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Ballett von John Neumeier

 

Musik
Peter I. Tschaikowsky
     
Choreografie
Inszenierung
  John Neumeier
     
Choreografie der "Zweite
Erinnerung" nach
rekonstruiert unter
Beratung von
  Lew Ivanow

Alexandra Danilova
     
Choreografie des
Grand Pas de deux in der
"Dritte Erinnerung" nach
  Marius Petipa
Lew Ivanow
     
Bühnenbild
Kostüme
  Jürgen Rose

 

Uraufführung
Hamburg Ballett, Hamburg, 2. Mai 1976

 

Originalbesetzung    
Der König
  Max Midinet
Prinzessin Natalia
  Persephone Samaropoulo
Der Mann im Schatten
  Fred Howald
Odette   Magali Messac
Prinzessin Claire
  Marianne Kruuse
Graf Alexander
  Truman Finney
Prinz Siegfried   Eugen Ivanics
Die Königinmutter   Beatrice Cordua
Prinz Leopold   Victor Hughes

 

Max Midinet   Max Midinet   Max Midinet
Der König: Max Midinet

 

Gastspiele
1978 München 2000 Paris
1994 Nagoya, Osaka, Tokio, Yokohama

Im Repertoire
Bayerisches Staatsballett
Dresden SemperOper Ballet

 

Eine Alternative

Für mich als einen Choreografen, der nicht unbedingt revolutionär sein will, ist es unsinnig, das, was bisher geschaffen wurde und sich erhalten hat, zu verneinen. Andererseits erscheint es mir ebenso sinnlos, es manieristisch nachzuahmen, ohne den Geist der Choreografie und der sie prägenden Tanzkunst zu erfassen. Um das zu bewahren, müssen wir, glaube ich, in einer modernen Compagnie wie der unseren nach einer Alternative suchen, die den historischen Hintergrund und den zeitlichen Abstand in die Interpretation mit einbezieht.

Eine "Schwanensee"-Konzeption für unsere Compagnie kann sich nicht auf die naive Nacherzählung eines Märchens mit den uns fremden Mitteln des vorigen Jahrhunderts beschränken. Sie findet ihren Sinn nur, wenn sie das überzeitliche Thema "unverwirklichbare Liebe" und seine Interpretation, die es durch das 19. Jahrhundert erfahren hat, mit heutigen Mitteln darstellt. Anzustreben ist dabei die ideale Vereinigung von möglichst originalgetreuer Wiedergabe der choreografisch oder thematisch wichtigen Teile und historisch distanzierter Sicht. Aus dieser Perspektive relativieren sich bestimmte Traditionen, ohne dass am zeitlos gültigen Kern des Werks gezweifelt würde.

Aufgrund unserer klassischen Erziehung fühlen wir uns den rein tänzerisch durchkomponierten Passagen, vor allem dem II. Akt und dem Grand Pas de deux des III. Aktes verpflichtet, in denen Tanztechnik und choreografische Aussage identisch anmuten. Die pantomimisch-erzählenden Partien dagegen erscheinen an ihre Entstehungszeit gebunden, und ich habe sie deswegen bewusst verwendet, um diese Zeit zu charakterisieren. Bei der Suche nach der Essenz des Balletts ist natürlich die Musik von wesentlicher Bedeutung. Als erster Komponist seines Jahrhunderts hat sich Tschaikowsky nicht damit begnügt, eine effektvoll begleitende Untermalung des Szenariums zu schreiben. Grundlegende Ideen und Motive sind musikalisch eigenständig neu formuliert: Die Suche nach wahrem Glück und Liebe als Ausweg aus verzweifeltem inneren Kampf. Und dieser Inhalt scheint mir verbindlicher als einzelne Details der Balletthandlung.

Der Schritt vom Märchenmythos des Librettos zu einem anderen  "Schwanenmythos" desselben Jahrhunderts, in dem sich die psychologische Struktur stärker offenbart als im ursprünglichen Ballettszenarium, liegt nahe, zumal von beiden Mythen bis heute die gleiche Zauberwirkung und eine ähnliche "magische Aura" ausgehen. Überraschender als die offensichtlichen Parallelen zu Ludwig II., dem bayrischen Märchenkönig, der sich in Neuschwanstein ein Schwanenritterschloss und eine mystische Scheinwelt erbaute, sind die inneren Analogien im Schicksal und in der psychischen Situation Tschaikowskys, Ludwigs II. und Siegfrieds, des  "Schwanensee"-Prinzen - eine unerwartete Verwandtschaft.

John Neumeier

 

 

Der Schwan

Diese Mühsal, durch noch Ungetanes
schwer und wie gebunden hinzugehn,
gleicht dem ungeschaffnen Gang
des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn;
seinem ängstlichen Sich-Niederlassen -.

in die Wasser, die ihn sanft empfangen
und die sich, wie glücklich und vergangen,
unter ihm zurückziehn, Flut um Flut;
während er, unendlich still und sicher,
immer mündiger und königlicher
und gelassener zu ziehn geruht.

Rainer Maria Rilke

 

 

Die Handlung

Die Wirklichkeit
Ein König wird für wahnsinnig erklärt, während eines Maskenballs festgenommen und eingesperrt.
Der Rohbau seines eigenen Schlosses wird ihm zum Gefängnis. Allein, spürt er die flüchtige Gegenwart eines anderen: "Der Mann im Schatten". Bevor er den Trug fassen kann, ist er verschwunden.
Traumbefangen sinkt er über das Modell eines seiner geplanten Prachtbauten.

Die erste Erinnerung: Richtfest
Handwerker und bäuerliche Bevölkerung feiern Richtfest. Bei einem der königlichen Schlossprojekte ist der Dachstuhl fertiggestellt. Auch der König ist als Bauherr anwesend und nimmt mit seinem Vertrauten, Graf Alexander, an der anschließenden Fröhlichkeit und den ausgelassenen bäuerischen Kraftspielen teil.
Weitere Mitglieder des Hofes treffen ein, unter ihnen die Königinmutter, begleitet von Prinz Leopold, die Prinzessinnen Natalia, des Königs Verlobte, und Claire, Graf Alexanders Braut. Für sie ist das Richtfest willkommener Anlass für eine sommerliche Landpartie, und sie vergnügen sich bei Picknick und Tanz. Man tanzt Quadrille. Die Festlichkeit gipfelt in einer Polonaise, angeführt von der Königinmutter und ihrem Begleiter.
Nur der König entzieht sich dem gesellschaftlichen Treiben. Gedankenversunken bleibt er zurück. So findet ihn Prinzessin Natalia, als sie allein zurückkehrt. Auch ihr verweigert sich der König. "Der Mann im Schatten" ist wieder anwesend.

Die Wirklichkeit
In seinem Gefängnis stolpert der König über einen der herumstehenden, verhangenen Gegenstände. Es ist ein Bühnenbildmodell für das Ballett "Schwanensee".

Die zweite Erinnerung:
Separatvorstellung "Schwanensee"

Für sich allein lässt der König "Schwanensee" tanzen. Das Ballett erzählt von der Prinzessin Odette, die durch den bösen Zauberer Rotbart in einen Schwan verwandelt wurde und nur um Mitternacht für eine kurze Zeit ihre ursprüngliche Mädchengestalt annehmen darf; es berichtet vom Prinzen Siegfried, der auf der Schwanenjagd die nächtliche Rückverwandlung beobachtet und sich in die Schwanenprinzessin verliebt. Der König identifiziert sich ganz mit der Illusionswelt der Bühne und übernimmt selbst den Part des Prinzen Siegfried.
Heimlich hat sich Prinzessin Natalia in den Saal geschlichen, um dem König einmal ungestört nahe zu sein. Als sie ihn tanzen sieht und seine intensive Beziehung zur Kunstfigur der Schwanenprinzessin bemerkt, verlässt sie betroffen wieder den Raum.
Am Ende des tragischen Balletts verwandelt sich Rotbart in den Augen des Königs plötzlich in "den Mann im Schatten".

Die Wirklichkeit
Laute Marschmusik schreckt den erschöpften König in seiner Zelle auf. In seiner Hysterie von Zwangsvorstellungen gepeinigt, glaubt er, es ziehe der Siegeszug seines vermeintlichen Rivalen Leopold, des neuen Prinzregenten, vorbei, und bricht zusammen.
Dabei stößt er an ein Gemälde, das ihn bei seiner Inthronisation darstellt. Durch die unvermittelte Konfrontation mit der eigenen Krönung verliert er sich wieder in die Vergangenheit.

Die dritte Erinnerung: Maskenball
Der König erinnert sich an den großen Ball der Nationen, mit dem diese Nacht ihren Anfang genommen hatte; er war als Prinz Siegfried erschienen.
Clowns unterhalten die Gäste, präsentieren besonders gelungene Kostüme und arrangieren als Zeremonienmeister die verschiedenen Touren des Cotillon. Gäste in Nationaltrachten stellen sich mit den entsprechenden Volkstänzen vor. Im ungarischen Gewand eröffnet die Königinmutter den Reigen mit einem Salon-Czardas. Als beim Partnertausch im Wechselwalzer auch der König und Prinzessin Natalia aufeinandertreffen, lässt sie überraschend den Domino von den Schultern gleiten, in den sie bisher gehüllt war, und steht in einem der Schwanenprinzessin nachempfundenen Kostüm da. Dem König gefällt der Einfall. Natalias suggestives Spiel versetzt ihn in jene Traumwelt, und zum ersten Mal kommt Verständnis zwischen beiden auf. Unvermutet tauchen die Clowns zwischen den Tanzenden auf. Sie ziehen jedem die Larve vom Gesicht. Es ist Mitternacht, Faschingsende, Demaskierung. Unbemerkt von den anderen nähert sich ein schwarzer Clown dem König; langsam nimmt er sich die Maske ab und wird für den König zum "Mann im Schatten". Die Wiederbegegnung reißt ihn aus der Illusion. Die Scheinbeziehung zu Natalia-Odette zerbricht. Der König gebärdet sich wie wahnsinnig, lässt sich so weit gehen, die Königinmutter zu brüskieren. Staatsbeamte nehmen ihn in Gewahrsam.

Die Wirklichkeit
Der König schläft. Wie aus einem Alptraum erwacht er, als es an der Tür klopft. Prinzessin  Natalia, noch im Karnevalskostüm, wird zu einer kurzen Visite hereingelassen. Er schickt sie  weg. Sie geht endgültig.
Fantasien, Wahnvorstellungen von Schwanensee tauchen vor seinen Augen auf und vermischen sich mit dem realen Bild. Deutlich empfindet er die Gegenwart des "Mannes im Schatten" und wendet sich ihm zu. Er nimmt sein  Schicksal an.

 

 

Pressestimmen

"Illusionen - wie Schwanensee" ist sicherlich eine der dramaturgisch komplexesten Ballettschöpfungen John Neumeiers, in der zudem psychologische Vielschichtigkeit und Tanzfreude verschmelzen.
Irmela Kästner, Die Welt

Gute Ballette sind wie guter Wein - im Alter werden sie noch besser. Bravos für John Neumeiers Neueinstudierung von "Illusionen - wie Schwanensee" an der Staatsoper. Nach fünf Jahren Bühnenabstinenz hatte man die Radikalität und Kraft der Neumeierschen Parabel auf Sehnsucht und Scheitern schon fast vergessen.
Tschaikowskys Klassiker mit Szenen aus dem Leben des bayerischen Märchenkönigs Ludwig zu verbinden war 1976 schon ein grandioser Coup und die Choreografie einer komplett neuen Bilderfolge zu traditionell besetzten Sphären-Klängen vielleicht Neumeiers radikalste Schöpfung.
Isabelle Hofmann, Hamburger Morgenpost

In jeder Hinsicht ein bemerkenswertes Werk.
Clement Crisp, Financial Times

Mehr als ein Ballett - eine Schöpfung von dramatischer, dynamischer Kraft und seltener Intelligenz, die man auf keinen Fall versäumen darf.
René Sirvin, Le Figaro

Neumeiers Interpretation des so oft verkitscht-schwülstig anmutenden Klassikers aller Ballettklassiker, schon 1976 entstanden, ist aktueller denn je. Die tragische Verstrickung des Bayern-Königs in seine Vorstellungswelten zu kombinieren mit der surrealen Geschichte der Liebe eines Prinzen zu einer verzauberten Prinzessin ist ein Geniestreich der Sonderklasse.
Tanznetz.de

 

 
 

 
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