Ballett von John Neumeier
nach Chrétien de Troyes und Wolfram von Eschenbach

 

Musik
  John Adams
Richard Wagner
Arvo Pärt
Choreografie
Inszenierung
Kostüme
Lichtkonzept
  John Neumeier
Bühnenbild
  Peter Schmidt

1 Pause - 2 Stunden 45 Min.

 

Uraufführung
Hamburg Ballett, Baden-Baden, 24. November 2006

Premiere in Hamburg
Hamburg Ballett, 10. Dezember 2006

 

Originalbesetzung    
Parzival
Herzeloyde
Gahmuret
der Fischerkönig
Orgeluse
der Einsiedler
das Fräulein, das nie lacht
Ither, der Rote Ritter
 
Gornemans de Gorhaut
Gawain
Bohort
Lionel
 

Edvin Revazov
Anna Polikarpova
Amilcar Moret Gonzalez
Carsten Jung
Laura Cazzaniga
Peter Dingle
Anna Laudere
Kiran West
(für Stefano Palmigiano)
Sébastien Thill
Arsen Megrabian
Dario Franconi
Yohan Stegli

 

Gastspiele
2006 Baden-Baden 2010 Paris

 

Der Gral bleibt dabei ganz unkonkret;
es ist letztlich etwas, das man in sich selbst finden muss.
Das Wertvollste, das man finden kann, liegt nicht außerhalb,
sondern nur in uns selbst.
John Neumeier

 

In "Parzival – Episoden und Echo" geht es um den Mythos des naiven, jungen Ritters, des 'reinen Toren', der lernt, dass er durch sein Verhalten, sein Eingreifen oder sein Nichteingreifen, gesellschaftliche Zustände verändern kann. Erst durch seine Frage, sein Infragestellen – durch sein Mit-Leiden kann er heilen.
Inspiriert von den Originalquellen des Chrétien de Troyes und des Wolfram von Eschenbach beleuchtet die Ballettkreation die mythischen Elemente der Parzival-Geschichte und ihre Bezüge zur Gegenwart.

 

Die Handlung

Episoden

das Kind Parzival
Im Wald wächst Parzival auf, allein mit seiner Mutter. Herzeloyde hat ihr Kind fernab von der Welt aufgezogen. Er soll nicht sterben wie sein Vater, nicht Ritter sein, nicht kämpfen, nicht töten, nicht getötet werden. Parzival das Naturkind, Vögel sind seine Gefährten.

die Engel-Ritter
Eines Tages tauchen Fremde im Wald auf, wunderbare Wesen, wie Parzival sie noch nie gesehen hat. Sind es Menschen, sind es Engel oder Gott? Er will so sein wie sie.

die Mutter – Abschied... kein Abschied... Abschied
Parzival will weg. Die Mutter kann es nicht verhindern, ihre ungeheure Angst war berechtigt, der Sohn wird wie der Vater. Parzival will Ritter werden, wie die wunderbaren Menschen, die er im Wald getroffen hat. Sie kann ihn nicht halten.

Tod und Erinnerung
Ihr Weg in den Tod, Herzeloyde stirbt. Am Ende taucht die Erinnerung auf an den Anfang, die Liebe zu Gahmuret, Parzivals Vater, der noch vor dessen Geburt im Kampf gefallen war. Das Feld der Ehre ist ein Totenacker.

unterwegs: der erste Kampf
Parzival macht sich auf, zieht in die Welt und träumt von Heldentum. Einer stellt sich ihm entgegen, wundervoll anzusehen, in glänzend roter Rüstung. Die muss er haben. Die nimmt er sich. Parzival tötet Ither und reißt ihm die Rüstung vom Leib. Nun ist er der Rote Ritter.

Artus-Hof: Schule der Ritter
Ist er nun ein Ritter? Er muss an den Hof, zu König Artus, das haben die Ritter im Wald ihm erzählt. Da ist er nun. Die feine Gesellschaft zelebriert sich selbst. Gornemans de Gorhaut übernimmt Parzivals 'Éducation courtoise' und gibt ihm den Rat mit auf den Weg, lieber zu schweigen, um sich nicht zu blamieren: "Viel reden birgt Gefahr!"

Liebe und Weissagung
Es freut sich über Parzivals Naivität und frisches Ungestüm, das feine, traurige Fräulein, das nie lacht. Und lacht! Sie weiß, wer er ist, besser, als er selbst es weiß. Sie spürt sein Wesen, ahnt seinen Weg. Ein Moment von Nähe, Sehnen, Liebe... für einen flüchtigen Augenblick. Ihn aber zieht es fort, er muss weiter.

das Boot des Fischerkönigs – das Gralritual               
Ein Boot, ein Mann – ist er Fischer, Priester oder ein Ausgestoßener, Ausgesetzter? Er ist von Schmerzen gezeichnet. Parzival, auf der Suche nach Abenteuer und männlicher Bewährung, trifft auf den Fremden. Er sieht die Qual, den geschundenen Körper und sieht die geheime Wandlung: aus Leid wird Stellvertreterschaft, aus Einsamkeit Gemeinschaft, Menschen kommen, sammeln sich um den 'Schmerzensmann'. Parzival ist Zeuge des rituellen Geschehens, staunend, verwirrt. Warum leidet der Mann? An was krankt er? Sollte er fragen? "Viel reden birgt Gefahr!" Er bleibt stumm. Und flieht, als der Gezeichnete ihn anschaut.

verführt: Kampf und Umsichschlagen
Lieber drauflosgehen und sich schlagen. Aus Rittertraum wird Kämpfen, Morden. Ein Held? Ein Raufbold ist er, stark und hilflos. Parzival kämpft gegen alles und jeden, am meisten gegen sich selbst. Nicht denken, Männer streiten, Männer sterben. Es ist ein Totenacker, das Feld der Ehre.

ein Duft von Frauen: verwundet
Wäre da nicht die Hingabe: Frauen trauern, Frauen warten, Frauen trösten. Orgeluse lehrt Parzival die Liebe. Er entdeckt die Leidenschaft und die Lust, die weh tut. Im Kuss erkennt er, woran der Mann im Boot krankt.

 

Echo

in die Welt, ziellos, gottfern
Ruhm, Anerkennung, Glanz, Parzival hat alles, doch alles ist ohne Sinn. Er hat Ziel und Orientierung verloren. Er hat etwas erlebt, was er nicht verstand. Er hat Ungewöhnliches gesehen und nicht nachgefragt. Er hat etwas erfahren und nicht gehandelt, ist weggelaufen. Er macht weiter, sucht, kämpft. Tun wir das nicht alle?

drei Tropfen Blut im Schnee
Unwichtig wie sie entstanden, sie fesseln Parzivals Blick: drei winzige Tropfen roten Bluts, lassen ihn innehalten, in jedem das Antlitz einer Frau. Drei Erinnerungen verschmelzen zu einem Gesicht, wen sieht er? Wen liebt er?

der Einsiedler
Vögel ziehen vorbei, wie damals, als er Kind war, Parzival legt sich in den Schnee. Ein Mann in grober Kutte kommt, kniend, betend. Er lebt hier, eins mit der Natur, in völliger Bedürfnislosigkeit, und betet, betet bis zur religiösen Ekstase. Parzival fühlt sich zu ihm hingezogen, die Einfachheit und Demut erschüttern ihn und wecken in ihm, was lange verborgen war: die andere Seite seines Selbst.

aus der Welt
Warum hatte er nicht Mitleid, damals, als er den Mann im Boot traf, als er den Roten Ritter niederschlug, als er die Mutter verließ, die daran starb, als er loszog, die Welt sich zu erobern? Kämpfen war Morden, Siegen ist Verlieren... Parzivals Umkehr – der innere Auftrag zu heilen – Wirklichkeit oder Utopie?

 

PARZIVAL Musik

Episoden

John Adams
Harmonielehre – 1
das Kind Parzival
die Engel-Ritter
die Mutter – Abschied… kein Abschied… Abschied

Richard Wagner
Parsifal – Vorspiel
Tod und Erinnerung

John Adams
Tromba Lontana
Short Ride in a Fast Machine

unterwegs: der erste Kampf

John Adams
The Chairman Dances
Artus-Hof: Schule der Ritter

Arvo Pärt
Für Alina
Liebe und Weissagung

John Adams
Harmonielehre – 2: The Anfortas Wound
das Boot des Fischerkönigs – das Gralritual

John Adams
El Dorado – Part 1: A Dream of Gold
verführt: Kampf und Umsichschlagen
ein Duft von Frauen: verwundet

Echo

John Adams
Christian Zeal and Activity
in die Welt, ziellos, gottfern

Arvo Pärt
Für Alina
drei Tropfen Blut im Schnee

John Adams
Harmonielehre – 3: Meister Eckhardt und Quakie
der Einsiedler

Richard Wagner
Parsifal – Vorspiel / Auszug
John Adams
The Wound-Dresser
aus der Welt

 

 

Pressestimmen zur Uraufführung
in Festspielhaus Baden-Baden

Neumeiers "Parzival" ist ein überaus effektvoller Bilderbogen mit großartigen Ensembleszenen, eindrucksvollen solistischen Leistungen (Anna Polikarpova als Parzivals verzweifelte Mutter Herzeloyde, Sébastien Thill als höfischer Lehrmeister Gornemans, Peter Dingle als ekstatischer Einsiedler) und komplizierten, berührenden Pas de Deux in Neumeiers bekannter neoklassischer Tanzsprache. Mit Einfallsreichtum und im stilisierten Bühnenbild von Peter Schmidt gelingt es ihm dennoch, den Kern der mittelalterlichen Rittersage mit dem Fürchten und Hoffen der Menschen heute zu verbinden.
Ditta Rudle, Die Presse, Wien

Bevor man überhaupt irgendetwas anderes über diesen Abend schreibt, muss man wohl dies schreiben: Die Ruhe und Selbstverständlichkeit, um nicht zu sagen: die Souveränität, mit der Neumeier hier ein weiteres Mal einen wirklich großen Stoff der Weltliteratur auf die Bühne bringt, in Bewegung, Tanz und Bilder umsetzt; wie er in völlig geschlossener, ausgewogener Form und in immerhin zweieinhalb Stunden praktisch alles über diesen Parzival sagt, was zu sagen ist, dabei stets aus der großen Tradition des Balletts und der Formensprache seines eigenen Werkes schöpfend, doch jederzeit modern, an fast jedem Punkt aktuell – allein das nötigt den allergrößten Respekt. All das kann so eben nur John Neumeier. Völlig singulär.
Was just in den ersten fünf der insgesamt vierzehn Szenen dieses Abends ideenhaft und tänzerisch alles geschieht, diese Fülle an Ideen, das muss bei den Kompanien anderer Städte zumeist für ganze zwei gemischte Ballettabende reichen.
Tim Schleider, Stuttgarter Zeitung

 

Pressestimmen zur Premiere in Hamburg

Das Ballett in John Neumeiers Inszenierung, Kostümen und Lichtkonzept, im Bühnenbild von Peter Schmidt, wirkt sehr eindrucksvoll. Die Choreografie mischt europäischen Stil des zeitgenössischen Balletts mit eher traditionellem Vokabular [...] Einige der Duette und Trios zeigen wirkliche Gefühlstiefe und die Gruppenszenen sind mitreißend. [...] Neumeiers  Musikauswahl ist grandios [...] John Adams Musik passt wunderbar mit Wagner und Pärt zusammen und dient dem Drama hervorragend.
Die Besetzung – angeführt von Edvin Revazov mit seinem modelartigen Aussehen als Parzival, Anna Polikarpova, Laura Cazzaniga und Anna Laudere als die drei wichtigsten Frauen in seinem Leben, Carsten Jung als der Fischerkönig und Peter Dingle als  Einsiedler – machen John Neumeier alle Ehre.
John Rockwell, The New York Times

Bei der Hamburger Premiere des Ende November in Baden-Baden uraufgeführten Balletts wurden Choreograf und Darsteller am Sonntag in der Staatsoper begeistert gefeiert. Das Wort Darstellung ist hier in voller Absicht gewählt. Denn vor allem in Bildern erzählt Neumeier seine Geschichte vom reinen Tor, der dennoch strauchelt. [...] Die Bilder, die Neumeier, auch für Kostüme und Licht verantwortlich, in kongenialer Allianz mit Peter Schmidt (Bühne) geschaffen hat, sind überwältigend schön.
Irmela Kästner, Die Welt

Mit Begeisterung ist das neue Werk John Neumeiers vom Hamburger Publikum aufgenommen worden. Bei der Premiere in der Staatsoper am Sonntag haben die Zuschauer das Stück [...] einhellig umjubelt. Dabei konnte Neumeier wieder einmal durch sein außergewöhnliches Gespür für einprägsame Bilder und Posen sowie seinen choreografischen Ideenreichtum überzeugen. [...]  Das Hamburg Ballett ist eine Klasse für sich und setzt auch anspruchsvolle Choreografien scheinbar mühelos um.
Kirsten Allée, Hannoversche Allgemeine Zeitung

In Hamburg [nahm] die Generalmusikdirektorin Simone Young selbst den Stab in die Hand, um erstmals ein Ballett von Neumeier zu begleiten. Mit erstaunlichem Ergebnis. 
Monika Fabry, Hamburger Abendblatt

Es war von vornherein klar, dass dies ein schwieriges Stück werden würde – eine vielschichtige Handlung, eine tiefgründige Botschaft. Ein Stoff, wie geschaffen für Hamburgs Ballett-Intendanten John Neumeier, der solchen Fragen gern auf den Grund geht [...] "Parzival" ist eine Huldigung an die reine Liebe, an die Fähigkeit zu Entwicklung, Reife und wahrer Menschlichkeit. Gibt es heutzutage eine wichtigere Botschaft für die Welt? Ich wage die Behauptung, dass Neumeier hier keineswegs gescheitert ist, sondern dass er eines seiner dichtesten, faszinierendsten und stärksten Episoden-Stücke überhaupt choreographiert und inszeniert hat. Aber womöglich erschließt sich das – wie so vieles bei Neumeier – nicht auf den ersten Blick.
Neumeier hat hier nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen, das ist hochsensibel platziert, stimmig und schlüssig von Anfang bis Schluss [...] ihm ist in meinen Augen ein außergewöhnliches Stück von besonderer Aktualität gelungen.
Annette Bopp, Tanznetz.de

Fotos
Trailer

 
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