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Ballett von John Neumeier
frei nach Anton Tschechow
Musik |
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Dmitri Schostakowitsch
Evelyn Glennie
Peter I. Tschaikowsky
Alexander Skrjabin |
Choreografie
Bühnenbild
Kostüme
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John Neumeier |
1 Pause - 2 Stunden 30 Min.
Uraufführung
Hamburg Ballett, Hamburg, 16. Juni 2002
| Originalbesetzung |
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Irina Nikolajewna Arkadina,
Primaballerina |
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Anna Polikarpova |
Konstantin (Kostja)
Grawilowitsch Trepljow, ihr Sohn |
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Ivan Urban
für Jirí Bubenícek kreiert |
Pjotr Nikolajewitsch Sorin,
ihr Bruder |
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Lloyd Riggins |
Boris Alexejewitsch Trigorin,
Choreograf |
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Otto Bubenícek |
Nina Michajlowna Saretschnaja,
junges Mädchen |
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Heather Jurgensen |
Jewgenij Sergejewitsch Dorn,
Arzt |
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Sébastien Thill |
Semjon Semjonowitsch Medwedenko,
Lehrer |
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Peter Dingle |
Ilja Afanassewitsch Schamrajew,
Gutsvewalter bei Sorin |
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Yaroslav Ivanenko |
| Polina Andrejewna, seine Frau |
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Niurka Moredo |
| Mascha, seine Tochter |
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Joëlle Boulogne |
What does it mean to be in love?
What does it mean to be an artist?
What does it mean to be an artist, who is in love?
What does it mean to be someone who loves to be an artist?
Was bedeutet es, verliebt zu sein?
Was bedeutet es, ein Künstler zu sein?
Was bedeutet es, ein verliebter Künstler zu sein?
Was bedeutet es, jemand zu sein, der in die Idee verliebt
ist Künstler zu sein?
J.N.
Die Handlung
1. Akt
Auf dem Land
Im Garten des Landgutes von seinem Onkel Pjotr Sorin hat Kostja eine Bühne
gebaut. Nina, das Mädchen vom Nachbargut, soll die "Möwe"
in seiner Kreation tanzen.
Kostja liebt Nina. Nina liebt Kostja
Dmitri Schostakowitsch
Klavierkonzert Nr. 2 F-Dur, op. 102, 1957, 2. Satz
Kostjas Mutter, die berühmte Primaballerina
Irina Arkadina, ist mit ihrem Liebhaber, dem Choreografen Boris Trigorin,
in der Sommerfrische. Unter den Gästen von Kostjas Vorstellung sind:
Ilja Schamrajew, Gutsverwalter bei Sorin, seine Frau Polina, ihre Tochter
Mascha, der Arzt Dr. Dorn und der Dorfschullehrer Semjon Medwedenko.
Medwedenko liebt Mascha. Mascha liebt Kostja. Kostja liebt Nina. Nina
verliebt sich in Trigorin. Trigorin liebt Arkadina und ist von Nina fasziniert.
Arkadina liebt Trigorin. Polina liebt Dr. Dorn.
Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 15 A-Dur, op. 141, 1971, 1. Satz
Kostjas Tanzstück "Die Seele der
Möwe"
Evelyn Glennie
Improvisation
Ausschnitte aus: Shadow behind the Iron Sun, 2000
Musik von der anderen Seite des Sees
Arkadina erinnert sich an eine Rolle
Peter I. Tschaikowsky
Dezember aus: Die Jahreszeiten, op. 37a, 1875/76, Nr. 12
Arkadina spricht mit ihrem Sohn Kostja
Trigorin unterrichtet Nina
Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 15 A-Dur, op. 141, 1971, 2. Satz
Kartenspiel und Zeitvertreib
3. Satz
Eifersucht und Entscheidungen
Kostjas Traum-Tänze
4. Satz
2. Akt
Moskau
Im Revuetheater: Nina ist eine in der Reihe der Tänzerinnen
Dmitri Schostakowitsch
Moskau Tscherjomuschki, Operettensuite, op. 105, 1958, Nr. 1 Eine Fahrt durch Moskau
Nina begegnet einem veränderten Trigorin
Die Revue geht weiter
Dmitri Schostakowitsch
Moskau Tscherjomuschki, Operettensuite, op. 105, 1958, Nr. 2 Walzer
Kostjas Skizzenbuch Traum-Tänze
Dmitri Schostakowitsch
Klaviertrio Nr. 2 e-moll, op. 67, 1944, 3. Satz Largo
Ninas Polka
Dmitri Schostakowitsch
Polka, Nr. 4 aus Ballettsuite Nr. 1, 1949
Im Kaiserlichen Theater: Trigorins Ballett
"Der Tod der Möwe"
Dmitri Schostakowitsch
Moskau Tscherjomuschki, Operettensuite, op. 105, 1958, Nr. 4 Ballett
Mascha entscheidet sich Medwedenko zu heiraten
Alexander Skrjabin
Nocturne op. 9,2, 1894
Ninas Brief an Kostja
Dmitri Schostakowitsch
Kammersinfonie für Streicher c-moll, op. 110a, 1960
Bearbeitung: Rudolf Barschai, 1. Satz
Herbst-Garten: Sorin erleidet einen Schwächeanfall
2. Satz
Arkadinas Besuch Ein traurig bedrückendes
Hochzeitsfest
3. Satz
Ninas Erscheinung Ninas Abschied
4. und 5. Satz
Kostjas Traum-Tänze gehen zu Ende
Dmitri Schostakowitsch
Sinfonie Nr. 15 A-Dur, op. 141, 1971,
Ausschnitte aus dem 4. Satz
Seit meiner Studienzeit wollte ich ein Stück von Anton
Tschechow choreografieren. Wie Shakespeare ist Tschechow ein Autor, der
Figuren erfindet, die für mich auch ein Leben außerhalb des
Stückes haben. Ihr Eigenleben ist so stark, dass ich mich nicht an
die von Tschechow erfundenen Szenen gebunden fühle. Mit den Figuren
erlebe ich meine eigenen Situationen. Die Lektüre von "Die Möwe"
ruft Stimmungen hervor, in meinem Kopf entstehen Momente, die mit meinen
eigenen Erfahrungen verbunden sind. Es sind nicht unbedingt immer die
gleichen wie im Text, aber von ihnen ausgelöste Geschehnisse und
Szenen, die sich während des Kreationsprozesses weiter entwickeln.
Es geht mir nicht darum, die Personen und Szenen des Theaterstücks
direkt in ein Ballett zu übertragen.
Die äußere Handlung tritt bei Tschechow in den Hintergrund.
Nicht theatralische Verwicklungen sollen das Publikum in Atem halten,
Tschechows Dramen leben von der inneren Aktion. Man muss bei ihm zwischen
den Zeilen lesen, die Feinheiten, Anspielungen und das Unausgesprochene
wahrnehmen. Tschechows Theater ist eines der Emotionen und die
kann ich zu Tanz werden lassen.
Am Anfang ist der Ort der Handlung ein russisches Landgut an einem See
Tschechow schuf seinen Figuren einen eigenen Raum, fern des 'realen
Lebens' in der Stadt. Alle Personen sind in der "Möwe"
so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie der Fähigkeit
beraubt sind, wirklich miteinander zu kommunizieren.
Der zentrale Konflikt in "Die Möwe" ist für mich das
Spannungsverhältnis von: Kunst und Liebe Liebe und Kunst.
Von dieser Thematik sind alle Figuren betroffen.
John Neumeier
"Die 'Möwe' ist ein Werk, das durch seine Idee, die Neuartigkeit
des Denkens, die einfühlsame Beobachtung der Lebenssituationen aus
der Reihe fällt. Da ist das Leben selbst auf der Bühne, mit
seinen tragischen Verknüpfungen, seiner beredten Gedankenlosigkeit
und seinem schweigsamen Leiden, - das alltägliche, allen zugängliche
und von fast niemandem in seiner inneren grausamen Ironie verstandene
Leben, - das uns allen derart zugänglich und nahe ist, dass man zuweilen
vergisst, dass man im Theater ist [...]"
Brief des Schriftstellers A. F. Koni an Tschechow
nach dem Misserfolg der Uraufführung.
aus Thomas Mann: Versuch über Tschechow 1954
"Er sah nicht aus wie ein Sturmvogel, auch nicht wie der Genie gewordene
Muschik (russischer Bauer) gleich Tolstoi oder wie Nietzsches bleicher
Verbrecher. Die Bilder zeigen einen schlanken Mann in der Tracht vom Ende
des neunzehnten Jahrhunderts, mit Stärkkragen, einem Pincenez an
der Schnur, spitzem Bärtchen und ebenmäßigen, etwas leidenden
Gesichtszügen von freundlicher Melancholie. Diese Züge drücken
kluge Aufmerksamkeit aus, Anspruchslosigkeit, Skepsis und Güte. Es
ist das Gesicht, die Haltung eines Menschen, der kein Aufhebens von sich
macht. Von Prätention keine Spur.
[...] er selbst hat sich photographieren lassen, wenn es sein musste, und
Bilder sind es vollendeter Anspruchslosigkeit . Von einem wild bewegten
Innenleben zeugen sie nicht, - es ist, als ob dieser Mensch für die
Leidenschaft zu bescheiden gewesen wäre. Sein Lebenslauf weist keine
große Passion auf für eine Frau, und seine Biografen stehen
unter dem Eindruck, dass er, der von Liebe wohl zu erzählen wusste,
selber den erotischen Rausch nie erfahren hat. In Melichowo, auf dem Lande,
verliebte sich ein schönes, temperamentvolles Mädchen, das öfters
zu Besuch dort weilte, Lydia Mizinowa, sterblich in ihn, und auf einen
Briefwechsel mit ihr ließ er sich auch ein. Aber seine Letrres damour
sollen in ironischem Ton gehalten sein und die Scheu vor jedem tieferen
Gefühl erkennen lassen, die vielleicht seine Krankheit ihm einflößte.
Die hübsche Lydia hat selbst gestanden, dass er sie zweimal verschmäht
habe, - worauf sie mit dem (übrigens verheirateten) Potapenko, einem
anderen Gast Melichowos, vorliebnahm. Aber wenn mit Tschechow nichts anzufangen
war - er wusste mit der Sache etwas anzufangen und hat die Episode in
sein bei uns meistgespieltes Stück, 'Die Möwe', verwoben."
 Anton Tschechow schrieb an seinen Verleger A.S.
Suvorin, als er "Die Möwe" zu schreiben begonnen hatte:
"[...] stellen Sie sich vor, schreibe ich an einem Stück, das
ich wahrscheinlich, nicht vor Ende November abschließen werde. Ich
schreibe nicht ohne Vergnügen daran, obwohl ich mich schrecklich
an den Bedingungen der Bühne vergehe. Eine Komödie, drei Frauenrollen,
sechs Männerrollen, vier Akte, eine Landschaft (Blick auf einen See);
viele Gespräche über die Literatur, wenig Handlung, ein Pud
Liebe."
Melichowo, 21.10.1895
und als er sein Stück abgeschlossen hatte:
"Nun denn, ich habe mein Stück abgeschlossen. Ich habe es forte
begonnen und pianissimo beendet - gegen alle Regeln der dramatischen Kunst.
Es ist eine Novelle geworden. Ich bin eher unzufrieden als zufrieden,
und wenn ich mein neugeborenes Stück lese, gelange ich einmal mehr
zu der Überzeugung, dass ich absolut kein Dramatiker bin. Die Akte
sind sehr kurz, es sind ihrer vier. Obwohl es erst das Gerippe eines Stückes
ist, ein Plan, der sich zur kommenden Saison noch eine Million Male ändern
wird, habe ich dennoch 2 Exemplare in Auftrag gegeben im Remingtonverfahren
(die Maschine druckt 2 Exemplare auf einmal) - das eine werde ich ihnen
schicken. Nur geben Sie es niemandem zu lesen."
Melichowo, 21.11.1895
Text wird Tanz
John Neumeier kreiert sein Ballett "Die Möwe"
Beobachtungen und Fragen von Telse Hahmann
Montag, 25. März 2002, 17.30 Uhr
John Neumeier beginnt mit der Kreation von "Die Möwe".
Sein Ballett fängt, anders als das Theaterstück von Anton Tschechow,
mit einer Szene zwischen Kostja und Nina an. Er lässt aus Bänken
eine Bühne zusammenschieben. Das wird sicherlich die Bühne für
Kostjas Stück. Wieder und wieder probiert John Neumeier mit Jirí
Bubenícek, Ivan Urban und Alexandre Riabko, die die Rolle des Kostja
tanzen werden, wie dieser seine Bühne betritt. Wie unterschiedlich
die gleichen Schritte bei jedem der Tänzer wirken.
Ninas ersten Auftritt überlässt John Neumeier zunächst
ganz Heather Jurgensen. Sie lächelt Kostja schelmisch auffordernd
an. Trotz der sehr engen und vertrauten Zweisamkeit von Kostja und Nina
fühle ich mich als Zuschauer nicht ausgeschlossen. Der zweite Satz
aus Schostakowitschs 2. Klavierkonzert ist berauschend.
Hatte John Neumeier nicht früher davon gesprochen, dass er gerne
einmal Tschechows "Drei Schwestern" als Ballett stellen würde?
Wie kam es zur Entscheidung "Die Möwe" zu choreografieren?
JN
Als Choreograf habe ich sehr viel mit Literatur
gearbeitet. Mir wird jetzt immer klarer, dass ein Text, den ich einem
Ballett zu Grunde lege, in erster Linie nur für mich wichtig ist.
Nachdem ich einen Text gelesen habe, frage ich mich, welche Sehnsüchte,
welche Wünsche ich habe, nach welchen Bildern ich suche und auf welche
Situationen ich neugierig geworden bin. Ich möchte Bilder erfinden,
um diese Geschichte, diesen Text, dieses Stück nicht 1:1 wiederzugeben,
sondern mit meinen Bildern etwas eigenständiges schaffen. So wie
man, wenn man ein abstraktes Bild malt, die abstrakte Form nicht real
gesehen hat. Es ist etwas aus vielen Erfahrungen entstandenes. Der Auslöser
für ein Ballett kann die Lektüre eines Textes sein ich
choreografie jedoch nicht diesen Text, sondern suche nach einem eigenen
tänzerischen Ausdruck.
Meine erste wichtige Begegnung mit dem Dramatiker Tschechow war die Inszenierung
der "Drei Schwestern" von Lee Strasberg in New York.
Lee Strasberg war einer der ursprünglichen künstlerischen Leiter
des Actors Studio in New York. Er lehrte dort seine Adaption der
Stanislawski-Technik. Viele berühmte Schauspieler wie Marlon Brando,
Marilyn Monroe und Montgomery Clift gingen in diese Schule die
Aufführung der "Drei Schwestern" war für mich ein
unglaubliches Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Seitdem fasziniert
mich der Gedanke, ob ich diese Form der Orchestrierung menschlicher Emotionen
auch durch Bewegung erreichen kann.
Es blieb immer ein Wunsch von mir, das Stück als Ballett zu choreografieren.
Als ich in Stuttgart war, sollte Marianne Kruuse die Irina in meinen "Drei
Schwestern" sein. Ich habe mit Jürgen Rose über das Bühnenbild
gesprochen. Es hieß immer '
und wann machen wir die "Drei
Schwestern"'? Es war ein Plan, der mich nie losließ, aber irgendwie
ist es nie dazu gekommen. Allmählich verblasste der Gedanke.
Doch am 1. Januar 1996 habe ich an der Schaubühne in Berlin "Die
Möwe" gesehen. Meine Tschechow-Idee hat sich plötzlich
gewandelt, weil es in diesem Stück nicht nur um zwischenmenschliche
Beziehungen einer bestimmten Gruppe von Menschen geht, sondern um etwas
allgemein gültiges. Ich habe ein Thema gesehen, das in Tanz übertragen
werden könnte. Auf einmal wusste ich, dass ich irgendwann einmal
"Die Möwe" choreografieren wollte. "Drei Schwestern"
erschien mir plötzlich nur noch als ein sehr schönes Stück.
Doch vor allem mit einem spezifisch russischen Thema des 19. Jahrhunderts.
"Die Möwe" aber ist in meiner Fantasie immer größer,
immer allgemein gültiger und für mich persönlich immer
aktueller geworden.
Mich sprach in der "Möwe" die Spannung, welche Rolle Kunst
in einem Liebesverhältnis spielen kann, ganz stark an. Welche Balance
besteht zwischen Liebe und Kunst? Misserfolg in der Liebe Misserfolg
in der Kunst, Erfolg in der Kunst Misserfolg in der Liebe
Ein anderes Thema ist für mich in der "Möwe" die Auseinandersetzung
mit ungenutzten Chancen oder verstrichenen Gelegenheiten aus der Vergangenheit.
Wie reflektiert man sein eigenes Leben? Nach dem zeitlichen Sprung zu
Anfang meines 2. Aktes sehen sich die Figuren mit den Geschehnissen ihrer
Vergangenheit konfrontiert, die wir im 1. Akt miterlebt haben.
Freitag, 5. April 2002, 11.30 Uhr
Laura Cazzaniga, die, wie Anna Polikarpova auch, die Arkadina tanzt, sitzt
in einem großen Korbsessel. Bevor die Musik einsetzt, lässt
John Neumeier sie auf Französisch eine Passage aus Guy de Maupassants
Reisebeschreibung "Sur leau" lesen. Ist es dieselbe Stelle,
die Tschechow im zweiten Akt der "Möwe" zitiert?
Montag, 8. April 2002, 11.30 Uhr
Jetzt sitzt Anna Polikarpova als Arkadina in dem großen Korbsessel,
ihr zu Füßen ein Haufen Spitzenschuhe. Sie näht Bänder
an einen Spitzenschuh. John Neumeier erklärt ihr, dass sie eine berühmte
Primaballerina sei, die sich, als sie "Musik von der anderen Seite
des Sees" hört, an ihren Auftritt in einem Ballett erinnert
und zu tanzen beginnt. Es ist herrlich, mit welchem Elan sich John Neumeier
immer neue Posen ausdenkt und, indem er sie vormacht, fast selbst zur
Ballerina wird! Anna Polikarpova, in St. Petersburg ausgebildet, beherrscht
die Armbewegungen der Primaballerina souverän und perfekt
mit einer einnehmenden Spur Ironie.
JN
Tschechows "Möwe" handelt
nicht nur von Liebe und Theater, das Stück ist Liebe und Theater.
Wenn ein kreativer Mensch arbeitet, ahmt er nicht einfach etwas nach.
Picasso hat keine Frau mit drei Nasen gesehen und abgemalt, sondern es
ist das, was er empfunden hat. So arbeite ich auch, ich möchte "Die
Möwe" nicht interpretieren, wie jemand, der den Text auf die
Bühne bringt und dann sieht, ob dieser oder jener von rechts oder
links auftritt.
Ich erfinde für mein Ballett Situationen, die etwas ähnliches
ausdrücken wie der Text. Meine Inspirationsquelle ist "Die Möwe",
aber ich arbeite nicht wie ein Theaterregisseur. Wenn man das Ballett
sieht, hört man nicht ein einziges Wort von Tschechow. Man soll sich
auch nicht unbedingt an ein Wort erinnern. Ich habe einmal ausprobiert,
ob Arkadina aus dem Text von Maupassant lesen sollte, habe aber dann gemerkt,
das es in meinem Ballett keinen Sinn machen würde.
Aus meiner Begeisterung für "Die Möwe" mache ich dieses
Ballett. Doch um ihm Leben zu geben, muss jede einzelne Situation für
sich funktionieren, ohne dabei unbedingt an Tschechows Stück zu denken.
Dafür ist für mich die Übertragung auf Tanz ganz entscheidend.
Ich kann in einem Ballett nicht komplizierte Handlungsverwicklungen, wie
man sie in einem Roman oder Stück einfach erklären kann, darstellen.
Wenn ich mimen würde, dass Arkadina eine große Schauspielerin
ist und sie als Sarah Bernhardt präsentiere und dann zeige, dass
Nina eine schlechte Schauspielerin wird, könnte das leicht zu Kitsch
werden. Es wäre eine sprachliche Übersetzung zu weit entfernt
vom Tanz. Dadurch, dass ich mich entschieden habe, "Die Möwe"
auf die Tanzkunst, auf meine Sprache zu übertragen, kann die Übermittlung
viel direkter erfolgen. Mein Ballett handelt nicht nur von Tanz: Es ist
Tanz.
Dienstag, 9. April 2002, 11.30 Uhr
Otto Bubenícek ist Trigorin. Er hat, wie Tschechow selbst, ein
Faible fürs Angeln. Vladimir Kocic, der künstlerische Produktionsleiter,
hat schon eine Angel besorgt und bringt den Katalog eines Angelausstatters,
um den richtigen Klappstuhl für Trigorin auszusuchen! John Neumeier
lässt Heather Jurgensen als Nina Trigorin überraschen. Der lässt
die Angel ruhen und beginnt sich der neuen Schülerin zuzuwenden.
Nina, das Mädchen vom Lande, möchte Tänzerin werden und
wähnt sich bei dem erfolgreichen Choreografen Trigorin an der richtigen
Adresse. Jetzt probiert Heather Jurgensen die neuen Schritte also eigentlich
gleich doppelt: einmal die von John Neumeier erdachten als reale Tänzerin
im Studio des Ballettzentrums und gleichzeitig als Figur im Stück.
JN
Bei der Begegnung zwischen Trigorin und
Nina habe ich an George Balanchine gedacht und an seine, nicht bös
gemeinte Faszination für langgliedrige, junge Mädchen. Die Tanzstunde
von Trigorin und Nina ist etwas, das ich unmittelbar realisieren kann.
Es steht nicht im Text. Die Szene hat ein Eigenleben und die offensichtliche
Beziehung zwischen Lehrer und Schülerin bekommt eine andere Dimension.
Durch ihr Wesen sagt sie etwas über die Beziehung der zwei Figuren
aus. Ebenso wie in einem Ballett wie "Giselle" benutze ich hier
den Tanz selbst, um etwas über die Menschen mitzuteilen.
Donnerstag, 11. April 2002, 11.45 Uhr
Drei Stufen vor einem Tisch deuten die Treppe an, die vom Landhaus in
den Garten führt. Die unregelmäßigen Abstände der
Stufen lösen das Stolpern von Sorin fast automatisch aus. Mit großer
Ruhe und Konzentration lässt sich Lloyd Rigigns wieder und wieder
die Stufen herunterpurzeln, ganz exakt auf die Rhythmuswechsel im ersten
Satz von Schostakowitschs 15. Sinfonie. John Neumeier arbeitet die väterliche
Beziehung zwischen Kostja und seinem Onkel Sorin heraus. Kostja kämmt
Sorins Haar, richtet ihm die Krawatte und Lloyd Riggins erinnert mich
in seinem ausgebeulten Jackett und mit dem Strohhut an Fotos von Tschechow.
JN
Wie man mit dem verschiedenen Alter der Figuren umgehen soll, ist
im Ballett ein interessantes ästhetisches Problem. Im klassischen
Tanz sind die Großzahl der Tänzer im Durchschnitt sehr junge
Menschen, außerdem gibt es Kinder aus der Ballettschule und dann
hatte man früher häufig einige Tänzer, die mit ganz viel
Schminke, Perücke und angeklebtem Bart alt gemacht wurden und ein
paar komische Einlagen brachten. Und das waren oft ausgerechnet die Jüngsten
und Unerfahrensten des Ensembles. Das wäre für mich bei der
"Möwe" undenkbar. Ich könnte eine Figur wie Sorin
nie so realisieren, dass er nicht richtig tanzen könnte und sich
ständig seinen Rücken hält. Wenn Pina Bausch sich entschieden
hätte das Stück zu machen, würde sie sicher für richtig
alte Menschen choreografieren, die dann mit ihrer Art zu tanzen eine eigene
Qualität entwickeln.
Ich gehe einen anderen Weg und habe versucht, das Alter der Figuren nicht
so drastisch auseinander fallen zu lassen. Polina oder Sorin sind bei
mir nicht so alt. Ich choreografiere nicht das physische Alter eines Menschen,
mir liegt nicht daran seine eventuelle körperliche Gebrechlichkeit
zu zeigen. Viel mehr möchte ich den inneren, geistigen und emotionalen
Zustand einer Figur visualisieren. Ich arbeite mit den ganz unterschiedlichen
und sehr persönlichen Ausdrucks- und Bewegungsformen meiner Tänzer.
In dem von mir gewählten Stil, schien es mir richtig, dass ich eigene
Wege suche, um die Unterschiede der Figuren zu vermitteln. Ich kann z.B.
nicht zeigen, dass Dorn Arzt ist, indem ich ihm einen Arztkittel anziehe,
ihm eine kleine Tasche in die Hand gebe und ihn die Herzen abhören
lasse. Ich versuche das Element 'Arzt' aufzunehmen, was sicher nicht im
Sinne von Tschechow ist, indem ich ihn als einen sehr sportlichen Typ
darstelle: Einen Mensch, der als Arzt wert auf Gesundheit und Frische
legt. Das Sportliche ist etwas, das ich in meinem Metier ausdrücken
kann. Ich möchte Tschechow nicht in jedem Detail treu bleiben, das
würde im Tanz nicht aufgehen. Doch ich versuche Tschechows Idee zu
wahren, indem ich die von ihm erdachte Figuren-Konstellation beibehalte,
aber die Aktionen völlig anders übersetze.
Dienstag, 16. April 2002, 11.45 Uhr
Heute probt John Neumeier das erste Mal mit einer ganzen Gruppe von Solisten.
Die Figuren Mascha, Kostja, Sorin, Nina, Dorn und Polina treten auf. Sie
tanzen zu zweit, allein, scheinen die anderen gar nicht wahrzunehmen.
Jeder lebt/tanzt in seiner Welt. Die schnell wechselnden Tanzformationen
spiegeln für mich die Dialoge in der "Möwe". Tschechows
Stück hat fast keine äußere Handlung und basiert ganz
auf Dialogen, die eigentlich keine sind. Die Menschen reden viel und scheinbar
miteinander, sind jedoch der Fähigkeit zu kommunizieren beraubt.
Der Literaturwissenschaftler Peter Szondi nennt das "wesenlose Dialoge".
Wie drückt man diese sinnentleerte Kommunikation, die unerfüllten
Sehnsüchte und Wünsche der Figuren im Tanz aus? Kann man auch
im Tanz aneinander vorbeireden?
JN
Teil meiner Aufgabe als Choreograf ist es, herauszufinden, wie ich das
Verhältnis der Figuren zur Musik setze. Will ich dem Publikum das
Gefühl vermitteln, dass die Tänzer zu der Musik tanzen, die
wir hören? Will ich also eine Einheit von Innen- und Außenwelt
herstellen? Oder steht das, was der Tänzer sagt/tanzt im Gegensatz
zu dem, was wir hören? Dadurch ergibt sich der Eindruck, dass das,
was er sagt/tanzt nicht das ist, was er fühlt. Oder macht der Tänzer
erst mit seiner Bewegung die Musik?
Wie bei Tschechow, wo die Menschen oft nicht sagen, was sie denken oder
fühlen und mit ihrem Plaudern ablenken, kann es manchmal auch im
Tanz sein. Ich drücke das in meiner Beziehung zur Musik aus. Etwa
in der Szene, die wir mit Nina und Trigorin gestellt haben, wo die Tänzer
an einem Höhepunkt der Musik verharren, statt ihn mitzuerleben. Man
erhält das Gefühl, dass sich die Tänzer von diesem Höhepunkt
distanzieren wollen. Es ist wie eine starke Emotion, die ich spüre,
aber die ich gar nicht wahrhaben will. Obwohl ich die Geschichte ändere
und Situationen erfinde, die es bei Tschechow nicht gibt, ist das Ballett
in diesem Sinne Tschechow doch sehr nahe, weil es mit Innen- und Außenwelt
spielt.
Montag, 29. April 2002, 17.30 Uhr
Mit geschlossenen Augen improvisiert John Neumeier Bewegungsmuster für
Kostjas moderne Choreografie auf der kleinen quadratischen Holzbühne.
Jirí Bubenícek übernimmt die neuen Ausdrücke sofort
und spricht sie mit seinem ganzen Körper nach. Zunächst verwendet
John Neumeier ein Marimbaphon-Stück, das mit seiner singenden und
schwingenden Melodik ein starker Kontrast zu Schostakowitsch ist. Auch
die Schritte für die Tänzer in Kostjas Stück werden jetzt
angelegt. Sie drehen sich, immer Körperkontakt haltend, um Kostja
geschmeidig wie in einem Kugellager. Als ein Teil der Choreografie
steht, lässt John Neumeier eine anderes Musikstück spielen.
Die Tänzer sollen dazu gleich die eben gelernten Schritte tanzen.
Es ist ein Percussion-Stück von Evelyn Glennie. Wir sind alle sofort
begeistert. Der 'Beat' des Schlagwerks lässt nicht locker und ruft
den experimentellen Charakter von Kostjas 'Avantgarde-Möwe' noch
stärker hervor.
JN
In Tschechows Stück wird sehr viel über Literatur gesprochen.
In meinem Ballett übernehme ich das insofern, als dieses Ballett
auch eine Beschäftigung mit Bewegung ist. In Kostjas avantgardistischer
Choreografie sieht man, was moderner Tanz ist oder was vielleicht einmal
modern war. Die Entwicklung in der Kunst an der Wende zwischen dem 19.
und 20. Jahrhundert in Russland war wirklich wie eine Explosion. Die Revolution
war als Befreiung gedacht gewesen. Das war sie jedoch nur ganz kurz und
alles wurde schnell noch viel schlimmer als je zuvor. In mein Konzept
der "Möwe" passt diese Form des modernen Tanzes. Das Stück
ist russisch, die Musik ist russisch, da habe ich sofort an diese sehr
abenteuerliche und wichtige Richtung der modernen Kunst, an den Ausdruckstanz
in Russland gedacht. Die Hauptlinie meiner Choreografie schließt
an die dramatisch-emotionale Linie in der Tradition von Antony Tudor,
Frederick Ashton und John Cranko. Andere Szenen des Balletts geben Einblick
in die Welt des klassischen Tanzes der Ballerina Arkadina. Durch Ninas
Wunsch nach einer Tänzer-Karriere erfahren wir, wie aufregend ein
Revuetanz ist. Mit diesen vier Ebenen oder Kapiteln aus der Tanzgeschichte
wird meine "Möwe" zu einer Auseinandersetzung mit Tanz
selber.
Freitag, 3. Mai 2002, 14.30 Uhr
Zehn Tänzerinnen und zehn Tänzer bewegen sich in Fünfer-Formationen
in rasanter Geschwindigkeit durch den größten Ballettsaal "Petipa".
Die Revueszene für den Anfang des zweiten Aktes verlangt ein hohes
Maß an Exaktheit und Konformität. Die Tänzerinnen und
Tänzer schwitzen und zählen immer wieder den schnellen Takt.
Ihnen wird heute ein Stil abverlangt, den sie nicht jeden Tag tanzen.
Nina ist eine in der Reihe der Mädchen. John Neumeier entwickelt
eine Szene über Ninas zweifelhafte Karriere in Moskau, von der in
der "Möwe" bloß berichtet wird. Die äußere
Handlung, die das dramatische Geschehen vorantreibt, geschieht in Tschechows
Text fast nie auf der Bühne.
JN
Für ein Ballett ist es natürlich
problematisch, wenn die Aktion außerhalb der Bühne passiert.
Interessant finde ich, dass Tschechows Stücke immer fernab des Geschehens
spielen. Entweder in einem Landhaus oder in einem ganz kleinen Dorf. Weit
weg von der Großstadt, von der alle träumen. Oder wo sie froh
sind, nicht in der Großstadt zu sein. Es sind immer Orte, die für
die Figuren eine Art Schlupfwinkel sind. Hier werden Dinge nur in Form
von Erinnerungen oder Wünschen erlebt. Und die Beziehungen werden
auf den Punkt gebracht, weil niemand anders da ist, um einen abzulenken.
Im Leben passiert so etwas, wenn man ein Wochenende mit drei oder vier
Menschen verbringt. Es geschehen Dinge zwischen diesen drei oder vier
Menschen, die nicht passieren würden, wenn man zwischendurch 20 andere
träfe. Oder jeden Tag zu einem anderen Fest oder zu einem anderen
Mittagessen ginge. Die Konzentration auf eine kleine Gruppe von Menschen,
an einem isolierten Ort ist für Tschechows Dramen ausschlaggebend.
Das ist mir auch für mein Ballett wichtig. Der Übergang zwischen
dem 3. Akt zum 4. Akt wäre jedoch nicht denkbar, ohne dass ich etwas
von dem zeige, was wir im Stück nicht sehen. Als ich das Stück
bei der Schaubühne sah, war mir vom ersten Moment an klar, dass ich
einen 3 1/2 Akt erfinden müsste, damit der 4. Akt, in einer sprachlosen
Kunst wie dem Ballett seine Macht entfalten kann. Alles was in den ersten
drei Akten des Textes passiert, geschieht mehr oder weniger im ersten
des Balletts. Mein zweiter Akt beginnt mit dem großen Bruch, an
den sich die Ereignisse aus Tschechows 4. Akt anschließen.
Samstag 4. Mai 2002, 12.30 Uhr
In die unterschiedlichsten Proben-Tutus gekleidet, finden die Tänzerinnen
schnell ihren Platz in der Diagonale. Sie stellen sich auf, legen ihre
Individualität für diese Szene ab und werden zum einheitlichen
Corps de ballet. Die Musik erklingt und die Tänzer treten auf, jeder
als ein anderer Prinz. Der Tanz ist wie ein Mosaik aus klassischen Ballettschritten.
John Neumeier stellt eine Szene im "Kaiserlichen Theater", wo
der Choreograf Trigorin für Arkadina ein 'Möwensee'-Ballett
herausgebracht hat. Wie bei Tschechow nimmt Trigorin Nina ihre Geschichte
weg, nutzt sie nur als Sujet und macht damit Karriere. Die Paare wogen
über die Bühne und verharren immer wieder in traditionellen
Posen. Die Illusion von Leichtigkeit und Schweben im klassischen Tanz
ist perfekt, als sich alle mit einer imposanten Hebefigur in einem großen
Kreis bewegen. Ebenso, wie in Tschechows Text die Grenze zwischen Ironie
und Ernst manchmal hauchdünn ist, bin ich mir während John Neumeiers
Kreation der "Möwe" nicht immer ganz sicher, wie eine Szene
gemeint ist. Und eben in diesem Spiel mit den unterschiedlichen Stimmungen
liegt der große Reiz: Tanz und Text finden für mich in den
dargestellten menschlichen Emotionen wiederzusammen.
Pressestimmen
Die Welt ein Traum? Vielleicht. Das Leben jedoch ist heftige Realität
das muss auch Kostja, Hauptperson in Anton Tschechows sehnsuchtsvollem
Stück "Die Möwe", schmerzlich erfahren. Jetzt erzählt
ein kongenialer Choreograf das viel gespielte Seelendrama neu: John Neumeiers
"Möwe" ist eine ganz großartige tänzerische
Nachdichtung, ein gedankenvolles Werk, das dennoch wie aus einem Guss
anmutet. Man wird es aufnehmen müssen in den Kanon der bedeutenden
abendfüllenden Ballette.
Gisela Sonnenburg, Neues Deutschland
John Neumeiers jüngste(r) Kreation "Die Möwe", frei
nach Anton Tschechow vor einem atemlos gebannt zusehenden Publikum.
Nicht sklavisch der Tschechowschen Dramaturgie folgend, sondern hinter
den Worten der Seele nachspürend und man weiß ja: die
russische tanzt, immer am Abgrund entlang, immer vom Absturz bedroht
wie die Möwe, die als Papierflieger durch das ganze Zweieinhalb-Stunden-Ballett
fliegt, für das Neumeier auch als Ausstatter verantwortlich zeichnet.
Mit Markus Lehtinen als Dirigent, der dem Philharmonischen Staatsorchester
die wunderlichsten Klänge entlockt als ob Schostakowitsch,
Tschaikowsky und Skrjabin und auch die wild entfesselte Evelyn Glennie
ihre Musik eigens für dieses Ballett komponiert hätten.
Horst Koegler, koeglerjournal
In den Spannungen der Beziehungs- und Liebes-Dreiecke [...] entfaltet Neumeier
seine Stärke [...] Der Pas de deux von Mascha und ihrem ungeliebten
Bräutigam zu Skrajabins Nocturne wird zum Schlüsselbild des
Stücks wie das Tristan-Motiv-Zitat in Schostakowitschs 15. Symphonie
zur musikalischen Chiffre für Kostjas Zerrissenheit.
dpa
Um das Russische am klassischen Ballett zu verstehen, kann man entweder
nach Moskau reisen, oder man schaut sich Heather Jurgensen an, wie sie
an der Hamburgischen Staatsoper ihre langen schmalen Arme ausbreitet,
ihren wehmütig umschleierten Blick in die Ferne richtet, sich mühelos
auf die äußerste Spitze ihres Spitzenschuhs hebt und zur Möwe
wird. [...] Neumeier hat wie Tschechow die Liebe als tragisches Genre aufgefasst,
hat aus bekannten Sehnsüchten und dem dazugehörigen Gram einen
endlosen Reigen der Enttäuschung komponiert. Mal pianissimo, mal
forte aber ganz 'Chekovian', wie sich die Amerikaner um 1900 ausdrücken.
Will heißen: elegisch, filigran, und vor allem exzentrisch.
Evelyn Finger, Die Zeit
So frei nach Tschechow aber war diese "Möwe" gar nicht.
Selbst wenn die Choreografie den undramatischen Verlauf des Stücks
nicht eins zu eins nacherzählt, fängt sie doch auf geradezu
geniale Weise dessen Stimmungen der Langeweile, des Müßiggangs
und die Frustration eines unerfüllten Lebens ein.
Monika Fabry, Hamburger Abendblatt
Die eigentliche Stärke von Neumeiers vertanztem Tschechow liegt
jedoch in der Choreografie der Beziehungsdreiecke. Keine Körpergeometrien
mehr, sondern lyrische Seelenbilder der Eifersucht, Leidenschaft und Verzweiflung.
Neumeier entfaltet ein die Figuren charakterisierendes, subtil reduziertes
Bewegungsspiel aus Blicken, Gesten und Haltungen zu Dmitri Schostakowitschs
Kammersinfonie und Sätzen der 15. Sinfonie. Ivan Urban und Heather
Jurgensen in ihrer bisher wandlungsfähigsten, expressivsten,
vor allem aber auch anrührendsten Darstellung wurden beim
begeisterten Schlussbeifall für den Choreografen und das Ensemble
mit Ovationen bedacht.
Klaus Witzeling, Hannoversche Allgemeine
Es ist vielleicht John Neumeiers schönstes Ballett geworden,
sein Traum vom Fliegen, vom Erkunden der Weite, vom Aufbruch, immer und immer wieder, zu neuen Horizonten, hinter denen der Horizont des Lebens, der Horizont
der Kunst und der Liebe harrt [...]
Horst Koegler, Stuttgarter Zeitung
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