Ballett von John Neumeier

Zweiter Teil des Ballettabends: "All unsere Gestern"
 Erster Teil

"... All unsere Gestern führten Narren auf den Pfad des stäubgen Tods ..."
William Shakespeare, "Macbeth"

 

Musik
  Gustav Mahler
Choreografie
Ausstattung
  John Neumeier

 

Uraufführung
Hamburg Ballett, Hamburg, 10. Dezember 1989

Der vierte Satz, "Adagietto", wurde am 8. Juli 1975 in New York State Theater für Natalia Makarova und Erik Bruhn unter den Titel "Epilogue" kreiert.

 

Originalbesetzung
  Gigi Hyatt
Ivan Liska
Chantal Lefèvre
Jean Laban
Bettina Beckmann
Jennifer Goubé
Anna Grabka
Stefanie Arndt
Janusz Mazon
Anders Hellström
Stephen Pier

 

Reine Musik und reine Choreografie

Gustav Mahler hat über seine Fünfte Sinfonie gesagt, dass sie kein Programm habe. Genau das gleiche sage ich über meine Ballette. Sie haben keinen nacherzählbaren Inhalt. Mahler wollte reine Musik schreiben, ich will reinen Tanz choreografieren. Aber gleichzeitig beschäftigt mich ein Gedanke: Ist ein Satz, den Mahler "Trauermarsch" überschreibt, ein Takt, dem er die Bezeichnung "klagend" gibt, denn wirklich ohne Programm? Und gibt es, wenn man die ersten vier Sinfonien Mahlers und die Fünfte miteinander vergleicht, einen hörbaren Unterschied zwischen einem Satz mit Programm und einem Satz ohne Programm? Ich glaube nicht, dass der zweite Satz der Fünften wirklich kein Programm hat, Ich denke viel eher, dass Mahler, um nicht missverstanden zu werden, vorsichtiger geworden ist. Zu Natalie Bauer-Lechner sagte Gustav Mahler einmal: "Die einzelnen Sätze der Fünften haben keine Titel. Ich könnte ihnen die schönsten Titel geben, aber ich tue es nicht." Genauso denke ich auch. Ich könnte sicher auch Titel für meine Ballette angeben, aber ich will es nicht.

Zwei Gedanken haben mich bewogen, diese Ballette zu choreografieren. Ursprünglich war für den Premieren-Termin die deutsche Erstaufführung von "Amleth" geplant. Aber als ich im Frühjahr von einer Japan-Reise nach Hamburg zurückkam und durch das fast fertige Ballettzentrum ging, war ich von der Schönheit und Klarheit dieser Räume und ihren Lichtverhältnissen restlos begeistert. Dieses Bild hat sich vervollkommnet, als die Tänzer begannen, dort zu arbeiten. Ich dachte, dass die Räume es verdient haben, durch eine Kreation eingeweiht zu werden. Und ich wollte ein Ballett für meine Compagnie machen, für die Tänzer, die in diesen Räumen arbeiten. Diese Ballette sollen den jetzigen Zustand der Compagnie dokumentieren, ihre Vielschichtigkeit, ihre Einheit. Ich habe versucht, innerhalb der Struktur dieser Ballette ein Vokabular zu finden, das mit dem täglichen klassischen Training der Tänzer in Übereinstimmung ist, die Musikalität Mahlers widerspiegelt und die für mich richtige Bewegungsdynamik hat. In dieser Balance bewegen sich die Ballette.

Als Musik wählte ich die Fünfte Sinfonie von Gustav Mahler, die mir für diesen Zweck genau richtig schien auf Grund ihrer Vielschichtigkeit und vor allem, weil ich sie für eine sehr tänzerische Musik halte, und die Lieder aus "Des Knaben Wunderhorn". Lieder und Sinfonie bilden nicht zwei Teile eines Stücks, es sind eigenständige Ballette, aber es besteht eine gewisse Verwandtschaft zwischen ihnen; auch Mahler zitiert einige Fragmente der Lieder in der Fünften Sinfonie. Für mich stellen die Wunderhorn-Lieder eine Vergangenheit zur Gegenwart der Fünften Sinfonie dar.

Mahler schrieb Musik zu den Wunderhorn-Texten, nicht um diese Texte zu illustrieren, zu vertonen, sondern um die Eindrücke, die diese Texte in ihm hervorriefen, in seiner Sprache, der Musik, auszudrücken. Er wollte den tieferen Gehalt, den er hinter diesen Texten spürte um seine eigene Dimension bereichern. So verstehe ich auch meine Ballette. Sie sind keine einfache Umsetzung der Texte oder auch der Musik in Tanz. Ich will keine Geschichte erzählen, sondern in meiner Sprache, dem
Ballett, weiterentwickeln, was ich in dieser Musik empfinde.

John Neumeier

 

Aus John Neumeiers Tagebuch zu Fünfte Sinfonie von Gustav Mahler

Werkstatt Notizen:

Okt. 27 -1989 - 11.45-13.30

Begin Scherzo - 3te Satz

Zuerst Schritte machen
- Es geht um Tanzen - Versuch nichts zu machen
dass die Tänzer kein Spaß macht!...

Die Musik ist meine primäre Inspiration
aber diese Ballette entstehen auch

  1. weil ich unsere neues Ballettzentrum
    mit einer Kreation "EINWEIHEN" will
  2. für die Tänzer!

Ballettzentrum = RAUM/neues Raums Gefühl

Hamburg Ballett = "MATERIAL" (!)

Aber: die ZEIT ?

- zu einen Zeitpunkt an dem ich viel über den Ausbruch des 2te WELTKRIEGS ~50 Jahren denke- UND, in einen Zeit, in die Überwindung von GRENZEN hoffen lässt!

 

Gustav Mahler - Zitate

Ich beginne jetzt mit der Fünften. Und ich sage, dass ich kein anderes "Programm" weiß als dieses: Die Musik entsteht ohne äußeren Anlass. Sie ist in mir. Ich ergründe nichts und will mir später nicht bescheinigen lassen, dass es etwas anderes war. "Es" geht in mir um. "Es" soll werden. Nichts anderes wird. Das muss so sein. Niemand soll fragen, warum . . . !
Es gibt, von Beethoven angefangen, keine moderne Musik, die nicht ihr inneres Programm hat. -Aber keine Musik ist etwas wert, von der man dem Hörer zuerst berichten muss, was darin erlebt ist - respektive was er darin zu erleben hat. - Und so nochmals: pereat - jedes Programm! . . . ein Rest von Mysterium bleibt immer - selbst für den Schöpfer!
Ich weiß für mich, dass ich, solang ich mein Erlebnis in Worten zusammenfassen kann, gewiss keine Musik hierüber machen würde. Mein Bedürfnis, mich musikalischsinfonisch auszusprechen, beginnt erst da, wo die dunkeln Empfindungen walten, an der Pforte, die in die andere Welt" hineinführt; die Welt, in der die Dinge nicht mehr durch Zeit und Ort auseinanderfallen. - Ebenso, wie ich es als Plattheit empfinde, zu einem Programm Musik zu erfinden, so sehe ich es als unbefriedigend und unfruchtbar an, zu einem Musikwerk ein Programm geben zu wollen. Daran ändert die Tatsache nichts, dass die Veranlassung zu einem musikalischen Gebilde gewiss ein Erlebnis des Autors ist, also ein Tatsächliches, welches doch immerhin konkret genug wäre, um in Worte gekleidet werden zu können.
"Für das schönste und gelungenste" seiner Wunderhorn-Lieder, sogar für "das wichtigste seiner Lieder überhaupt" hielt Gustav Mahler, den Erinnerungen Natalie Bauer-Lechners zufolge, "Revelge". Den ersten Satz seiner Dritten Sinfonie betrachtete er als eine "rhythmische Vorstudie" zu diesem Lied, ohne die er es gar nicht hätte komponieren können.
Das Scherzo der Fünften Sinfonie ist ein verdammter Satz! Der wird eine lange Leidensgeschichte haben. Die Dirigenten werden ihn fünfzig Jahre lang zu schnell nehmen und einen Unsinn daraus machen, das Publikum - o Himmel - was soll es zu diesem Chaos, das ewig auf's Neue eine Welt gebärt, die im nächsten Moment wieder zu Grunde geht, zu diesen Urweltsklängen, zu diesem sausenden, brüllenden, tosenden Meer, zu diesen tanzenden Sternen, zu diesen verathmenden, schillernden, blitzenden Wellen für ein Gesicht machen? Was hat eine Schafherde zu einem "Brudersphären-Wettgesang" anderes zu sagen, als blöken!? O, könnt ich meine Sinfonie fünfzig Jahre nach meinem Tode uraufführen!
Die Fünfte ist ein verfluchtes Werk. Niemand kapiert sie.

 

Pressestimmen

"Das erste der beiden Programme, das enthusiastisch im New York State Theater aufgenommen wurde, war Herrn Neumeiers Lieblingskomponisten Gustav Mahler gewidmet, und es zeigte, dass der Choreograf mehr als je zuvor ein expressives Bewegungsvokabular beherrscht. Die Compagnie sah fabelhaft aus dank des internationalen Zusammenkommens hoch trainierter klassischer Tänzer. Die "Fünfte Sinfonie" endet mit einem phantastischen Wirbel von Tänzern in weißen Tuniken und Trikots, was Herr Neumeier mit dem Fall der Mauer in Berlin 1989 in Verbindung bringt."
Anna Kisselgoff, The New York Times

"'Soldier Songs' nach Mahlers Zyklus "Des Knaben Wunderhorn" scheint oberflächlich betrachtet eine Variation des Themas "Soldaten kämpfen und Frauen warten" zu sein. Dieses Thema wird in den ersten Sätzen der "Fünften Sinfonie" fortgeführt, obwohl das Ballett nach dem ruhigen Adagietto (hinreißend getanzt von Anna Polikarpova und Otto Bubenícek) von überbordendem Jubel gekennzeichnet ist. (...) Der Eindruck ist überwältigend, und das Stück wurde wundervoll getanzt von einer Compagnie, die sich wie eine schöne Maschine bewegt."
Clive Barnes, New York Post

 

 
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