Ballett von John Neumeier

 

Musik
  Sergej Prokofjew
"Cinderella" op.87
Sinfonische Dichtung "Träume" op.6
Sinfonische Skizze "Herbstliches" op.8
Choreografie
Inszenierung
  John Neumeier
Bühnenbild
Kostüme
  Jürgen Rose
Lichtdesign
  Max Keller

1 Pause - 2 Stunden 45 Min.

 

Premiere
Hamburg Ballett, Hamburg, 15. Mai 1992

 

Originalbesetzung    
Cinderella
  Bettina Beckmann
(für Gigi Hyatt)
Der Prinz
  Manuel Legris
Die Stiefmutter
  Chantal Lefèvre 
Der Vater
  Ivan Liska
Die Mutter
  Gilma Bustillo
Die Stiefschwester
  Stefanie Arndt
Emanuelle Broncin
Der König   Ralf Dörnen
Drei Minister   Eric Miot
Jan de Schinkel
Janusz Mazon
Die Vögel   Anders Nordström
Radi Zaripov
Tomi Paasonen
Kim McCarthy
Die fremde Prinzessin   Heather Jurgensen
Die Prinzessin
aus einem anderen Land
  Laura Cazzaniga

 

Die Handlung

I
Cinderellas Mutter wird begraben

II
Im Hause von Cinderellas Vater - zwischen Beerdigung
und Hochzeit
Erinnerung an die Mutter

III
Morgens - die Welt des Prinzen - Vorschläge zur Brautwahl

IV
Tagträumerei
Erinnerung an ein trauriges Mädchen

V
Am Nachmittag - Cinderellas Stiefmutter hat Gäste
Ein vorbei eilender Minister verliert eine Einladung
zum Hofball

VI
Aufbruch zum Ball - wie von Zauberhand
Erinnerung an die Mutter
Die Vogelgeister

VII
Spiegelsaal - großer Ball bei Hofe

VIII
Der Prinz auf Reisen - Menschen, die ihm begegnen
Erinnerung an Cinderella

IX
Nach Jahren - der Haselnußstrauch

 

Die Arbeit mit Prokofjews Musik ist faszinierend, sie ist teilweise viel reicher, weit moderner und absurder, als ich gedacht hatte. Manches dagegen scheint nur komponiert, weil das Libretto es verlangt: zwei Minuten Hoftanz - so hätte Petipa gefordert - und Prokofjew schreibt etwas ganz Traditionelles, scheinbar Uninspiriertes ... Daneben entstehen Stücke, die völlig unkonventionell, eigenwillig und absurd klingen, wie die verrückte Musik der Herbstfee. Der Walzer im Ball hat eine ganz geheimnisvolle Ambiance, die ich nicht vermutet hatte. Durch die Orchestrierung entstehen ganz wunderbare, suggestive, mysteriöse, fast dekadente Klänge. Gedanken realisieren sich in Musik völlig anders, als man meint - und das suche ich auch in der Choreografie: Bilder, die man nicht erwartet, nicht bei "Cinderella"! ...

Aschenputtel-Märchen gibt es auf der ganzen Welt, in den verschiedensten Kulturen und den unterschiedlichsten Versionen. Wir kennen vor allem die Fassungen von Charles Perrault und den Gebrüdern Grimm. Prokofjew folgte weitgehend der französischen Fassung, ich beziehe mich stärker auf das Grimmsche Märchen, das - anders als Perrault - mit der Krankheit und dem Tod der Mutter beginnt. Wie dort ist mein Ballett von ihrem Sterben überschattet. Und wie dort wird das Sterben eines Menschen, trotz des Verlustes, der Trauer und der Not, zur Quelle des Guten und Schutz des Lebenden. Auf dem Grab der Mutter wächst ein Haselnussstrauch. !n ihm wohnen Vögel. Die Natur, der Baum, die Tiere, sie alle werden Cinderellas Helfer - ein sehr poetischer Gedanke.

"A Cinderella Story" - wahrscheinlich ist es ein Ballett über Selbstfindung und Erwachsenwerden. Zwei Menschen finden zusammen, die das Leben ein bisschen zu Außenseitern gemacht hat: Die Wiederheirat des Vaters und die schlechte Behandlung durch Stiefmutter und Stiefschwestern macht Cinderella einsam, und der Prinz ähnelt in manchem dem Prinzen aus "Illusionen - wie SCHWANENSEE", der nicht ganz in sein höfisches Umfeld passt. Cinderella träumt von einer Welt wie der seinen. Doch sobald sie diese erlebt, weiß sie instinktiv, dass es nicht die ihre ist. Sie fühlt sich verkleidet. Von sich aus verlässt sie den Ball. Sie will um ihrer selbst willen geliebt werden! Cinderella ist ein Mensch, der sich treu bleiben muss.

Das erinnert in manchen Zügen an Büchners "Leonce und Lena": seinen Überdruss und Übermut, ihre Unabdingbarkeit und Unschuld. Die einen fliehen voreinander, die anderen, ohne es zu wissen, suchen sich. Beide gehören zusammen, sind sich bestimmt.

John Neumeier

 

Pressestimmen

Choreografische Brillanz und faszinierende Musik verweben sich zu großartiger Ballettkunst [...] noch nie ist der Aschenputtel-Mythos derart psychologisch ausgelotet worden.
Münchner Abendzeitung

Ein Ballett, das zum Schwärmen verführt. Die Genauigkeit, aber auch die Differenziertheit, wie Neumeier diese Figuren anlegt und entwickelt, [...] gehen über alles hinaus, was er bisher in seinen besten Balletten gezeigt hat.
Stuttgarter Zeitung

Der Amerikaner Neumeier inszeniert das deutsche Märchen bunt und witzig, mit Leichtigkeit und Eleganz.
Hamburger Morgenpost

Mit beinahe lustvoll sezierender Genauigkeit verdeutlicht Neumeier die Wesenszüge der handelnden Personen. Von zickiger Hoffart ist die Stiefmutter, deren Töchter sind hinreißend dumm und eitel gezeichnet. Der Vater – zum Schürze tragenden Hausmann degradiert – gerät ... zu einem Mann, der zu schwach ist aufzubegehren und der doch immer wieder Augenblicke des Trosts und des fröhlichen Spiels für seine Tochter Aschenputtel findet.
Hamburger Abendblatt

Neumeier hat eine Fülle neuer, emotional schlüssiger Bedeutungsnuancen gefunden, die Prokofieffs ironisch-gesetzter, durch sämtliche klassischen und romantischen Filter gepresster Musik leichthändig und zumeist unverquast Paroli bieten. Die große Ballszene, musikalisch nicht ohne Dämonie, darf man mit ihren blendenden surrealistischen Verfremdungs- und Spiegeleffekten zu Neumeiers Meisterleistungen zählen.
Die Welt

Es gibt viele choreografisch einfallsreiche Episoden voller Humor, Heiterkeit und Witz. Neumeiers Vokabular ist eckiger, holzschnittartiger, abrupter geworden, mit gebrochenen marionettenartigen Bewegungen, effektvoll verzerrt, bizarr. In Jürgen Rose hat er einen exzellenten Ausstatter, dessen kontrastreiche, farbig raffinierte Kleiderentwürfe den Bewegungsduktus und die Gegensätzlichkeit der Figuren unterstreichen.
Süddeutsche Zeitung

Legris -Beckmann
 

Fotos

 
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