Ballett von John Neumeier

 

Musik
  Nikolai Nikolajewitsch Tscherepnin
Choreografie
  John Neumeier
Bühnenbild
Kostüme
  John Neumeier

65 Min.

 

Uraufführung in der Choreografie von Michel Fokine
Mariinsky Theater, St. Petersburg, 25. November 1907

Originalbesetzung    
Armide
  Anna Pawlowa
René,
Vicomte de Beaugency
  Pavel Gerdt
Armides Lieblingssklave
  Vaslaw Nijinsky

 

Wiederaufnahme, bei der ersten Vorstellung
der Ballets Russes in Paris

Théâtre du Châtelet, Paris, 19. Mai 1909

Originalbesetzung    
Armide
  Vera Karalli
René,
Vicomte de Beaugency
  Mikhail Mordkin
Armides Lieblingssklave
  Vaslaw Nijinsky

 

Premiere in der Choreografie von John Neumeier
Hamburg Ballett, Hamburg, 28. Juni 2009

Originalbesetzung    
Die Gegenwart
   
Der Mann (Vaslaw Nijinsky)   Otto Bubenícek
Seine Frau (Romola Nijinsky)   Joëlle Boulogne
Der Arzt   Ivan Urban
     
Die Vergangenheit    
Pas de trois:    
Tamara Karsavina   Carolina Agüero
Alexandra Baldina   Leslie Heylmann
Vaslaw Nijinsky   Alexandre Riabko
     
Danse siamoise   Thiago Bordin
Armide   Joëlle Boulogne
Serge Diaghilew   Ivan Urban
Vaslaw Nijinsky als Schüler   Alexandr Trusch
     

 

Gastspiele
St. Petersburg

 

Das Ballett spielt im Sanatorium "Bellevue", Kreuzlingen: In dem Pavillon und Parkgelände der Anstalt sowie in der Dekoration von Alexandre Benois für das Ballett "Le Pavillon d’Armide" – und in der Erinnerung und Fantasie von Vaslaw Nijinsky.

 

John Neumeier über die Entstehungsgeschichte
von "Le Pavillon d'Armide"

Meine Fassung von "Le Pavillon d’Armide" ist in gewisser Weise eine Weiterführung des früheren Balletts "Nijinsky". Damals konzentrierte ich mich auf einzelne Aspekte seines Lebens, ohne chronologisch oder dokumentarisch vorzugehen. So wird es auch jetzt wieder sein. In "Nijinsky" bildet das Suvretta-Erlebnis am 19. Januar 1919 den Ausgangspunkt und äußeren Rahmen. "Le Pavillon d’Armide" beginnt dagegen mit Nijinskys Einlieferung in einen "Pavillon", der sich auf dem Gelände eines Sanatoriums befindet. Irgendwann fiel mir ein Artikel aus der Boulevardpresse von 1936 in die Hände, der über Nijinsky in Kreuzlingen berichtet. Dort betrieb Ludwig Binswanger ein Sanatorium mit dem Namen "Bellevue" für psychisch Kranke. In dem Artikel teilt Nijinsky mit, er wohne in einem "Pavillon", mitten in einem tiefen Park. Diese Konstellation war in Ansätzen die Ausgangsgeschichte des historischen Balletts "Le Pavillon d’Armide"! Natürlich verfolge ich diesen Gedanken weiter und versuche, das ursprüngliche Ballett mit vielen Aspekten der Persönlichkeit Nijinskys zu verbinden.

Verschiedene Berichte von damals legen eine idyllische Vorstellung nahe. Für Nijinsky muss es rein äußerlich eine angenehme Atmosphäre gewesen sein. Die Reporterin schildert, die ihn betreuende Schwester sei "ein Engel". Man sollte daher keinesfalls von einer düsteren Stimmung ausgehen. Dennoch lebte Nijinsky in diesem "Pavillon" geschlossen in sich – fern von seiner Arbeit und Familie. Einige Berichte diagnostizieren die verschiedenen Stufen von Nijinskys Krankheit, dort heißt es, er hätte möglicherweise halluziniert und Stimmen gehört, außerdem habe er an seinen Choreografien weitergearbeitet, die praktisch nie zur Aufführung gekommen sind. Er soll sogar vor einer kleinen Gruppe von Patienten getanzt haben. All diese Dinge versuche ich in meiner Arbeit zu berücksichtigen.

 

Pressestimmen

Annette Boop betitelt ihr großes Lob mit "Ein furioser Auftakt" und zeigt sich von den Ersten Solisten begeistert: "Otto Bubenicek brilliert hier einmal mehr als Nijinsky – sprunggewaltig, ausdrucksstark, und mit einer Hingabe an diese Rolle, die ihresgleichen sucht, er verschmilzt förmlich mit der Figur. Großartig auch Anna Polikarpova als Romola, Nijinskys Frau. Phänomenal, wie sie die innere Zerrissenheit dieser Frau zum Ausdruck bringt: ihr Erbarmen und Mitleiden, aber auch ihre Abscheu, ihr Befremden über die geistige Verwirrung ihres Mannes. Bestechend ihre Eleganz als Armide im mittleren Teil des Stücks, wenn Nijinsky sich an seine legendäre Auftritte mit den Ballets Russes erinnert. Thiago Bordin brilliert in einer der Paraderollen Nijinskys: dem "Danse Siamoise". Keiner kann diese fließende Eleganz, diese biegsame Sinnlichkeit so umsetzen wie er. Ivan Urban fasziniert als Nijinskys Arzt, vor allem aber als dämonisch-herrischer und doch zärtlich-hingegebener Serge Diaghilew – kaum vorstellbar, diese Rolle in einer anderen Besetzung zu sehen als mit ihm. Alexandre Riabko zeigt stilsicher einsame Klasse als Nijinsky in dem Armide-Pas de Trois. An seiner Seite als Ballets-Russes-Ballerinen Hélène Bouchet (Tamara Karsawina) und Leslie Heylmann (Alexandra Baldina)."
Tanznetz.de

Klaus Witzeling bejubelt die Kontraste des "Nijinsky-Epilogs": "Reduziert auf Körper, Kraft und Linie bildet 'Le Sacre' einen reizvollen Kontrast zum ebenfalls virtuosen Bilder-Balletttheater des 'Pavillon d'Armide.'"
Hamburger Abendblatt

Begeisternd: "Le Pavillon d'Armide"
Frech und originell: "Der verlorene Sohn"
Berauschend: "Le Sacre du Printemps"
Hamburger Morgenpost

Dem Choreographen John Neumeier gelingt in Hamburg ein Theaterwunder: Er erweckt den legendären Nijinsky zu neuem Bühnenleben.
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Otto Bubeníceks Intensität und der zarten, liebevoll ausgearbeiteten und doch ungemein kraftvollen Choreografie – vor allem zu Beginn, am Schluss und in einem fantastischen Pas de deux zwischen Ivan Urban (in der Doppelrolle als Arzt und Diaghilew) und Bubenícek – ist es zu verdanken, dass man sich beim Schauen unwillkürlich Gedanken macht über die Psychiatrie als solche und ihre verschiedenen Facetten. Wo hört Normalität und Gesundes auf, wo fängt Verrücktsein und Krankheit an? An welche Welt sind Menschen angeschlossen, die wir psychisch krank nennen? Was sehen, hören und fühlen sie, was nehmen sie wahr, was uns verschlossen bleibt? Ist ihr Um-sich-Schlagen womöglich Ausdruck tiefster Verzweiflung darüber, dass wir zu blind sind, um zu sehen, zu taub, um zu hören, zu abgestumpft, um zu fühlen? Wieviel Schutz braucht so ein Mensch, dessen Seele der Pflege bedarf, der Hülle, der Achtsamkeit? Durch die Verflechtung der Rollen des Arztes und Diaghilews in einer Person löst Neumeier die Widersprüche auf – und es bleibt als Essenz die Liebe. Ein Geniestreich dann der Schluss: Nijinsky, allein auf leerer Bühne, entledigt sich seines Anzugs und hängt sein Jackett seinem abgespaltenen Ich (oder wem sonst?) über die Schultern, das sich zuschauend auf eine Bank setzt, während er selbst zu den ersten Takten von "Sacre" die Posen setzt, die Neumeiers erste Annäherung an Nijinsky aus 1979 zitieren: "Vaslaw" – und der Kreis schließt sich.
Tanznetz.de

"Le Pavillon d'Armide" , das den Auftakt der diesjährigen Ballett-Tage bildete, ist ein klug erzähltes und filigran gesonnenes Seelenfragment, das dort einsetzt wo seine Hauptfigur bereits für die Welt verloren ist: im Irrenhaus. Während Neumeier für "Nijinsky" das Panorama eines Leben aufspannte und verstörende Familien-Verstrickungen in eisgraue, an Tarkowskijs Filme gemahnende Bilder tauchte, pulverisiert "Le Pavillon d'Armide" das zersplitterte Ich zur Gänze.
Süddeutsche Zeitung

 

Fotos
Trailer

 
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