Ballett von John Neumeier

 

Musik
  Jean Sibelius u.a.
"Der Sturm" op. 109, Nr.1 und 2
Sinfonie Nr.1 e-moll op. 39
"Lemminkainen" op. 22, Nr. 2 und 3
Choreografie
Inszenierung
Bühnenbild
  John Neumeier
Kostüme
  Silvia Strahammer
Lichtkonzept
  John Neumeier

1 Pause - 2 Stunden 30 Min.

 

Premiere
Hamburg Ballett, Hamburg 12. Dezember 1982

Originalbesetzung    
König Artus
  François Klaus
Merlin
  Max Midinet
Königin Ginevra
  Colleen Scott
Lancelot vom See
  Kevin Haigen
Elaine, die Gralsträgerin
  Gigi Hyatt
Morgane die Fee
  Lynne Charles
Mordred   Gamal Gouda
Ygerne   Beatrice Cordua
Uter Pendragon   Steven Majewicz
Galahad   Jean-Jacques Herment

 

Neufassung
Hamburg Ballett, Kampnagelfabrik
Hamburg 4. April 1986

 

Premierenbesetzung    
König Artus
  François Klaus
Merlin
  Max Midinet
Königin Ginevra
  Colleen Scott
Lancelot vom See
  Johannes Kritzinger
Elaine, die Gralsträgerin
  Gigi Hyatt
Morgane die Fee
  Chantal Lefèvre
Mordred   Gamal Gouda
Ygerne   Beatrice Cordua
Uter Pendragon   Stephen Pier
Galahad   Jeffrey Kirk

 

König Artus will das Chaos der Gewalt durch eine gerechte Friedensordnung ersetzen, kann diese eine Zeitlang erhalten, sieht schließlich sein Reich zerfallen und wird von seinem Sohn Mordred gestürzt.
Diese Ballett basiert auf dem Sagenkreis um den englischen König Artus und seine Tafelrunde. Gründliches Studium der Überlieferung, ihrer sprachwissenschaftlichen und psychologischen Deutung, sowie der komplexen Genealogie führten John Neumeier nicht einfach zu einem detaillierten Drehbuch.
Bei ihm entstand mit der "Artus-Sage" ein "choreografisches Gedicht". Dessen Handlungsgerüst entfaltet sich nicht chronologisch, sondern als Folge von eigenständigen Situationen, in denen Imaginäres ebenso wichtig ist wie Reales.

 

Ein Mythos verhält sich zur Menschheit im allgemeinen wie ein Traum zum Individuum. Ein Traum zeigt dem Individuum eine wichtige psychologische Wahrheit über sich selbst. Ein Mythos zeigt eine wichtige psychologische Wahrheit, die für die Menschheit als Ganzes gilt. Ein Mensch, der einen Traum versteht, versteht sich selbst besser; ein Mensch, der den inneren Sinn eines Mythos begreift, hat eine Verbindung zu den universellen spirituellen Fragen, die das Leben uns allen stellt.

Robert A. Johnson

 

Zur Wiederaufnahme des Balletts "Artus-Sage"
Ein Gespräch mit John Neumeier

Meine künstlerische Entwicklung und die Erfahrung der alltäglichen Arbeit führen zu Änderungen meiner Choreografien. Dies ist kein Widerspruch für mich, sondern ein notwendiger organischer Wechsel.
Das Problem der Erstfassung zur "Artus-Sage" aus dem Jahre 1982 lag darin, daß ich eine riesige Menge an Literatur und Material in mich aufgesogen hatte, um Anhaltspunkte für die Bewältigung dieses so vielfältigen und faszinierenden Stoffes zu erhalten. Als "Artus-Sage" zu einer eigenständigen Kreation wurde, hatte ich wahrscheinlich die Fülle dieser Vorgaben noch gar nicht richtig verdaut. Natürlich bleibt die ursprüngliche Faszination des Stoffes auch für die Neufassung erhalten. Nur habe ich dieses Mal bewußt versucht, zunächst nicht den Weg der "Recherche" zu gehen. Jetzt versuche ich zu überlegen: Welche Personen sind mir die ganze Zeit über, in der ich nicht an der "Artus-Sage" arbeitete, im Gedächtnis haften geblieben? Welche Züge der Fabel erscheinen mir noch klar und verständlich, so daß sie von sich aus, ohne daß man im Einzelfall die genauen literarischen und mythischen Ursprünge kennt, sinnfällig werden? Ganz einfach: Wie kann ich heute diese Geschichte aus dem Stegreif erzählen?
Entscheidend ist für mich, daß die Distanz, mit der ich heute diesen Stoff choreografiere, zu einer objektiven Kritik meiner damaligen Arbeit führt.
Ein kleines Beispiel: Als ich mir den Videofilm der Erstfassung ansah, die Musik von Sibelius wieder hörte, schien mir nicht mehr klar, warum ich gerade diese Musik verwendet hatte. Erst durch die erneute Auseinandersetzung in der Arbeit wurde mir klar, auf welch unterschiedlichen Ebenen der Stoff entwickelt werden mußte. Er entsteht aus dem Archaischen, hinzugenommen das Allgemeingültige, ich würde sagen das Menschliche. Die Werke des finnischen Komponisten Jean Sibelius sind in diesem Zusammenhang ideal geeignet, die Übergänge vom Archaischen ins Emotionelle der einzelnen Szenen nachzuzeichnen.
Für jeden, der sich mit der "Artus-Sage" beschäftigt und versucht, sie mit künstlerischen Mitteln zu deuten, ist meiner Meinung nach zunächst wichtig, wie er Merlin charakterisiert. Mir erschien es unausweichlich, besonders seine Funktion als Magier zu unterstreichen. Gleichzeitig spielt jetzt bei meinen neuen Überlegungen die Idee des Kreises eine große Rolle. Mir fiel auf, daß ich diesen Kreis stets als einen waagerechten aufgefaßt hatte, nie in die Senkrechte projiziert. Stellt man ihn jedoch in die Senkrechte, entsteht etwas Magisches, ein Kreis als fiktiver Ort, aus dem ein Mensch heraustreten kann, der gezwungen ist, einen Schritt nach unten zu machen, von seiner auf eine neue, andere Ebene. Merlin entsteht aus diesem magischen Kreis. So begann ich, speziell für Merlin eine Bewegungsform zu entwickeln, die die besondere Aura dieser Figur innerhalb des Mythos verdeutlicht.
Artus wiederum ist ein Held, der über ein außerordentliches Charisma verfügt, der weiß, daß er in der Lage ist, Macht zu übernehmen. Von Natur aus, von Gott aus, gleich welchem Prinzip folgend, ist er dazu ausersehen, Menschen zu begeistern, zu beeinflussen und zu führen. Das Wesentliche dabei: Er ist ein Mensch. Er neigt sicher eher dazu, Dinge in übergeordnetem Rahmen zu lösen als fähig zu sein, mit seinen Gefühlen und privaten Konflikten fertig zu werden. Aber er steht zu seinen Fehlern. Seine Schwäche, eingebaut wie ein Mechanismus, wird ja schon in seinen Schuldgefühlen gegenüber seinem Sohn Mordred deutlich. Aber diese Fehlerhaftigkeit nimmt überhaupt nichts weg von seiner Ausstrahlung.
Daß durch das sogenannte "Böse" die Ausstrahlung von Artus eher noch zu- als abnimmt: Darin liegt für mich die ungeheure Anziehung dieser Figur. Das "Gute" relativiert sich erst, wenn man die Kehrseite als von vornherein existent akzeptiert. Dieser Zwiespalt ist in dieser so merkwürdig zwischen Archetypus und Individuum stehenden Figur angelegt, auserwählt, berufen zu sein trotz der Mängel, die in seinem selbst, oft noch verheimlicht, vorhanden sind.

Das Gespräch führte Wolfgang Willaschek
für das Programmheft 1986


Die Handlung

I. Teil

1 Anfang
Tibetanische Musik: Gebet zu mGon-po (Mahakala)
Gebet zu Chos-rGyal (Dharmaraja oder Yama)

See - Merlin - Excalibur

2 Artus-Genealogie
Lai du Kievrefuel (Lai vom Geißblatt)
Merlin vergegenwärtigt sich die Artus-Genealogie

3 Chaos
Jean Sibelius, Der Sturm, Vorspiel op. 109 Nr. 1
Chaos
Artus findet das Schwert Excalibur
Artus entdeckt die magischen Kräfte dieses Schwertes
Artus wird König

4 Berufung
Jean Sibelius, Sinfonie Nr. 1 e-moll op. 39
1. Satz: Andante ma non troppo - Allegro energico

Merlin belehrt Artus
Lancelot vom See bietet Artus seine Dienste als Ritter an
Artus liebt Lancelot - Lancelot liebt Artus
Morgane, die Fee, seine Halbschwester, verführt Artus
Artus gründet mit Merlins Hilfe die Tafelrunde

5 Hochzeit - Blütezeit
Jean Sibelius, Sinfonie Nr. 1, 2. Satz.: Andante ma non troppo lento
Ginevra kommt an Artus' Hof
Artus und Ginevra heiraten
Artus liebt Ginevra - Ginevra liebt Artus
Ginevra und Lancelot begegnen sich
Ginevra liebt Lancelot - Lancelot liebt Ginevra
Lancelot verlässt den Hof von Artus

6 Mordred
Jean Sibelius, Sinfonie Nr. 1, 3. Satz: Scherzo (Allegro - Lento ma non troppo - Tempo I)
Mordred, der Sohn von Artus und Morgane, der Fee, wird von seiner Mutter an den Hof des Vaters geschickt
Mordred versammelt um sich eine Bande
Lancelot auf der Flucht vor Ginevra begegnet im Wald der Gralsträgerin Elaine
Lancelot denkt nur an Ginevra
In seiner Verwirrung hält er Elaine für Ginevra und bleibt bei ihr
Mordred kommt an den Hof von Artus

7 Zwischenspiel - Merlin und Morgane, Die Fee
Amarchaj (aus Stephan Micus: Implosions)
Merlin erliegt dem Zauber von Morgane, der Fee, und schenkt ihr seine magischen Kräfte
Artus sucht vergeblich Merlins Rat

8 Aufbruch
Jean Sibelius, Sinfonie Nr. 1, 4. Satz: Finale (Quasi una fantasia, Andante - Allegro molto)
Lancelot erkennt die Täuschung durch Elaine
Elaine liebt Lancelot, aber Lancelot erwidert diese Liebe nicht und verlässt sie
Elaine gebiert Lancelots Sohn Galahad, den vollkommenen Ritter, der den Gral finden wird
Artus streitet sich mit seinem Sohn Mordred
Mordred liebt Artus, Artus aber kann Mordred nicht lieben und verstößt ihn Ginevra tröstet liebevoll Artus
Lancelot kehrt an den Hof von Artus zurück
Ginevra und Lancelot geben sich ihrer Leidenschaft füreinander hin
Artus hat eine Vision von der Zerstörung der Tafelrunde
Lancelot verlässt in geistiger Verwirrung erneut den Hof
Der Ritter Galahad erscheint
Die Ritter brechen auf, den heiligen Gral zu suchen
Artus und Ginevra bleiben zurück

 

II. Teil

1 Der Traum von "Suche nach dem Heilgen Gral"
Pretorius: Organa Viderunt Omnes
Die Ritter der Tafelrunde suchen vergeblich den Gral
Parzival, Bohort und Galahad sehen den Gral
Galahad wird in den Himmel aufgenommen

2 Winter
Jean Sibelius, Der Schwan von Tuonela, op. 22 Nr. 2
Artus und Ginevra warten auf die Rückkehr der Ritter
Einige Ritter kehren erfolglos von der Suche nach dem heiligen Gral zurück
Auch Lancelot kommt reumütig und vom Wahnsinn gezeichnet erneut an den Hof von Artus

3 Das Wiedersehen
Jean Sibelius, Der Sturm, op. 109 Nr. 2 - Intrada, Berceuse, Ariels Lied
Ginevra trauert über Lancelots Zustand
Lancelot versucht vergeblich, Ginevra zu widerstehen
Lancelot und Ginevra geben sich ihrer Leidenschaft füreinander erneut hin

4 Der Bruch
Jean Sibelius, Der Sturm, op. 109 Nr. 2 - Der Sturm
Lancelot und Ginevra werden von Mordred und seiner Bande entdeckt
Lancelot versucht mit Ginevra zu entkommen
Im Kampf tötet er den jüngsten Ritter Gareth
Artus erscheint
Artus, Lancelot und Ginevra trennen sich

5 Nachsinnen
Jean Sibelius, Der Sturm, op. 109 Nr. 2 - Der Eichbaum
Artus trauert um Gareth und um sein zerstörtes Lebenswerk
Artus bereitet sich auf den bevorstehenden Krieg vor
Artus träumt, dass Merlin ihm Excalibur bringt

6 Der Untergang des Reichs
Jean Sibelius, Lemminkäinen in Tuonela, op. 22 Nr. 3
Krieg - Chaos
Artus benutzt Excalibur zum letzten Male
Artus tötet Mordred und wird von Mordred selbst tödlich verwundet
Die See überflutet das Schlachtfeld und überführt Artus zur Insel Avalon
Lancelot und Ginevra bleiben auf dem Schlachtfeld zurück

Pressestimme

Kreis und Dreieck bestimmen die Grundkonstellation in John Neumeiers Choreografie der "Artus-Sage" auf (Band-)Musik von Jean Sibelius. Die Bewegungen sind an den mittelalterlichen Bach-Illuminationen orientiert. Neumeier hat diese Bilder für sein Ballett an der Hamburgischen Staatsoper gewissermaßen zum Laufen gebracht, und dabei verlieren sie ihren stilisierten, eher eckigen Charakter durchaus nicht, bleiben hart gezeichnet, selbst wo Gefühle fließen. So sind die Individuen jederzeit für das ihnen zugrunde liegende archetypische Muster des Mythos durchscheinend... Neumeier durfte für diese sinnlich-klare Konzentration eines schwierigen Mythos erneut in Bravos strahlen.
Andreas Berger, Braunschweiger Zeitung

 

Fotos

 
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