Ballett von John Neumeier

 

Musik
  Maurice Ravel
Choreografie
Inszenierung
  John Neumeier
Bühnenbild
Kostüme
  Jürgen Rose

55 Min.

 

Uraufführung
Frankfurter Ballett, Frankfurt, 2. Januar 1972

 

Originalbesetzung
  Marianne Kruuse
Truman Finney
Beatrice Cordua
Maximo Barra 

 

Premiere in Hamburg
Hamburg Ballett, 18. Oktober 1973

 

Premierenbesetzung
  Marianne Kruuse
Truman Finney
Beatrice Cordua
Maximo Barra 

 

In einer Zeit, in der die Zerstörung unserer Umwelt immer verheerendere Ausmaße annimmt, ist es entscheidend, wie wir als Künstler mit unseren Phantasien und Träumen umgehen. Es ist nicht nur wichtig, von Visionen und Utopien zu erzählen, sondern es ist ebenso ausschlaggebend, davon auszugehen, wie solche Träume Wirklichkeit werden können. In "Daphnis und Chloe" führt das Verständnis einer Frau zur Reife und Aktivität eines Mannes, dem es nicht gelang, seine Sinnlichkeit auszuleben. Der Schock einer Verführung und die Wirklichkeit eines Traumes bedingen diese Entwicklung. Ein "Überschuss an Phantasie" macht es so möglich, die Beschränktheit einer Gegenwart zu überwinden. Gelegt ist diese Erfahrung in das "Griechenland der Träume", eine geistige Landschaft, die die Aura dieser Lebenserfahrung bildet, die Hülle, in die die Wahrheit einer Geschichte eindringt. Es geht darum, eine Vorlage, angefüllt mit Symbolen und Mythen, neu zu beleben. So verstanden es Diaghilew, Fokine und Ravel, als sie mit den Stücken der Ballets Russes ein Beispiel dafür gaben, dass ein Kunstwerk nicht nur Illustration ist, sondern der Ausdruck einer die Wirklichkeit durchdringenden Illusion, die zu einer besseren Kenntnis und Erkenntnis der Welt führt.

John Neumeier

 

Die Handlung

Lesbos, September 1912
Die Schüler eines vornehmen Internats besuchen auf einer Bildungsreise die Sehenswürdigkeiten der Insel Lesbos. Einer der jungen Männer – nennen wir ihn Daphnis – träumt sich voll Sensibilität gerne in die Welt der Antike zurück. In seiner Umwelt ist es schwerer, sich zurechtzufinden: Die Anziehung, die eine Kameradin – Chloe – auf ihn ausübt, verwirrt ihn. Noch mehr aber verwirrt ihn die Begegnung mit Lykainion, einer kunstsinnigen, emanzipierten Dame, und die Erfahrung, dass Chloe unbefangen mit dem Matrosen Dorkon Freundschaft schließen kann. Während die anderen zum Baden gehen, bleibt Daphnis bei seinen geliebten Statuen allein und hält mit ihnen Zwiesprache. Chloe belauscht ihn dabei und kann sich nicht enthalten, ihm einen Kuss zu geben. Beide erschrecken über sich selbst. Als Daphnis endlich den Kuss erwidern will, küsst er die hinzugekommene Lykainion. Lykainion gelingt es, ihn zu verführen.

Ein Wahntraum
Ist es die sengende Sonne, sind es seine Schuldgefühle, die Daphnis das Bewusstsein verlieren lassen? Dass ihn ein ängstigender Traum heimsucht? Chloe – so träumt er, wie einst der Roman des Longus es beschrieb – wird ihm von Piraten entrissen, an deren Spitze er Dorkon sieht. Wie der Daphnis des Romans fleht er die Hilfe der Nymphen an. Diese steigen zu ihm hernieder und verwandeln ihn in einen rettenden Gott, mit dem sie sich auf den Weg zu Chloe machen.

Der Traum von der Piratenhöhle
Dorkon, Lykainion und ihre Genossen, so träumt Daphnis, wollen Chloe zu ihresgleichen machen. Sie feiern ein Bacchanale. Da erscheint Daphnis an der Seite der Nymphen und jagt sie mit göttlicher Gebärde in die Flucht. Er bekränzt Chloe und vertraut sie dem Meer an.

Das Erwachen
Noch einmal wird Daphnis an sein Erlebnis mit Lykainion erinnert. Schamerfüllt will er fliehen. Doch Chloe erscheint, die ihn behutsam mit sich selber versöhnt und seine Befangenheit von ihm nimmt. In einem Taumel ihres momentanen Glücks vergessen sie die Welt um sich herum, als würde diese versinken.

J. N.

 

Was tut mir nur Chloës Kuss?
Ihre Lippen sind zarter als Rosen,
ihr Mund süßer als Honigscheiben,
ihr Kuss aber herber als der Stachel der Biene.
Oftmals hab ich Böckchen geküsst,
oft auch küsst ich junge Hunde
und das Wildkalb, Dorkons Geschenk;
aber dieser Kuss ist von neuer Art.
Hastig drängt sich der Atem heraus,
das Herz schlägt gewaltsam,
meine Seele zerrinnt, und doch glühe ich danach,
wieder zu küssen.
O unseliger Sieg! O neue Krankheit,
von der ich nicht einmal den Namen weiß.
Hatte Chloë etwa Gift gekostet, ehe sie mich küsste .
Warum starb sie denn also nicht?
Wie süß singen doch die Nachtigallen!
Aber meine Syrinx schweigt.
Wie munter springen die Böckchen! Und ich sitze müßig.
Wie blühen die Blumen! Und ich flechte keine Kränze.
Das Veilchen und die Hyazinthe blüht.
Daphnis aber welkt dahin.

Longus, "Daphnis und Chloë"

 

Fotos
Trailer

 
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