Ballettrevue von John Neumeier
Inspiriert von der Musik und Ausstrahlung
Leonard Bernsteins

für Leonard Bernstein

 

Musik
  Leonard Bernstein
Choreografie
  John Neumeier
Bühnenbild
  John Neumeier
unter Verwendung der New York Fotos
von Reinhart Wolf
Kostüme
  Giorgio Armani

 

Uraufführung
Hamburg Ballett, Hamburg, 14. Juni 1998

 

Originalbesetzung
  Heather Jurgensen
Joëlle Boulogne
Anna Polikarpova
Rose Gad
Laura Cazzaniga
Lloyd Riggins
Jirí Bubenícek
Otto Bubenícek
Ivan Urban
Jacopo Munari

 

Ich liebe zwei Dinge,
Musik und Leute -
und der tiefgründigste Level, um zu kommunizieren,
ist die Musik

Leonard Bernstein

 

Ein tänzerisches, ein choreografisches Projekt, eine Art Ballettrevue zu Bernsteins ungemein tanzender und tanzbarer Musik, ihren vielfältigen Rhythmen, ihrer dynamischen Fülle. Seine Musik neu hören, gerade die allerbekanntesten Stücke - die West Side Tänze ohne Story - seine Success Story -, seinen Liedern zuhören, seinen tongewordenen Gedanken, und seinen Themen lauschen: Menschen, Liebe, New York, Krieg, Geist! Chronologie seiner Musik, Biographie des Menschen? Etwas über ihn... und wohl auch über mich: "America"! 25 Jahre bin ich schon in Hamburg und 35 in Deutschland - mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens.
John Neumeier

 

Giorgio Armani

Dieses Projekt hat mich sofort in seinen Bann gezogen durch die Modernität in Leonard Bernsteins Musik - eine Musik, die ich immer schon geliebt habe - und die zeitgemäße und trotzdem zeitlose Klarheit von John Neumeiers tänzerischen Visionen. Die tiefen Einblicke in die persönlichen, künstlerischen und mythischen Aspekte in Bernsteins Leben, die ich durch John bekam, faszinierten mich so sehr, dass ich etwas von meiner eigenen Sensibilität zu diesem Ballett beisteuern wollte.

 

Bernstein tanzt oder Bernstein-Tänze
beide Lesearten sind möglich

Ich bringe Bernstein immer sofort mit Tanz in Verbindung - den Menschen genauso wie seine Musik. Wer ihn als Dirigent erlebt hat, versteht vielleicht, was ich meine. 1975, als ich an meinem Ballett zu Mahlers 3. Sinfonie arbeitete, hatte ich die, für einen jungen Ballettdirektor vielleicht etwas vermessene Idee, Bernstein als Dirigenten zu gewinnen. Ich sprach mit Manfred Gräter, dem damaligen Leiter der Musikabteilung des WDR-Fernsehens, in dem leichten Unbehagen, Bernstein könnte vielleicht etwas dagegen haben, dass man zu Mahlers Musik tanzt. Doch Manfred Gräter nahm mir alle Bedenken: „Er kann nichts dagegen haben - er hat sie doch selbst schon alle vertanzt!". Natürlich kam es nicht zu diesem Dirigat bei einem Mann, der seine Termine schon Jahre im voraus plant, doch es entstand ein erster Kontakt. In einem langen Telefongespräch setzte sich Bernstein ganz ernsthaft mit meiner Idee auseinander, obwohl es schon klar war, dass er nicht kommen würde, und schlug mir vor, doch die 7. Sinfonie von Mahler zu choreografieren, die er für ein Ballett hielt. Anlässlich meiner Choreografie seiner „West Side Story" kam er dann nach Hamburg und wir lernten uns kennen. Es entstand eine Freundschaft, aus der heraus ich später meine Ballette zu „Songfest" and „Age of Anxiety" schuf, die er sehr gemocht hat. Er erlaubte mir, für den Prolog von "Age of Anxiety" für eine Musik, die man aus quasi aus dem Radio hört, ein Lied zu verwenden, das in "On The Town" gestrichen worden war: "Ain't got no tears left".

Meine erste Begegnung mit Bernsteins Musik war, als ich dreizehn oder vierzehn Jahre alt war, „Candide", die Platte mit der Originalbesetzung der Broadway-Premiere. Mag sein, dass das Stück kein Erfolg war - die Platte jedenfalls war damals sehr ‘in’, und ich weiß nicht, wie oft ich die Ouvertüre zu „Candide" schon als Kind in unserem Wohnzimmer vertanzt habe. Als ich sechzehn war, sah ich in einem Sommertheater „On The Town". Dieses Musical zu erleben, machte mir zum ersten Male deutlich, wie ich mir die ideale Umsetzung von Musik in Tanz vorstellte. Es war nicht irgendein ferner Prinz in Schwanensee, um den es ging, sondern es waren Menschen wie wir. Diese beiden Begegnungen führten vielleicht dazu, dass ich mir wenig später in einer Musik-Bücherei Bernsteins „Serenade" auslieh, Musik, die ich seit damals in Tanz umsetzen wollte. Als ich 1969 Ballettdirektor in Frankfurt wurde, griff ich diese Idee wieder auf, ließ sie jedoch dann wieder fallen - zu schwer schien mir die Umsetzung von Plato’s Gastmahl, diesem philosophischen Text über die Liebe, die Bernstein zu dieser Musik inspiriert hatte, in Tanz. Viel später erfuhr ich dann, dass die Themen aus den einzelnen Sätzen der Serenade in kleinen Klavierstücken auftauchten - den Anniversaries, die Bernstein Menschen, die er sehr liebte, zum Geburtstag schenkte. Ich fand einen Weg, indem ich versuchte, zwischenmenschliche Beziehungen, die verschiedenen Spielarten der Liebe, auch Homosexualität, in Tanz umzusetzen. Ich siedelte das Stück in einem New Yorker Penthouse an. Eine Party, bei der sich Menschen begegnen und wieder trennen, ein Flügel, an dem immer ein Mann sitzt und spielt, um den sich Menschen scharen. Dieser Mann steht natürlich für Bernstein selbst, denn wenn ich an Bernstein denke, sehe ich ihn immer am Klavier sitzen, wie er anderen etwas vorspielt. Auch wenn wir beide alleine waren, setzte er sich oft stundenlang ans Klavier, um zu spielen. Dies war seine Art mit den Menschen zu kommunizieren. Deswegen beginnt auch mein Ballett nach der Ouvertüre zu „Candide" mit einem Jungen alleine am Klavier.

„Bernstein-Serenade" entstand vor fünf Jahren. Die Produktion gefiel Harry Kraut, der mit Bernstein eng zusammengearbeitet hat und jetzt dem Leonard-Bernstein-Estate vorsteht, so sehr, dass er mir vorschlug, ein ganzes Tanz-Stück zu Musik von Bernstein zu schaffen. „Bernstein-Serenade" wurde dabei zum zweiten Teil dieses Ballettes: „die Nacht". Der erste Teil, "der Tag" zu dieser Nacht ist jetzt neu entstanden. Dabei ging es mir nicht darum, ein Ballett über Bernsteins Leben zu choreografieren -- in seiner Musik ist schon alles über ihn gesagt. Trotzdem werden Aspekte seines Lebens und seiner Persönlichkeit reflektiert in „The Beginning", „The City", „The Spirit" und „The Success". Am Anfang steht der Song „Who am I" aus Peter Pan, eine zentrale Frage in Bernsteins Leben. Er wird – auf der Bühne - von einem Mann und einer Frau gesungen, womit die Dualität in seinem Wesen zum Ausdruck kommt, seine zu beiden Geschlechtern gleich starke Affinität. „The City" ist natürlich New York, die Stadt, in der sich der junge Bernstein behaupten und mit ‘Jobs’ durchschlagen musste. New York ist zugleich die Stadt, die ihm später dann die ganz großen Erfolge brachte, festgehalten in den wunderbaren Fotografien von Rainhard Wolf, die ich in mein Bühnenbild einbezogen habe. „The Spirit" reflektiert das humanistische Weltbild Bernsteins, sein Engagement für die Einhaltung der Menschenrechte oder gegen beispielsweise den Vietnam-Krieg. Der Erfolg, „The Success", kam natürlich mit „West Side Story", das Musical, das jeder sofort mit dem Namen Bernstein verbindet.

Wer an Bernstein denkt, denkt an Musical -- wer an Musical denkt, denkt an den Broadway. Was hätte da näher gelegen, als einen Broadway-Designer wie Zack Brown mit den Kostümen für „Bernstein Dances" zu beauftragen. Doch ich wollte mein Ballett nicht illustrieren. Ich wollte nicht, dass die vierziger, fünfziger oder sechziger Jahre, in denen die Musik entstand, die in meiner Revue auftauchen, auch in den Kostümen nachvollzogen würden. Ich wollte etwas Zeitloses, das die einzelnen Stücke und Songs aus ihrem zeitlichen und musikalischen Kontext hebt und mit einander verbindet, und kam auf Giorgio Armani. Für mich hat seine Mode in ihrem auf Reduktion bedachten Stil und sein Feingefühl für Stoffe und Materialien, das nicht nach oberflächlichen Effekten hascht, sondern sich mit der Körperlichkeit des Menschen bewegt, immer etwas ausgesprochen Tänzerisches.

Musik und Menschen waren die beiden Dinge, die für Bernstein wichtig waren - die Menschen vielleicht noch wichtiger als die Musik, weswegen es vielleicht nicht so viel Musik von Bernstein gibt, wie man vermuten könnte, denn Komponieren bedeutet Einsamkeit. Ich denke manchmal - vielleicht wäre mein Beruf des Choreografen genau das Richtige für Bernstein gewesen -- denn er hat mit beidem zu tun: mit Musik und Menschen. Der wichtigste Teil meiner Arbeit, der Kreationsprozess eines neuen Stückes findet im Ballettsaal statt mit meinen Tänzern -- ich bin nie allein, wenn ich kreiere.

"Bernstein Dances". Wichtig ist mir die Gegenwartsform, denn seine Musik wird immer tanzen - sie ist zeitlos und ewig.

John Neumeier

 

Vor fast 20 Jahren hat sich John Neumeier zum erstenmal mit Musik von Leonard Bernstein choreografisch auseinandergesetzt: Im Dezember 1978 inszenierte er an der Hamburgischen Staatsoper das 1957 komponierte Musical "West Side Story". 1979 entstandenen die choreografischen Umsetzungen von "Songfest", einem Zyklus amerikanischer Gedichte für sechs Sänger und Orchester, zu der Bernstein 1949 durch W. H. Audens gleichnamiges Gedicht inspiriert wurde. 1990 wählte er für den 50. Geburtstag der dänischen Königin Margrete choreografierten Pas de Deux "Birthday Dances" das Divertimento für Orchester, eine der neueren Kompositionen von 1980. 1991 inszenierte er das Musical "On the Town", eine der frühen Arbeiten Bernsteins aus dem Jahr 1944. 1993 entstand zu der 1954 uraufgeführten "Serenade after Plato's 'Symposium'" für Solo-Violine, Streichorchester, Harfe und Schlagzeug und den im gleichen Jahr veröffentlichten kurzen Klavierstücken "Five Anniversaries" die Choreografie "Bernstein-Serenade", die auch die neue Ballettrevue beschließt. Die "Bernstein Dances" beruhen auf folgenden kleineren und größeren Werke des Komponisten:

I

Ouvertüre
Konzertfassung der Ouvertüre zu "Candide" für Sinfonie-Orchester, Comic Operetta, 1956

Prolog: Wer bin ich?
"Anniversary for Susanna Kyle" aus "Five Anniversaries",
für Klavier, 1954

"Who am I", Song aus "Peter Pan",
für Stimme und Klavier, 1950

Anfang und Aufbruch
"Facsimile", Choreografic Essay, für Orchester, 1946

Die Stadt der Städte
Songs aus den beiden Musical Comedies
"Wonderful Town", 1953 und "On the Town", 1944,
für Stimme und Orchester:

"What a Waste" (Wonderful Town)
"A Little Bit in Love" (Wonderful Town)
"Wrong Note Rag" (Wonderful Town)
"Lonely Town" (On the Town)

und "Lonely Town" aus "On the Town", Three Dance Episodes, Dance II, für Orchester, 1945

Spiritualität
"A Simple Song", für Stimme und Orchester
aus "Mass", A Theatre Piece for Singers,
Players and Dancers, 1971

"So Pretty", für Stimme und Klavier,
"Broadway for Peace", 1968

"Meditation No. 2" aus "Mass", für Orchester, 1971

der Erfolg, eine Erfolgstory
"Something's Coming" für Stimme und Orchester aus "West Side Story",
Musical, 1957

"Symphonic Dances" aus "West Side Story", 1957/60

 

II

Im Zeitraffer
Konzertfassung der Ouvertüre zu "Candide" für Sinfonie-Orchester,
Comic Operetta, 1956

Revue passieren
"The Story of my Life", Song
ursprünglich für "Wonderful Town" geschrieben und nicht veröffentlicht,
für zwei Stimmen und Orchester, orchestriert von Marc Aurel Floros

am Abend ...und durch die Nacht
"Serenade after Plato's 'Symposium'"
für Solo-Violine, Harfe, Schlagzeug und Streichorchester,1954,
"Five Anniversaries", für Klavier, 1954:

"Anniversary for Elizabeth Rudolf"
"Phaedrus"
"Pausanias"
"Anniversary for Lukas Foss"
"Aristophanes"
"Erixymachus"
"Anniversary for Sandy Gellhorn"
"Anniversary for Elisabeth B. Ehrmann"
"Agathon"
"Sokrates"
"Alkibiades"

Epilog
"Anniversary for Susanna Kyle"

Pressestimmen

"Gänzlich unhanseatisch: tosender Beifall ... im Parkett und auf den Rängen für "Bernstein Dances", die Hommage an Leonard Bernstein, den großen amerikanischen Komponisten und Dirigenten. ... Dem Ballettensemble stehen die Kreationen ... [Giorgio Armanis] vorzüglich. Sie betonen fürs Auge, was Choreograf John Neumeier hört und umzusetzen trachtet. Und dieses Pulsieren ging über aufs Publikum – als Fest für alle Sinne."
Jan-Peter Gehrkens, Tagesthemen, ARD

"Eine Kompagnie von internationalem Ruf, eine Schule auf hohem Niveau, ein Publikum, das, vertraut mit Musik- und Sprechtheater, auch auf [seinen] Tanz eingeschworen ist: John Neumeier hat in Hamburg nicht wenig erreicht. .... Giorgio Armanis unauffällige Kostümpracht wechselt mit fast jeder Szene. Sie ist meist eng auf den Körper geschnitten und verbrämt ihn mit seidig-samtenem Schimmer – eine Luxushaut..."
Edith Boxberger, FAZ

"Neumeier schwankt zwischen Künstler-Biographie und Studie über die eigenen Wurzeln. ... Der rasante Tanz-Mix gewinnt sogar Ironie. ... [die] Solisten spitze. Bildschön. Die Sänger ... singen spitze. Die Musiker unter Rainer Mühlbach musizieren spitze. Auch Armanis Kostüme sind spitze."
Klaus Witzeling, Hamburger Morgenpost

"Die Vielseitigkeit des Choreografen John Neumeier ... scheint unerschöpflich. ... Mögen die verschiedenen Partien auch höchst unterschiedlich geglückt sein, eben dies ist Neumeier aufs eindringlichste gelungen: Die Verschränkung von Leben und Musik, unentwegt scheint das eine in das andere zu transformieren. ... die Kostüme Armanis sind, wie sollte es anders sein, von lässiger und subtiler Eleganz, das Ensemble zeigt sich von seiner besten Seite."
Michaela Schlagenwerth, Berliner Zeitung

"Ebenso intensiv mitreissend gelingen der Choreografie dynamische Gruppenwirbel à la "West Side Story". Elegant präsentieren sich die Damen. Neoklassisch schweben sie auf Fußspitzen über die Bühne, lassen sich bei etlichen Duos in faszinierende Posituren heben."
Roland Langer, Münchner Abendzeitung

"Ob in Pas de deux, solo oder als Gruppe zeigen sie stets makellosen Tanz. Der steigert sich kurz vor der Pause zur Besessenheit. Die ideenreiche Choreografie zur Sequenz "Der Erfolg" ist sicherlich eine der stärksten Episoden der "Bernstein Dances". Sowohl Solotänzer als auch Corps de ballet geben alles und drücken die absolute Freude am Tanz aus."
Kirsten Allée, Hannoversche Allgemeine

Neumeier ist weniger daran interessiert, Bernsteins Biographie zu erzählen, als Tanz zu Bernsteins Musik zu machen. Sein kantiger, urbaner Stil und seine unverwechselbaren Tänzer passen perfekt zu der Musik, die er ausgewählt hat. ... Und als Tänzer, Musiker und Choreograf sich verbeugten, bejubelte das Publikum einen weiteren Tanz-Hit des diesjährigen Lincoln Center Festivals.
Sylviane Gold, Newsday

 Das Hamburg Ballett präsentierte sich zeitgenössisch und cool. Die Tänzer haben etwas von der Schnelligkeit und Elastizität der amerikanischen Tänzer, verwoben mit etwas russischem "Epaulement".
Margaret Putnam, Dance Review

 

Leonard Bernstein  Website

Riggins - Jurgensen - Bubenicek
 

 
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