Ballett von John Neumeier

 

Musik
  Igor Strawinsky
"Apollon" und "Orpheus"
Heinrich Ignaz Franz Biber
aus den "Rosenkranz-Sonaten"
Peter Blegvad & Andy Partridge
aus dem Album "Orpheus the Lowdown"
Choreografie
Kostüme
Lichtkonzept
  John Neumeier
Bühnenbild
  Ferdinand Wögerbauer

1 Pause - 2 Stunden 15 Min.

Premiere
Hamburg Ballett, Hamburg, 6. Dezember 2009

 

Originalbesetzung
   
Orpheus  

Otto Bubenícek
(für Roberto Bolle)

Apollo, sein Vater   Edvin Revazov
Kalliope, seine Mutter   Anna Laudere
Hermes, der Seelengeleiter   Yohan Stegli
Eurydike   Hélène Bouchet
Schatten des Hermes   Alexandr Trusch
Konstantin Tselikov

 

Gastspiele
2011 Wien, Baden-Baden

 

Meine Geschichte von Orpheus spielt im Heute. Apollo ist sein Vater, Kalliope seine Mutter. Orpheus aber ist ein Mensch, ein Künstler, ein Geiger – ein Tänzer. Seine Berufung liegt in der Schönheit seiner Kunst. Die zufällige Begegnung mit Eurydike verändert sein Leben. Der Zufall beeinträchtigt Orpheus' Berufung, macht diese tiefer und existentieller. Er verliert seine große Liebe. Die Liebe führt ihn dahin, woher noch nie ein Lebender zurückkehrte. Er will Eurydike zurückholen. Doch weil er ein Mensch ist, scheitert er.

John Neumeier

 

Inhalt

Ouvertüre
Igor Strawinsky:
Lento sostenuto aus "Orpheus"

Erster Teil

Der Ort der Bestimmung

Orpheus, Sohn von Apollo und Kalliope
Apollos Geschenk: die Musik
der Klang der Geige
Apollos Lektion, Kalliopes Inspiration
Igor Strawinsky:
"Apollon Musagète"

Auf Erden

Straßenmusik
Eurydike – erste Begegnung
sein Konzert – Erfolg und Ruhm
Eurydike – zweite, entscheidende Begegnung
der Unfall – Eurydike verloren
Peter Blegvad & Andy Partridge:
"Galveston" aus "Orpheus the Lowdown"

Trauer
machtlos – kraftlos – ratlos
Igor Strawinsky:
Apothéose aus "Apollon Musagète"

Vergessen in Galveston
Peter Blegvad & Andy Partridge:
"Galveston" aus "Orpheus the Lowdown"

Musik, wiedergefunden

die Musik von Orpheus bewegt Bäume und Flüsse
Heinrich Ignaz Franz Biber:
g-Moll-Passacaglia aus den "Rosenkranz-Sonaten"

Hermes und die unmögliche Reise
Peter Blegvad & Andy Partridge:
"Necessary Shadows" aus "Orpheus the Lowdown"

 

Zweiter Teil

Das Reich der Schatten

Reise in die Unterwelt
"seperate journeys" –
Orpheus. Eurydike. Hermes
Igor Strawinsky:
"Orpheus"

Orpheus bei den Schatten
Peter Blegvad & Andy Partridge:
"Noun Verbs" aus "Orpheus the Lowdown"

seine Geige als Pfand

Orpheus bekommt Eurydike –
aber darf sie nicht anschauen
Heinrich Ignaz Franz Biber:
Lamento aus der 6. Sonate der "Rosenkranz-Sonaten"

die Reise zurück
des Liebenden Wahnsinn zwingt seinen Blick zu Eurydike
Igor Strawinsky:
"Orpheus"

endgültiger Verlust
Peter Blegvad & Andy Partridge:
"Eurydice" aus "Orpheus the Lowdown"

Auf Erden

das Publikum wendet sich ab
Orpheus, allein
Igor Strawinsky:
"Orpheus"

 

Texte aus dem Album "Orpheus the Lowdown"
 Peter Blegvad & Andy Partridge
 

Galveston

Orpheus, Apollos Sohn. Sein Vater steigt herab, um Orpheus in den Himmel zu nehmen. "Es wird dir helfen, Eurydike zu vergessen und dich auf höhere Dinge zu konzentrieren."

Doch Orpheus kann nicht vergessen, oder er will es nicht. Er bringt sich rasch zu Galveston, von dem er gehört hat, er sei die Hölle. [Vielleicht wird er sie hier finden?] Er schläft auf einem Stahlrohrbett in einem Hotel eines heruntergekommenen Viertels. Er betrinkt sich in einer Bowling-Bar. Wenn er trinkt, wird er geschwätzig. Die Nutten haben nichts dagegen, solange er zahlt. Außerdem hat seine Stimme etwas... Sie hören der Musik seiner Stimme zu, obwohl die Worte keinen Sinn ergeben. Er lehnt sich zu einer der Damen rüber und es sprudelt aus ihm heraus:

"Höre, was ich dir sagen werde. Wenn du auf diese Welt kommst, so findest du Taschen in deinen Hosen, Lenkergriffe an deinem Fahrrad – sie stammen von denen, die vor dir da waren. Du wandelst in ihren Fußstapfen. Aber, soweit es deinen Eintritt in dich selbst und die Besitznahme deiner selbst betrifft, bist du ein einsamer Pionier."

Die Nutte wirft einen Blick auf die Uhr und gähnt. Orpheus bemerkt es nicht. In seiner Vorstellung schrammelt er auf seiner Lyra und was er gerade sagt, ist Gesang; und unter dem Einfluss des Gesangs werden wilde Tiere gezähmt, Steine zerfließen. Bäume entwurzeln sich, um näher an der Musik zu sein... Er verliert das Bewusstsein.
 

Notwendige Schatten

"Weil sie die Vergangenheit
mit sich trägt,
Sprache,
anders als Mathematik,
zieht zurück.

Das ist die Bedeutung von Eurydike.

Weil die Wirklichkeit
seines Inneren
ihm im Rücken liegt,
der Mann der Worte,
der Sänger,
wird sich hinwenden zu dem Ort
der notwendigen Schatten."

nach George Steiner
 

Substantive Verben

Was den Toten fehlt, ist Substanz. Sie sind so nebulös und flüchtig, leicht, dass ein Gas wie Helium ihnen so fest wie ein Beefsteak erscheint. Ein Kinderballon voller Helium ernährt einen ganzen Friedhof von Geistern für eine Woche.

Worte sind Geld, so wie es Zeit einmal war. Zeit bedeutet ihnen nichts mehr, aber Worte Sprache, heiße Luft, geformt durch Gedanken zu Klecksen und Bändern, zu fasslicher Rede, Worte haben nicht nur Substanz, sie besitzen einen Wert. Worte sind für die Toten greifbar. Gesetzliches Zahlungsmittel. Abstrakte Begriffe   weniger fasslich, geringerer Wert. Die härteste Spracheinheit mit dem größten Wert, als harte Währung, ist das SUBSTANTIVIERTE VERB. Für die Toten sind Substantive, die gleichzeitig eine weitere Funktion als Verben erfüllen, mächtige Worte. Die Verben SCHNEEBALLEN, RAUCHEN, WÄSSERN, LÜFTEN (ist menschlich), FEUERN werden von den verrückten Außenseitern jenseits des Grabes sehr geschätzt.
 

Eurydice

She was in herself, like a woman near term,
full of her vast death that was so new
she understood nothing.

She was in a new virginity,
untouchable.

No longer the blonde
in the poet’s songs
no longer the bed’s scent and island,
nor his possession.

She was already loosened like long hair,
dispensed like fallen rain, ...

She was already root.

And when suddenly the guide stopped her
and in anguish cried: "He has turned round!" –
she understood nothing and said softly: "who?"

after Rilke
 

 

Pressestimmen

Großartig ist wie der Choreograf seine Eurydike zeichnet. ... Halb Wahn, halb Wirklichkeit, hält Neumeier dieses Geschöpf in der Schwebe und versinnbildlicht so den Konflikt des Künstlers, der die Frage beantworten muss, ob er die Kunst gegen das Leben eintauschen will oder umgekehrt. An diesem Dilemma scheitert Orpheus, und dank einer schlüssig verzahnten Dramaturgie vollzieht sich dieser Absturz mit eiserner Härte.
Der donnernde Schlussapplaus hätte die Salzburger Felsenreitschule in ein Tollhaus verwandelt.
Süddeutsche Zeitung

Es ist kaum zu glauben, wie Neumeier sein erzmusikalisches Konzept den beiden Strawinsky-Partituren anpasst, wie nahtlos die Dramaturgie (und auch die Bühnentechnik) funktioniert und wie die beiden Hauptdarsteller Otto Bubenícek und Hélène Bouchet in ihren Rollen aufgehen. Faszinierend ist auch der Reichtum ihrer tanzschauspielerischen Mittel, so dass man keine Sekunde gelangweilt ist, sondern ihren Aktionen mit äußerster Spannung folgt.
Dies ist eine ganz moderne Interpretation des Orpheus-Mythos – weit ab von allem was ich bisher etwa von Mary Wigman, von Balanchine bis zu Pina Bausch und Christian Spuck gesehen habe. ... Ein Meisterwerk aus der Hamburger Neumeier-Factory.
Koeglerjournal

"Orpheus" ist […] die Essenz eines reichen Choreografenlebens, und mit seiner Ruhe und Tiefe entfaltet das Stück ... nach und nach einen fast magischen Sog, der einen fühlen und ahnen lässt, was in einem Künstler bei einer solchen Transformation vorgeht. Ein Meisterwerk.
John Neumeier verzichtet auf jede Art von Effekthascherei und spürt den Fragen, die das Stück aufwirft, ganz auf den Grund, um nur das Pure, Reine, Weise herauszuarbeiten, die große Linie in dieser Geschichte.
Fazit: Hamburg hat hier ein Kleinod mehr im Repertoire.
Tanznetz.de

Ein Ballett, das gewissermaßen moderato cantabile tanzt und so einleuchtend einfach in den verschiedenen Beziehungsgeflechten daher kommt ..., das von der Liebe eines göttlichen Musikers handelt, der ohne sein Instrument auch nur ein Mensch ist und der das, was er am meisten liebt, Eurydike, durch sein Fehlverhalten ein zweites Mal verliert. Und für diese Liebe, von der ersten Begegnung bis zum tragischen Ende, findet Neumeier eine unverkrampfte, verständliche Tanzsprache.
Hamburger Abendblatt

Elegant getanzt. Bejubelt vom Premieren-Publikum.
Fazit: "Wirklich sehenswert"
Bild

Mit großer Klarheit erzählt Neumeier die tragische Geschichte fast ausschließlich durch die Protagonisten.
Hamburger Morgenpost

Der überwältigende Eindruck, der wie immer bei Neumeier zu begeistertem Beifall und Ovationen führte, kommt vor allem durch das Zusammenwirken aller Schwesterkünste zustande. Dieses Zusammenwirken ist perfekt. Makellos! Deutschlandfunk

 

Fotos I
Fotos II
Trailer

 
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