und Zwirn! [...]
DIE GRÜNE Schwarz, das scheint weiß, und grob, das scheint fein.
PEER GYNT Groß, das scheint klein, und schmutzig, das scheint rein!
DIE GRÜNE fällt ihm um den Hals:
Ja, Peer, so seh ich, wir geben ein Paar!
PEER GYNT Wie Bein und Hose, wie Kamm und Haar.

Solveig lässt die Glocken läuten
mittendurch, zu ihr oder außenherum
Peer steht sich selbst im Weg

PEER GYNT Hin und zurück, ‘s ist der gleiche Weg; Hinaus und hinein, ‘s ist der gleiche Steg!
Da ist er! Dort! Rings, wo ich mich weise!
Wähn ich mich draußen, steh ich mitten im Kreise.

Allein hoch oben in den Bergen
Peer baut sein Haus

PEER GYNT Ein Schloss muss sein; dass die Hütte rein bleibe
Vor allerlei Trollpack, so Manne wie Weibe.
Ein Schloss muss sein; die Hütte zu bergen
Vor allen den tückischen Wichten und Zwergen.
Das kommt mit dem Dunkel; das pocht an die Planken;
Mach auf, wir sind ohne Rast wie Gedanken!
Wir kramen im Bettsack, die Herdglut wir fachen,
Wir fahrn durch die Esse wie feurige Drachen.
Hihi, Peer Gynt, meinst du, Nägel und Planken
Feiten vor tückischen Koboldgedanken?
SOLVEIG Gott segne dein Tun! Musst dich meiner nicht schämen.
Du riefst mich, ich kam; – und so musst mich denn nennen.
PEER GYNT Solveig. Das ist nicht! Du bist es? Ja! Ja!
Und fürchtest dicht nicht, – und kommst mir so nah! [...]
So hab ich dich! Komm! Lass mich drinnen dich schauen!
Tritt ein! Ich lauf nur noch, Herdholz zu hauen.

Solveig kommt zu ihm

Störung - die Vergangenheit holt Peer ein
er kann nicht bleiben

PEER GYNT Fort, Hexe!
DAS WEIB Eitel, dass du mich bannst!
PEER GYNT Ich schlag dir den Schädel ein!
DAS WEIB Tu’s, wenn du’s kannst!
Hoho, Peer Gynt, ich steh jeden Schlag!
Ich komme zurück jeden einzelnen Tag;
Ich lug durch die Tür und beobacht euch beiden.
Und sitzt du mit ihr dann zu dämmriger Weil
Auf der Bank und wirst zärtlich und magst sie gern leiden,
So setz ich dazu mich und fordre mein Teil.
Dann schnäbelst du balde mit ihr, bald mit mir dich.
Leb wohl, lieber Junge, und morgen kopulier dich!

Aase ist verarmt
Peer kommt zu ihr, sie stirbt – Peer bricht auf

AASE Ja, Peer; es ist bald vorbei.
Wenn dann meine Augen brechen,
So drück sie mir sorgsam zu.
Und eins noch musst mir versprechen:
Den Sarg, den lass schmuck sein, du! [...]
PEER GYNT Bist du durstig? Soll ich was holen?
Ist’s Bett zu kurz? Drückt es dich? Sag?
Herrje; – sind das nicht die Bohlen,
Dadrin ich als Junge lag?
Besinnst dich noch, wie du oft hocktest
Des Abends am Bettende dort
Und mich, wer weiß wohin, locktest
Mit Märchen und Zauberwort?
AASE Jawohl! Und spielten wir Schlitten,
Wann Vater herumfuhr im Rund.
Die Deck ward als Kutschpelz gelitten,
Und die Diel war ein spiegelnder Sund. [...]
unruhig: Peer ich will fort!
PEER GYNT Fort willst du?
AASE Ja, fort möcht ich, fort immerzu.
PEER GYNT Schnack! Unter der Decke hübsch bleiben!
Ich setz mich aufs Bettende dort.
Jetzt wolln wir die Zeit uns vertreiben
Und uns träumen, Gott weiß wohin, fort!
AASE Ob die Bibel nicht besser passte?
Ich bin so unruhigen Sinns.
PEER GYNT Im Soria-Palaste
Geht es hoch her bei König und Prinz.
Ruh aus dich im warmen Schlitten;
Ich fahr dich dorthin über Feld.

 

ZWEITER AKT - Draussen - Scheinwelt

Vortanzen für eine Show
der Anfänger Peer fällt auf
und wird engagiert

PEER GYNT Das Glück ward nicht flüchtig.
Noch Muhme Fatum gallensüchtig.
Es ging. Und da ich selber tüchtig,
Lief bald die Sache wie auf Federn.

Revuetheater- "Regenbogensextett"
Peer macht auf sich aufmerksam
er hat Erfolg

PEER GYNT Die ganze Kunst, das Glück zu zwingen,
Die Kunst, den Mut der Tat zu haben,
Ist die: wahlfreien Laufs zu traben
Durch dieses Lebens tausend Schlingen.

Music Hall - "Der Sklavenhändler"
Peer macht Karriere

PEER GYNT Das Gyntsche Ich, das ist das Heer
Von Wünschen, Lüsten und Begehr,
Das Gyntsche Ich, das ist der Reihn
Von Forderungen, Phantasein,
Kurz alles, was just m e i n e Brust hebt
Und macht, dass Gynt als solcher just lebt.
Doch wie der Herrgott braucht der Erden,
Soll er bestehn als Gott der Welt,
So hab auch ich Bedarf an Geld,
Soll ich ein rechter Kaiser werden. [...]
Will Gynt sein, wo ich geh und stehe,
Sir Gynt vom Scheitel bis zur Zehe!

Premierenfeier mit dem Filmstar Anitra
Peer setzt sich in Szene
und umwirbt Anitra

PEER GYNT während er mit seinen Augen Anitra beim Tanze folgt:
Wie Trommelschlegel fliegen die Beine.
Ei! Sie ist wahrhaft lecker, die Kleine.
Sie hat etwas extravagante Formen,
Nicht stimmend ganz mit der Schönheit Normen;
Doch was ist Schönheit? Ein Herkommen nur,
Eine Münze, gangbar nach Ort und Uhr.
Und just das Extravagante schmeckt süppig,
Auslöffeltest du die normale Welt.
Wo die Regel herrscht, wirst um den Rausch du geprellt.
Entweder höchst mager oder höchst üppig;
Entweder blutjung oder schreckhaft alt;
Was dazwischen, lässt kalt.
Ihre Füße – sind zwar nicht blendend an Reine;
Auch die Arme sind’s nicht, zumal nicht der eine.
Doch ist dies schließlich kein arges Laster.
Ich nennt es eher ein Schönheitspflaster ––
Anitra, hör zu!
ANITRA nähert sich: Deine Sklavin lauscht!
PEER GYNT Du bist reizend, Kind! Der Prophet ist berauscht!
Und willst du nicht glauben, vernimm es als Beweis:
Er macht dich zur Huri im Paradeis!

Im Kino
Peer steigt auf - Anitras Stern sinkt

Premierenfeier mit Peer Gynt, dem großen Filmschauspieler
er ist der neue Star

Im Filmstudio
Peer dreht "Kaiser der Welt"
er ist größenwahnsinnig und gerät außer sich

PEER GYNT Hoch nun darf ich mein Haupt wieder tragen,
In meines Manneswerts Wohlgefühl;
Ein Kaiser des Lebens, sozusagen!
Der Vergangenheit Summe will ich besitzen;
Nie mehr die Wege der Heutigen schwitzen;
Die Gegenwart ist keine Schuhsohle wert;
Die Männer sind nur dem Gewinn zugekehrt,
Ihre Geister sind lahm, ihre Taten unecht; ––
Zuckt die Achseln: Und die Weiber, – ein unbeständig Geschlecht!

Alptraum Irrenhaus
Peer hat die Kontrolle verloren

PEER GYNT taumelt: Was soll ich! Was bin ich? Du großer – halt fest! Ich bin alles, was du willst, – ein Türk, ein Verbrecher,
Ein Bergtroll – nur hilf – das gab mir den Rest!
Schreit: Ich weiß nicht mehr, wie du dich nennen lässt ––
Hilf mir, du, – aller Narren Fürsprecher! Fällt in Ohnmacht.
DR. BEGRIFFENFELDT macht einen Sprung und setzt
sich rittlings über ihn: Da ist er von sich selbst! Dass er
Im Staub die Krone empfange!
Drückt ihm den Kranz auf und ruft aus:
Der Selbstsucht Kaiser lebe lange!
SCHAFMANN im Käfig: Es lebe hoch der große Peer!

 

DRITTER AKT - Zurück

Heimkehr
Erinnerungen
Ingrid wird begraben
Solveig wartet

SOLVEIG singt in der Hütte:
Nun ist hier zur Pfingstfeier alles bereit.
Lieber Junge mein, in der Ferne,
Bist du noch weit?
Dein Werk, das harte,
Schaff’s nur gemach;
Ich warte, ich warte,
Wie ich dir’s versprach.
PEER GYNT erhebt sich still und totenbleich:
Eine, die Treue hielt, – und einer, der vergaß.
Einer, der ein Leben verspielt, – und eine, die wartend saß.
O, Ernst! – Und nimmer kehrt sich das um!
O, Angst! – H I E R war mein Kaisertum!

Peer sucht nach sich
und findet Peer Jedermann

PEER GYNT zu dem Knopfgießer:
Pack dich, und gib keine Torheiten an!
DER KNOPFGIESSER Mein Lieber, du irrst dich über die Maßen.
Wir haben beide nicht Zeit zu spaßen;
Und darum bündig der Sache Grund.
Ich hab es aus deinem eigenen Mund;
Du seist kein großer Sünder zu schelten;
Ja kaum ein mittlerer.
PEER GYNT Das mag gelten.
Das klingt schon besser.
DER KNOPFGIESSER Doch dich tugendhaft schelten ginge zu weit.
PEER GYNT Wer wollte denn auch gleich freien Pass!
DER KNOPFGIESSER Du bist also etwas, – halb dies, halb das.

 

EPILOG - aus der Welt

Solveig erkennt Peer
Peer erkennt Solveig

SOLVEIG singt lauter im Tagesglanz:
Ich wiege dich und ich wache;
Schlaf und träum, lieber Junge mein!

 

 

Es ist ein mysteriöses Stück! Es erschöpft sich nicht in einer Sicht . . . Peers Schicksal ist das jedermanns. Er ist der Antiheld, der Mensch nach dem Sündenfall - und wir sind so wenig perfekt wie er: Peer Jedermann Gynt, eine Parabel auf das menschliche Leben.
Während der Arbeitsgespräche zwischen Alfred Schnittke und mir ist der Begriff des Kreises aufgetaucht, er hat ihn wohl zuerst geprägt. Das Bild erinnert an Lebenskreislauf, an Reise nach innen, an den "nicht geraden Weg" "Geh außen herum!" sagt der Krumme zu Peer -, der schließlich doch ins Zentrum führt.
Der erste Kreis, gleichzeitig unser erster Akt, ist noch relativ anekdotisch, viel Geschehen, viel Geschichte wird erzählt. Er folgt in großen Zügen den ersten drei Akten bei Ibsen, spielt in Norwegen und entwickelt, analog zur realen Handlung, ein ziemlich normales Zeitgefühl, was die Länge der verschiedenen choreografischen Einheiten betrifft. Unser zweiter Akt, der zweite Kreis, ist eigentlich eine Reise in den Wahnsinn. Er entspricht Ibsens viertem Akt, Peers Reise in die Welt, einschließlich der Irrenhausszene, nur bei Ibsen erlebt man gerade das nicht, was ich zeige, Peers Aufstieg. Im Schauspiel setzt die Handlung eigentlich nach dem Höhepunkt, wenn der Abstieg beginnt, ein und berichtet nur von dem Vorausgegangenen. Im Ballett kann man nicht sagen: Das und das ist bisher passiert, und ich gehe jetzt von diesem Punkt aus weiter. Man muss wenigstens andeuten, wie sich die Aktion entwickelt. Der zweite Akt läuft im Ballett fast wie im Zeitraffer ab, die verschiedenen Spielorte sind nicht mehr zu unterscheiden, werden durcheinandergewürfelt, die Szenenübergänge fließen ineinander ohne erkennbare Zäsur, das Raum- und Zeitmaß gerät aus den Fugen.
Wenn man das, was Ibsen durch die Weltreise schildert, mit Tanz darstellen und in knapper Form erzählen muss, kann man das wahrscheinlich am besten anhand eines Tänzerlebens. Mein zweiter Akt beginnt deshalb mit einem Vortanzen, bei dem Peer durch eine gewisse Frische und Inspiration auffällt, engagiert wird, Karriere macht und um weiterzukommen immer mehr Klischees erfüllt. Der Druck, den Erfolg zu halten, den er erreicht hat, bringt ihn in eine extreme Stress-Situation. Das ist es, was ich zeigen wollte, einen Weg wie der von Michael Jackson, der als ganz netter Junge anfing, dann eine wahnsinnige Vision von sich selbst entwickelte und sich zu einem schönen Ungeheuer hochstilisierte.
Auf einer poetischen Ebene spricht Ibsen schon früh von Peer als Kaiser, "Kaiser der Welt". So malt es sich Peer in seinen kindlichen Wunschträumen detailliert und phantasievoll aus. Film wäre, dachte ich, dafür die richtige Übersetzung. Was für ein prätentiöser Titel: Kaiser der Welt. Eine absurde Vorstellung! Das wird man nur im Film! Dort werden mit Riesenaufwand genau solche Illusionen höchst farbig realisiert und mit viel Kitsch und Klischee inszeniert. Der dritte Kreis ist retrospektiv; das ist meiner Auffassung nach ganz ähnlich wie in Ibsens fünftem und letzten Akt, wo Peer nach Norwegen zurückkehrt: "Home coming . . . a search into the very heart of loss", hat Brian Johnson es genannt. Da geschieht für mich der große Bruch. Der dritte Kreis bringt die traurige Erfahrung, das Erkennen und die Rückschau auf ein Leben, das eigentlich kein Erfolg war, die Erinnerung an etwas, das einmal frisch gewesen ist, voll Hoffnung, Kraft, Wildwuchs und Freiheitsdrang. Statt der Berge beschreibt Ibsen nun eine verbrannte, öde Landschaft. Es ist diese Stimmung, bei Ibsen, in Schnittkes Musik und auch bei mir, die aufkommt, wenn man älter wird und darüber nachzudenken beginnt, wie das Leben verlaufen ist. Warum ist es so gekommen?
Und da wird "Peer Gynt" in einem ganz anderen Sinn zu einem "Jedermann"Stück, als ich vorher meinte. Es geht nicht um die Erlösung des Menschen, nicht darum, ob er gut oder schlecht war - und in den Himmel oder die Hölle kommt, wie bei dem alten christlichen Morality-Play. Der Knopfgießer sagt Peer, dass er weder gut noch schlecht war; er war mittelmäßig - wie jedermann. Das ist das eigentlich Traurige. Er taugt nur als Material zum Weiterverwenden, Umgießen, neu formen . . . Es gibt nicht einen Peer Gynt, es gibt viele. Nicht ein Name prangt in großen Lettern am Broadway, es sind viele, ganz klein geschrieben und im Computer gespeichert: Peer Gynt, Peer Gynt, Peer Gynt . . .
Das Ende des dritten Kreises bringt die Erkenntnis: Ich bin nicht anders als die anderen und gibt die Antwort auf die Frage: Was bin ich? Ich bin unverwechselbar in den Augen dessen, der mich liebt, ob es ein Mensch ist oder der Gott, an den wir glauben. Das ist die Tür der Erlösung: Weil mich jemand liebt, bin ich nicht nur Durchschnittsmensch. Weil Solveig mich liebt, bin ich Peer. Da beginnt im Ballett der Epilog.
Er ist eine in sich abgeschlossene Einheit. Musikalisch klingen in ihm noch einmal alle Motive auf. Er ist ein Mikrokosmos im Makrokosmos des Stücks. Extrakt oder Keimzelle, das ist schwer zu sagen: Was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Der Epilog führt in einen Bereich, der von Ibsen höchstens berührt, aber nicht betreten wird. Vielleicht lässt es sich in Sprache weniger gut sagen und ist ein Raum der Musik und der Choreografie.
Die Idee zu einem abschließenden "endlosen Adagio" kam mir wohl während der Arbeit an "Othello", wo ich zum erstenmal mit einem langen Pas de deux aufgehört habe. Da man Zeit hatte zu schauen, sich auf zwei Menschen zu konzentrieren und einzulassen, entstand ein fast hypnotischer Sog. Das hat mich fasziniert, und ich versuche in "Peer Gynt" etwas Ähnliches, allerdings noch extremer: eine - fast möchte ich sagen - rituelle Beziehung jenseits alles Realen. Der vierte Kreis ist der spirituelle und metaphysische Kern des Stücks.

J. N. 1989

 

Alfred Schnittke

Der russische Komponist Alfred Schnittke wurde 1934 in Engels, in der autonomen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen geboren. Er wuchs in Moskau und Wien auf und studierte am Moskauer Musikkonservatorium, wo er später auch als Lehrer tätig war. Ab 1957 veröffentlichte er eigene Kompositionen, wurde jedoch aus der sowjetischen Komponistenvereinigung ausgeschlossen. Mit Musik für Theater und Film sicherte er sein Auskommen. Seit 1989 war er Professor an der Musikhochschule Hamburg. Sein umfangreiches, fast alle Genres umfassendes Werk ist durch die von ihm selbst so bezeichnete Polystilistik geprägt. John Neumeier choregrafierte "Othello" u.a. zu Schnittkes Concerto grosso und "Endstation Sehnsucht" nach der Ersten Sinfonie. Im letzten Jahr widmete er seine Kreation "Sounds of Empty Pages" in St. Petersburg zu Alfred Schnittkes Konzert für Viola und Orchester dem 1998 verstorbenen Freund.

 

Pressestimmen zur Premiere

Peer Gynt, ein wunderbares Ballett über jedermann, das John Neumeier als einen Ballettdichter von außergewöhnlicher Tiefe zeigt. Vergleichbares ist heute in der internationalen Ballettwelt nicht zu finden. Das ist Tanztheater, wie es am größten ist.
Erik Aschengreen, Berlingske Titende, Kopenhagen

Dann aber, mit dem dritten Akt, mit dem Begin eines riesigen, fast einstündigen Adagios änderte sich plötzlich das choreographische Bild, Neumeier fand hinüber in eine jener aufregenden tänzerischen Apotheosen, in denen er seit je Meister ist... Neumeier, ein choreographischer Himmelsstürmer seit je, hat am Schluss seines "Peer Gynt" sich diesen Himmel fast aufgesprengt.
Klaus Geitel, Die Welt

Dass Neumeier in solchen Momenten keine billige Sentimentalität aufkommen lässt, alle denkbare choreographische Süße vermeidet, trägt zu der großen atmosphärischen Dichte der "norwegischen" Akte seines "Peer Gynt"-Balletts bei, in denen er in epischer Breite (und beinahe originalgetreu) Ibsen nacherzählt. Die komplexe Struktur der Choreographie, ihre bisweilen vielfach ineinander verwobenen Raummuster entsprechen Schnittkes Partitur, ohne die Musik lediglich zu illustrieren.
Horst Vollmer, Basler Nachrichten

John Neumeier ist, mit Abstrichen, ein genialer Wurf gelungen. Er sollte sich öfter mit einfachen Helden beschäftigen da wirkt er überzeugender, ehrlicher. Die Ballettbearbeitung behandelt die Theatervorlage zwar frei, aber stimmig.
Roland Langer, Frankfurter Rundschau

Ein Pulsschlag unendlicher Langsamkeit der Musik, der Bilder und Bewegungen hält den dritten Akt und Epilog in einer kaum zu ertragenden Spannung. Noch einmal heben sich Peer und Solveig im Pas de deux heraus, aus der Bewegung und dem Entkleiden heraus - und in die Gemeinschaft aller hineinwachsend - äußerstes Konzentrat einer Choreographie, die immer wieder von traumhafter Ruhe durch zogen ist. So ist John Neumeier heraus aus Nostalgie und Stagnation der europäischen Tanzszene ein großer Schritt nach vorn gelungen.
Herbert Glossner, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt

Die Überwindung aller Vorstellungen und allen egozentrischen Wollens durch die Liebe, das Leben jenseits aller Träumerei, aber auch frei von zeitlichen Zwängen, Aktualitäts-Neurosen, politischen/sozialen/ideologischen Querelen in der Zuwendung zu diesem anderen Menschen: John Neumeier als Utopist, der seine Endstation Sehnsucht nicht mehr nur als erotische Extravaganz vor Augen hat, sondern in der Mitmenschlichkeit einen neuen Lebenssinn erkennt? Ballett als die neue ethische Instanz, nachdem das Theater als moralische Anstalt sich selber aufgegeben hat? ... Dass John Neumeier aus einer intellektuell-künstlerischen Vision ein ästhetisches Prinzip ableiten und in imaginativer Kraft ein Werkkonzept gewinnen und mit seinem fabelhaften Ensemble realisieren konnte, hebt diesen "Peer Gynt" weit aus dem Rahmen eines illustrativen oder formalästhetischen Tanzabends auf die Ebene eines großen Welttheaters.
Heinz Josef Herbort, Die Zeit

Peers Pas de deux mit Solveig, der erste in zarter Jugendblüte, der zweite, nachdem sie erblindet ist, und mit Ingrid, die ihm zu entkommen versucht, sind überwältigend schöne Beispiele für Neumeiers choreographische Kunst, Bewegungen des klassischen Balletts, erweitert durch Elemente des Modern Dance und Jazz-Schritte... " Peer Gynt" ist ein Tanzdrama, das alle Zeichen von Größe aufweist.
James Helme Sutcliffe, International Herald Tribune

 

Pressestimmen zu Wiederaufnahme (2002)

Schwebende Seelenvereinigung
"Peer Gynt" scheitert als Welteroberer, gewinnt aber - choreographisch aus einem genialen Guss - im tänzerischen Flug mühelos das Publikum ... Die zweite große Verblüffung: Neumeier hat sich in seinem vor 13 Jahren entstandenen Stück als Visionär erwiesen. Es ist aktueller denn je, hat es doch die gegenwärtige mediale Realsatire vorweggenommen. ... Auch choreographisch: Im wunderbar endlosen Schluss-Adagio bringt er Bewegung durch scheinbaren Stillstand suggestiv ins Schweben.
Klaus Witzeling, Hamburger Abendblatt

Obacht, hier tanzt sich jemand die Seele aus dem Leib
Erzählt wird die universelle Geschichte eines Menschen, der sich einzig dünkt und doch nur ein Jedermann ist, der sich sucht und nicht findet, weil sein Leben wie eine Zwiebel ist: lauter Schalen, kein Kern. Und doch ein Mensch, der Erlösung findet, weil es Solveig gibt, die reine Seele, die ihn liebt.
Das Ballett endet in einem wunderbar harmonischen Pas de deux, in dem sich alle Freude und alles Leid des Menschlichen spiegelt.
Doris Blum, Die Welt

 

Zu der Musik von Alfred Schnittke

Schnittke erweist sich mit dieser ausladenden, ungeheuer weitgespannten, vor keinem stilistischen Risiko zurückschreckenden, keinem Zusammenstoß ausweichenden Musik als der legitime Erbe, der Tschaikowsky, Prokofjew, Schostakowitsch. Eine gewichtigere, Handlungsballett?Paritur als dieser "Peer Gynt" ist seit Prokofjews "Romeo und Julia" nicht geschrieben worden ? trotz Henzes "Undine" und "Orpheus'
Horst Koegler, Stuttgarter Zeitung

Peers Pas de deux mit Solveig, der erste in zarter Jugendblüte, der zweite, nachdem sie erblindet ist, und mit Ingrid, die ihm zu entkommen versucht, sind überwältigend schöne Beispiele für Neumeiers choreografische Kunst, Bewegungen des klassischen Balletts, erweitert durch Elemente des Modern Dance und Jazz-Schritte…"Peer Gynt" ist ein Tanzdrama, das alle Zeichen von Größe aufweist.
James Helme Sutcliff, International Harald Tribune

Seit Jahr und Tag hat kein musikalisches Werk dieses Riesenkalibers eine derart uneingeschränkt zustimmende Aufnahme gefunden wie Schnittkes „Peer Gynt“. Das liegt natürlich auch daran, dass Schnittke keine Neue Musik schrieb, sondern Musik schlechthin; ... Schnittkes Komposition ist eine Musik der tausend Gesichter, farbensprühend, ausdruckssatt, unerbittlich privat. Sie ist glänzend instrumentiert, klangreich, faszinierend, im Grunde konservativ, aber auf unbeirrbar eigenständige Art. Mit seiner "Peer Gynt" - Musik ... hat Schnittke einen neuen Höhepunkt seiner Laufbahn und der Freien Musik erreicht.
Klaus Geitel, Die Welt

Und so finden sich in der "Peer Gynt"-Musik Alfred Schnittkes fast wie selbstverständlich nebeneinander die Techniken von vier Jahrhunderten; glaubt der Hörer Zitate zu hören, die aber nur eine Art "im Stile von" bedeuten; wiegt er sich noch im Bewusststein, etwas begriffen zu haben - und ist bereits wieder verunsichert; oder gewinnt die beabsichtigte Distanz.
Heinz Josef Herbort, Die Zeit

Loscavio - Jung
 

Fotos

 
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