Ein Mann, der Ballettgeschichte gemacht hat
In 20 Jahren hat John Neumeier sein Hamburger
Ballett-Imperium aufgebaut

Von Horst Koegler

Ein Amerikaner, der in Kanada engagiert für die Deutschen Partei ergreift und seine positiven Erfahrungen im 30jährigen Umgang mit ihnen bekundet gegen die auch hier registrierten Ressentiments, hervorgerufen durch die Übergriffe gegen Asylbewerber und die neonazistischen Krawalle. Der Ort: Toronto. Der Anlass: ein vom National Ballet of Canada und dem Goethe-Institut gemeinsam veranstalteter "Ballet Talk" über Tendenzen der zeitgenössischen deutschen Tanzszene. Der sich hier so eloquent ins Zeug legt, ist John Neumeier. Das Datum: der 25. Februar 1993, der Tag nach seinem 51. Geburtstag. Am Abend zuvor war er vom Publikum des O'Keefe Centers nach der Uraufführung seines fürs National Ballet of Canada choreografierten Balletts "Now and Then" (zu Ravels Klavierkonzert in G-Dur) begeistert gefeiert worden.

30 Jahre John Neumeier in Deutschland: die ersten zehn seine Lehr- und Formationsjahre in Stuttgart und Frankfurt - und nun, in diesem Sommer 20 Jahre John Neumeier in Hamburg. 20 Jahre währte die Existenz der Ballets Russes von Diaghilew. Ganze zwölf Jahre waren John Cranko in Stuttgart vergönnt (dessen Todestag sich am 26. Juni zum zwanzigsten Male jährt). So langsam müssen wir uns daran gewöhnen, im deutschen Ballett in geschichtlichen Kategorien zu denken. Ein knappes halbes Jahrhundert nach der Kapitulation von 1945 gehört Deutschland zu den vitalsten und kreativsten Ballettländern der Welt - zu verdanken hat es diese avancierte Position Persönlichkeiten wie Cranko und Neumeier.

Als 21jähriger trat John Neumeier 1963 in Stuttgart sein erstes professionelles Tänzerengagement an: ein Amerikaner in Deutschland (einer unter vielen). Geboren in Milwaukee am Lake Michigan, in eine Familie mit deutschen und polnischen Vorfahren hinein war er vom Steptanz über die Akrobatik zum klassischen Tanz gekommen und hatte seine Ausbildung bei Stone-Camryn in Chicago und bei Sybil Shearer, einer der amerikanischen Einzelgängerinnen des Modern Dance absolviert. Schon damals gingen seine Interessen weit über den Tanz hinaus, war er an dramatischen Workshops der Universität beteiligt , studierte er auch Zeichnen und Malerei, unentschlossen, welchem Beruf er sich zuwenden sollte. Ein Stipendium an der Royal Ballet School in London und ein kurzes Anschlussstudium bei Vera Volkova in Kopenhagen ließen dann den Entschluss zu einer Tänzerkarriere in ihm reifen. In Stuttgart schien er sich zu einem Danseur noble zu entwickeln. In den Noverre-Matineen stellte sich indessen schon früh seine spezifische choreografische Begabung heraus, die von Cranko nachdrücklich gefördert wurde, der ihn auch schon mal für die große Kompanie choreografieren ließ. So wurde er mit 27 Jahren 1969 in Frankfurt Deutschlands jüngster Ballettdirektor. In Frankfurt stellte er die Weichen für seinen weiteren Weg: in Richtung auf eine neue Dramaturgie des abendfüllenden Balletts. Ob Klassiker wie Nussknacker und Romeo und Julia oder mehrteilige Programme, die jeweils einer spezifischen Thematik verpflichtet waren: schon in Frankfurt wurde klar, dass es Neumeier immer um eine zeitgenössische Form des Balletts zu tun war, die ihre theatralische Legitimität aus ihrer dramatischen Motivation bezieht, nicht um die konzertante Zielsetzung der Balanchine-Schule als choreografische Widerspiegelung der musikalischen Struktur. Ihm ging es immer um Inhalte, um Kommunikation, um Poesie - um eine Literarisierung jenseits der wörtlichen Fixation um das Tanzen des nicht mehr mit, Worten Auszudrückenden.

Was er in Frankfurt modellhaft skizziert hatte, projizierte er in Hamburg ins Große - auf mehreren Ebenen, in verschiedenen Schichten, mit unterschiedlichen, ja konträren Zielsetzungen -, im Blickfeld immer der Aufbau und die Entwicklung einer Kompanie von unverwechselbarer Identität. Dabei erwies er sich nicht zuletzt als ein überaus geschickter Charakterbildner seiner ihm in seltener Loyalität ergebenen Tänzer. Aus Frankfurt hatte er als seinen Stamm Marianne Kruuse und Beatrice Cordua, Max Midinet, Truman Finney, Fred Howald und Maximo Barra mitgebracht - in Hamburg entwickelten Persephone Samaropoulo, Magali Messac, Robin White und Colleen Scott, François Klaus und Ivan Liska als erste ein eigenes Profil. Später stießen Tänzerinnen wie Lynne Charles, Chantal Lefèvre, dann auch Bettina Beckmann, Stefanie Arndt, Anna Grabka und Gigi Hyatt hinzu - Tänzer wie Kevin Haigen, Ronald Darden, Gamal Gouda, Jeffrey Kirk, Anders Hellström und Jean Laban: eine Solistenequipe der Individualität - und doch alle unverkennbar Geschöpfe der Neumeierschen Imagination. So wuchs in Hamburg ein Ensemble heran, das stärker als irgendeine andere deutsche Ballettkompanie (Stuttgart nicht ausgenommen) durch den Willen und die Vorstellungskraft ihres Choreografen geprägt ist.

Nicht gerade zahlreich sind die Choreografen von Format in unserem Jahrhundert, die ihrer Kompanie über 20 Jahre hinweg den Stempel ihrer Handschrift aufgeprägt haben. Fokine, Massine, Tudor, Balanchine natürlich, Ashton vielleicht, Béjart selbstverständlich, van Dantzig, Kylián (bei van Manen zögere ich, denn er hat sowohl beim Nederlands Dans Theater wie beim Nationalballett immer neben anderen Choreografen gearbeitet), im Osten Grigorowitsch, Smok, Schilling... Aber hat je ein anderer eine so breite Skala der Ausdrucksmöglichkeiten, Themen und Formen offeriert wie Neumeier zwischen West Side Story und Matthäus-Passion einmal ganz abgesehen von der Vielzahl abendfüllender Werke? Dabei ziehen sich ganz konkrete Leitlinien durch sein Oeuvre: die Tschaikowsky-Klassiker, die Bach-Ballette, die Mozart-Ballette, die Mahler-Ballette, die Shakespeare-Ballette, die nordischen Ballette... Doch weit davon entfernt, sich sklavisch diesen Leitlinien auszuliefern, gönnt er sich immer mal wieder Abstecher auf Seitenpfade. Josephs Legende für Wien, Kameliendame, Endstation Sehnsucht, Fratres und Medea für Stuttgart, A Cinderella Story jüngst für Hamburg,  Now and Then soeben für die Nationalkanadier. Nicht alles ist Gold darunter - wie könnte es anders sein bei einer Liste von bisher rund 80 Titeln (hat Balanchine nur Meisterwerke geschaffen?). Sicher gehört Neumeier nicht zu den großen Vokabular- und Materialerneuerern der Choreografie, doch wie er mit den vorhandenen Materialien jedem seiner Ballette eine eigene Identität gibt, nötigt bedingungslose Bewunderung ab.

Noch nicht die Rede war von jenem John Neumeier, der über die Jahre hinweg durch seine beharrliche Arbeit und gerade auch durch seine zahlreichen Werkstattveranstaltungen ein ihm treu (aber nicht blindlings) ergebenes Ballettpublikum herangezogen hat. Auch nicht von jenem John Neumeier, der neben dem Aufbau seiner Kompanie planmäßig den Aufbau der Ballettschule betrieben und dafür gesorgt hat, dass Schule und Kompanie ein eigenes, von der Oper unabhängiges Gebäude zur Verfügung gestellt bekommen haben.

Mit seinen 51 Jahren kann John Neumeier auf dreißig Jahre Arbeit in Deutschland zurückblicken in der Gewissheit, zusammen mit John Cranko dem deutschen Ballett erstmals wieder seit Noverre zu Weltgeltung verholfen zu haben (und Noverres Stuttgarter Wirken währte ganze sechs Jahre.)

 


 
 
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